Wartezeiten bei Therapeuten : Patienten kriegen die Krise

Patienten mit schweren Depressionen warten derzeit bis zu 12 Monate lang auf eine Therapie. Dabei ist Schleswig-Holstein angeblich überversorgt mit Therapeuten.

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16. Juni 2011, 10:07 Uhr

Kiel | Immer häufiger leiden Schleswig-Holsteiner an Depressionen oder anderen behandlungsbedürftigen psychischen Problemen - doch Hilfe ist schwer zu finden. "Ich erhalte fast täglich Anrufe von verzweifelten Menschen, die keinen Psychotherapeuten finden", schlägt Marion Kay von der unabhängigen Patientenberatung in Kiel Alarm. Viele der 587 zugelassenen Therapeuten - darunter 450 Mediziner mit Zusatzausbildung - haben einen übervollen Terminkalender und weisen Patienten ab.
Schon die Kontaktaufnahme für das Erstgespräch sei schwierig. "Mitunter haben die Praxen nur eine halbe Stunde pro Woche Sprechzeit, ansonsten ist der Anrufbeantworter eingeschaltet", berichtet Kay von den bösen Erfahrungen der Hilfesuchenden. Und wer den Spezialisten endlich an die Strippe bekommt, wird vertröstet. "Wartezeiten von sechs bis 12 Monaten sind keine Seltenheit", so Kay. Eine skurrile Situation. Denn nach Angaben der Kassen gibt es genug Therapeuten im Norden. "Kein Bezirk ist derzeit unterversorgt. Im Gegenteil, der Versorgungsgrad schwankt zwischen 140 und 270 Prozent", erklärt Jens Kuschel von der AOK Nordwest in Kiel.
Diskrepanz zwischen Versorgung auf dem Papier und dem Ist-Zustand
Doch das ist nach Ansicht der Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein nur eine rechnerische Überversorgung. "Tatsächlich kommt in Dithmarschen ein Spezialist auf 23.000 Einwohner, in Kiel einer auf 3200 und im Raum Rendsburg, Neumünster, Eckernförde ein Psychotherapeut auf 8300 Einwohner", erklärt Kammerchef Michael Wohlfarth. Die langen Wartezeiten seien "unmöglich und nicht länger tragbar". Auch wirtschaftlich nicht: Schließlich sind Burnout, Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen Hauptursachen für Frühverrentungen. Die Zahl der Fehltage in den Firmen hat seit 2009 um 12 Prozent zugenommen, wie die Kassen bestätigen. "Wir brauchen nicht weniger, sondern erheblich mehr Psychotherapeuten", fordert deshalb der Dachverband.
Hinter vorgehaltener Hand wird jedoch ein plausibler Grund für die Diskrepanz zwischen Versorgung auf dem Papier und dem Ist-Zustand genannt: Viele Therapeuten mit voller Kassenzulassung arbeiten nur halbtags - weil sie sich um Kinder kümmern oder einen Zweitjob zum Beispiel in einer Klinik oder als Berater haben. Erst seit 2006 kann eine halbe Kassenzulassung beantragt werden. Noch wird davon zu wenig Gebrauch gemacht und die Zulassung von niederlassungswilligen Kollegen dadurch blockiert.
Experte Rät: Im Akutfall an Lebens- und Familienberatungsstellen wenden
Die Kassenärztliche Vereinigung in Bad Segeberg, die für Sicherstellung der psychotherapeutischen Versorgung im Land zuständig ist, sieht momentan noch keinen Handlungsbedarf. In anderen Bundesländern werden die Kassenärztlichen Vereinigungen jedoch aktiv, im Saarland zum Beispiel wurde auf Halbtags-Therapeuten Druck ausgeübt, um sie zum Verzicht auf die Hälfte ihrer Zulassung zu bewegen und so den Weg für neue Kollegen freizumachen.
Solange sich im Norden nichts ändert, kann Kay den verzweifelten Anrufern nur raten, im Akutfall Hilfe bei den regionalen Lebens- und Familienberatungsstellen zu suchen, die Telefonseelsorge anzurufen oder den Pastor. Für viele ist das keine Lösung: Sie landen in stationären Einrichtungen , die viel teurer sind als die ambulante Therapie.
(kim, shz)

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