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Steigende Asylbewerberzahlen : Pensionierte Lehrer sollen Flüchtlinge unterrichten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schleswig-Holstein stellt 240 zusätzliche Lehrkräfte ein. Bildungsforscher sehen Chancen für kleine Schulen im ländlichen Raum.

Kiel | Die Lehrer in Schleswig-Holstein warnen angesichts des dramatischen Anstiegs von Flüchtlingszahlen vor erheblichen Herausforderungen an den Schulen im Land. „Grundsätzlich wissen wir nicht: Wer kommt? Welche Altersgruppen mit welchem Bildungshintergrund? Welche kulturellen Hintergründe gibt es? Das kann zu Problemen führen“, sagte Tade Peetz, Sprecher der Interessensvertretung der Lehrkräfte (IVL) unserer Zeitung. Bislang werde die Problematik von Zentren für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und ehrenamtlichen Sprachpaten aufgefangen. Angesichts einer ohnehin nicht hundertprozentigen Lehrerversorgung sei es aber schwer, entsprechenden Kleingruppen-Unterricht zu ermöglichen. Der Verband schlägt deshalb vor, pensionierte Lehrer zu reaktivieren. Im vergangenen Jahr hatte das Ministerium einen ähnlichen Anlauf versucht, um dem Stundenausfall im Regelunterricht zu begegnen. Doch nur knapp sieben Prozent der 2200 angeschriebenen Lehrkräfte meldeten sich – um jüngeren Kollegen nicht die Arbeit wegzunehmen, argumentiert Peetz. Für die Lösung der Flüchtlingsproblematik ließe sich das Potenzial jedoch durchaus aktivieren.

Rückwind erhält der Vorschlag auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): „Es kann allerdings nur eine Notlösung sein“, sagte Geschäftsführer Bernd Schauer. Er könne sich auch vorstellen, dass nicht als Lehrkraft ausgebildete Menschen akut bei der Arbeit mit Flüchtlingen an Schulen helfen, wenn sie zum Beispiel Erfahrungen im arabischen Raum vorweisen. Langfristig wichtig sei es, qualifizierte Lehrer für DaZ-Stellen zu finden. „Davon gibt es noch zu wenige. Hier brauchen wir eine Fortbildungsoffensive“, so Schauer.

Das Bildungsministerium in Kiel zeigte sich auf Nachfrage offen für den Vorschlag, pensionierte Lehrer zu reaktivieren. Das Land rechnet für dieses Jahr mit einem Ansteig auf 20.000 Flüchtlinge. Darunter seien 6000 Schülerinnen und Schüler. Beispiel Neumünster: Hier ist die Zahl der DaZ-Schüler zuletzt deutlich angestiegen. „Nahmen 2008 noch 21 Schülerinnen und Schüler an den Basiskursen teil, waren es im April 2014 schon 170 Kinder und Jugendliche. Ein so starker Anstieg ist herausfordernd“, berichtet Schulrat Jan Stargardt. „Deshalb hat das Land den Personalabbau in den Schulen noch einmal reduziert und wird zum Schuljahr 2015/16 zusätzlich 240 Lehrkräfte einstellen“, sagte eine Ministeriums–Sprecherin.

Auf die Chancen der Entwicklung von Flüchtlingszahlen weist der Flensburger Bildungsforscher Prof. Dr. Holger Jahnke hin: „Schüler mit Migrationshintergrund können den Kindermangel an Grundschulen im ländlichen Raum ausgleichen.“ Dort sei die demografische Entwicklung aktuell dramatisch. Eine Studie Jahnkes zeigt: Gleicht man den Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund der Kreise in Schleswig-Holstein auf das Niveau von Hamburg (38,44 Prozent) an, ergibt sich ein Anstieg der Kinderpopulation von bis zu 45 Prozent.

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erstellt am 23.Apr.2015 | 06:30 Uhr

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