Familiendramen : Ostern 2010 - Bilanz des Schreckens

In Bad Oldesloe entschärfen SEK-Beamte das Osterdrama. Sie überwältigen den gewalttätigen Familienvater. Foto: Mundt
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In Bad Oldesloe entschärfen SEK-Beamte das Osterdrama. Sie überwältigen den gewalttätigen Familienvater. Foto: Mundt

Eine feierlich langes Wochenende - und über Deutschland bricht eine Welle der Familiendramen herein. Grund: Zu hohe Erwartungen treffen auf angestauten Frust.

shz.de von
12. April 2010, 03:47 Uhr

Feiertage sind gefährlich. Dass familiäre Gewalt um Ostern und - meist noch auffälliger - um Weihnachten herum drastisch zunimmt, ist bei Kriminologen und Psychologen ein bekanntes Phänomen. Ostern 2010 halten Familiendramen dieser Art Ermittlungsbeamte quer durch die Bundesrepublik in Atem. Die Delikte ballen sich in den ersten Apriltagen; 18 Menschen wurden in dieser Zeit von Vätern, Freunden, Ehemännern oder von eigener Hand getötet. Was geht in den Tätern vor? Außenstehende können sich die Exzesse selten erklären. Ostern 2010 - eine Bilanz des Schreckens:

Im Nordrhein-Westfälischen Hennef taucht ein 26-Jähriger bei seiner ehemaligen Freundin (23) auf. Als die verstört einen Bekannten um Beistand bittet, kommt es zu einem heftigen Streit, dann taumelt die Frau blutüberströmt in die nahe Polizeiwache. Ihr Ex-Freund hat sie mit einem Messer verletzt und ihren Bekannten getötet.

Im Berliner Stadtteil Tempelhof erstickt ein 25-Jähriger seine zwei Jahre alte Tochter und erdrosselt deren Mutter (22). Dann stülpt er sich selbst eine Plastiktüte über den Kopf und erstickt. Über genaue Hintergründe der Tat ist nichts bekannt, Polizisten finden auf dem Laptop des Mannes lediglich Andeutungen zu Beziehungsproblemen - die getötete Mutter hatte als Prostituierte gearbeitet.

In München erschießt ein 40 Jahre alter Busfahrer erst seinen fünfjährigen Sohn, dann verletzt er seine Frau mit vier weiteren Schüssen lebensgefährlich. Am Ende richtet der Mann die Waffe gegen sich selbst, tötet sich per Kopfschuss. Anlass der Tat: Die Frau hatte ihren Mann vor die Tür gesetzt.

Er habe die Mutter (69) getötet, teilt in Leverkusen ein 73 Jahre alter Rentner seiner Tochter per Telefon mit und legt auf. Die Tochter alarmiert Polizei und Rettungskräfte, doch als die kurz darauf vor dem Wohnhaus der Eltern eintreffen, hat sich der Mann bereits selbst an einem Strick aufgehängt. Seine Frau liegt erwürgt in ihrem Bett. In der Ehe habe es andauernde Streitigkeiten gegeben, heißt es.

Am Karfreitag wacht in Hemsbach (Baden-Württemberg) ein acht Jahre alter Junge auf und findet seine Mutter (36) erwürgt vor. Als Täter gerät sofort der 44 Jahre alte Ehemann in Verdacht, der gegen seine Frau bereits mehrfach gewalttätig geworden war und inzwischen eine eigene Wohnung hat. Als Polizeibeamte den Mann kurz nach der Tat ausfindig machen, hat dieser sich bereits das Leben genommen. Das Kind wird psychologisch betreut. Im bayerischen Eichenau stranguliert ein 40-Jähriger seine sieben Jahre alten Zwillingstöchter und seine Ehefrau. Dann tötet er sich selbst mit Kohlenmonoxid.

In Bad Oldesloe schlägt und tritt ein 41-Jähriger seine Frau, wirft sie dann aus der Wohnung, in der sich noch der zweijährige Sohn des Paares aufhält. Bevor ein Spezialeinsatzkommando der Polizei den stark alkoholisierten Mann (41) festnehmen kann, bedroht dieser die Beamten mit einem Samuraischwert. Mitten auf der Straße sticht in Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) am Ostermontag ein Mann vier Mal auf den früheren Partner seiner Freundin ein und verletzt ihn schwer. Der Täter habe sein Opfer schon Tage vorher belästigt, sagen Zeugen.

In einem Wohnhaus im niedersächsischen Hude bei Oldenburg werden die Leichen einer 51 Jahre alten Frau sowie ihrer 17-jährigen Tochter und ihres Sohnes (22) gefunden. Nach dem Familienvater wird zunächst gesucht, wenig später entdecken ihn Polizeibeamte von einem Hubschrauber aus tot in einem See.

So schrecklich die Fälle sind, für Monika Frommel, Professorin am Kieler Institut für Sanktionenrecht und Kriminologie, sind sie nicht überraschend. "An Feiertage sind unsere Erwartungen an die Institution Familie besonders hoch. Da sind dann endlich einmal alle zusammen - und dann funktioniert das Zusammensein nicht nach unseren Vorstellungen." Streit statt heiler Familienwelt - Auseinandersetzungen, die an Alltagen eher hingenommen werden, ufern an Sonn- und Festtagen deutlich schneller aus. "Das ist gängiger Polizeierfahrungsschatz", sagt Frommel. "Da werden wir Opfer unserer individuellen Ansprüche. Die Nähe zu Partnern und Kindern, die herbeigesehnt wurde, gerät plötzlich zur Last."

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