zur Navigation springen

Klinische Hypnose : Ohne Angst beim Zahnarzt

vom

Es ist die Ur-Angst der Norddeutschen: Mehr als zwei Drittel fürchten den Gang zum Zahnarzt. Jetzt kann ihnen geholfen werden.

Heide | Bettina Tausendfreunds Hände zittern nicht mehr, wenn sie sich auf den Behandlungsstuhl ihres Zahnarztes setzt. Sie ist nicht mehr schweißgebadet und atemlos wie früher, schmerzhafte Spritzen und nervenaufreibende Bohrgeräusche erträgt die 44-jährige ehemalige Krankenschwester heute ruhig und entspannt.

Der Grund: Seit gut eineinhalb Jahren sucht die dreifache Mutter aus Lunden einen Zahnarzt auf, der sie vor der Behandlung in klinische Hypnose versetzt. Bei diesem Verfahren werden der rationale Teil des Gehirns sowie das Schmerzzentrum ausgeschaltet. Nun kann der Zahnarzt ohne Betäubungsmittel sogar Zähne ziehen oder Wurzeln behandeln, ohne dass der Patient das Geringste spürt.

Die Ohrfeige eines Zahnmediziners hatte bei Bettina Tausendfreund eine Art Trauma ausgelöst. Als er ohne Betäubung zu bohren begann, biss die damals Sechsjährige dem Arzt vor Schmerz in den Finger. „Daraufhin schlug er mir wütend auf den Kopf“, erinnert sich die Lundenerin. „Das wiederum hatte die Folge, dass ich mich seitdem nur noch sehr selten in eine Zahnarztpraxis gewagt hatte. Vor jedem Termin erfand ich Gründe, weshalb ich absagen musste: Auto kaputt, Grippe... Es war eine einzige Qual.“

Als ihre Zahnschmerzen wegen Karies immer unerträglicher wurden, drückte ihr eine Bekannte die Adresse von Dr. Andreas Kolb in die Hand. Der Mediziner aus Heide ist seit zwölf Jahren zertifizierter Hypnose-Zahnarzt. An mehreren Wochenend-Seminaren hat er sich in der Fähigkeit weitergebildet, Patienten auf Wunsch narkose- und dennoch schmerzfrei zu behandeln. „Was wir hier tun, hat nichts mit Show-Hypnose zu tun, wo Personen vor Publikum als willenlose Geschöpfe vorgeführt werden“, erklärt Dr. Kolb. „Jeder Mensch kennt kleine Trancen aus dem Alltag. Wir sind manchmal in Gedanken versunken, zum Beispiel wenn wir an ein schönes Erlebnis denken. Später wird uns bewusst, dass uns ein Stück Zeit in der Erinnerung fehlt. Ähnlich funktioniert die klinische Hypnose, nur deutlich intensiver. Ein Verfahren, das in Schweden übrigens jeder dritte Kollege beherrscht.“

Für unseren Besuch in der Praxis ist Bettina Tausendfreund bereit, sich in Trance versetzen zu lassen, obwohl ihre Zähne zur Zeit einwandfrei sind. Wir dürfen sie auch fotografieren.

Sie macht es sich auf dem Behandlungsstuhl bequem. „Möchten Sie wieder an Ihre Kreuzfahrt denken?“, fragt der Arzt und fährt die Lehne herunter. Seine Patientin ist einverstanden. Sie bekommt dicke Kopfhörer mit Meditationsmusik. Die ist leise eingestellt, denn die Patientin soll den Zahnarzt gut verstehen können. Mit den Augen fixiert sie eine kleine gelbe Kugel und hört, wie Dr. Kolb mit ruhigen Worten das Szenario einer Kreuzfahrt beschreibt. Während vor seiner Praxis der Regen prasselt, spricht er von wärmenden Sonnenstrahlen an Deck und den sanften Wellen neben dem großen Dampfer. „Mit jedem Patienten wähle ich vorher eine Szenerie aus“, wird der Arzt uns später erklären. „Bei Kindern zum Beispiel aktiviere ich gern mal den Fernseh-Star SpongeBob oder kommentiere ein spannendes Fußballspiel während eines Eingriffs. Wenn der Bohrer rumpelt, beschreibe ich ihnen die Fahrt mit einem Skateboard über das holprige Kopfsteinpflaster.“ Zwei Minuten später schließt Bettina Tausendfreund die Augen. Die Lider flattern, die Atmung wird langsamer, sie schluckt ein paar Mal hintereinander. „Typische Anzeichen für eine Trance“, erläutert der Zahnarzt. „Jetzt könnte ich anfangen zu arbeiten, ohne dass es die Patientin spürt.“

Mit sanfter Stimme „beendet“ Andreas Kolb die „Traum-Reise“ an Bord und sorgt so dafür, dass seine ehemalige Angstpatientin aus der Trance erwacht. Bettina Tausendfreund reibt sich überrascht die Augen. „Das hat richtig gut getan, ich fühle mich so erholt“, sagt sie. Sie ist unendlich erleichtert, dass der Heidener Zahnarzt ihr lang vernachlässigtes Gebiss auf Vordermann gebracht hat. „Und das Gute dabei ist“, schmunzelt sie. „Ich gehe nach jeder Behandlung so richtig tiefenentspannt nach Hause.“

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 08.Sep.2013 | 09:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen