Nacktskandal im „Friesenhof“ : Offizieller Grund für Jugendheim-Schließung: Kein qualifiziertes Personal

„Friesenhof“-Leiterin Barbara Janssen sagt zu den Vorwürfen: „Ein leitender Mitarbeiter, von dem ich mich 2014 getrennt habe, hat unser an sich gutes Konzept zu sehr verschärft.“
„Friesenhof“-Leiterin Barbara Janssen sagt zu den Vorwürfen: „Ein leitender Mitarbeiter, von dem ich mich 2014 getrennt habe, hat unser an sich gutes Konzept zu sehr verschärft.“

Die Mädchencamps „Nana“ und „Campina“ sollen nach dem Nacktskandal schließen. Schwere Vorwürfe auch ans Ministerium: Dem Kreis Dithmarschen waren Probleme im Jugendheim seit Jahren bekannt.

Margret Kiosz von
03. Juni 2015, 06:46 Uhr

Das Kieler Sozialministerium zieht die Notbremse: Gestern gab die Behörde bekannt, dass die Betriebserlaubnis für zwei „Friesenhof“-Jugendheime in Dithmarschen widerrufen werden soll. Konkret beabsichtigt das Landesjugendamt, die Mädchencamps „Nana“ (Wrohm) und „Campina“ (bei Wesselburen) zu schließen. Zum Verfahren gehöre eine Anhörung der Trägerin, die heute stattfinden solle, heißt es aus dem Ministerium.

„Das Landesjugendamt nimmt derzeit Kontakt zu den für die Jugendlichen verantwortlichen Jugendämtern und mit dem Jugendamt Dithmarschen auf, um alternative Unterbringungen für die Jugendlichen vorzubereiten“, erklärte Ministeriumssprecher Christian Kohl.

Als offizieller Grund für die beabsichtigte Schließung wird das Fehlen ausreichend qualifizierten Personals angegeben. „Daneben entspricht der Umgang mit den Jugendlichen in den Einrichtungen nach Einschätzung des Landesjugendamtes nicht den vereinbarten pädagogischen Maßstäben“. Das Wohl der Jugendlichen und deren Würde habe Priorität, sagte Sozialministerin Kristin Alheit (SPD). „Das muss der Maßstab des Landesjugendamtes sein.“

Wie berichtet hatten mehrere Mädchen und zwei Ex-Mitarbeiter wegen entwürdigender und freiheitsberaubender Erziehungsmethoden schwere Vorwürfe gegen die Heimleitung erhoben. Es folgte Ende Januar eine unangekündigte Kontrolle des Landesjugendamts, das dem privaten Träger strenge Auflagen erteilte. Am Montag – unmittelbar nachdem die Linken in der Hamburger Bürgerschaft den Fall publik gemacht hatten – sind die „Friesenhof“-Heime erneut überprüft worden. Dabei wurden Gespräche mit den 35 Mädchen geführt, die dort leben, weil sie psychische Probleme oder einen kriminellen Hintergrund haben. Die Schilderungen sind vertraulich.

Ein Mädchen, das von 2011 bis 2012 im Mädchencamp „Nana“ war, hat sich gestern Hamburgs Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus anvertraut und von den „schlimmsten neun Monaten ihres Lebens“ gesprochen. Die 20-Jährige, die heute in Lüneburg lebt, berichtet, es sei an der Tagesordnung gewesen, dass sich die Mädchen unter Androhung von Strafsport nackt ausziehen mussten. „Es gab mehrere Betreuer, die Spaß daran hatten.“ Ihnen sei gesagt worden: „Wir brechen euren Willen. Wehe, ihr verliert auch nur ein Wort darüber – wir können alles nach außen pädagogisch begründen, egal, was ihr erzählt.“

Derweil führt der „Friesenhof“-Fall auch zu politischen Turbulenzen in Kiel. Der Kreis Dithmarschen als örtlicher Träger der Jugendhilfe teilte gestern mit, dass er das Heim schon über Jahre nicht belege, „da einige Vorwürfe gegen die Betreiberin bekannt geworden sind, die allerdings nie eine Schließung seitens des Landes zur Folge hatten“. Die FDP forderte die Landesregierung deshalb auf klarzustellen, seit wann sie informiert war und welche Maßnahmen zum Schutz der Mädchen ergriffen wurden. Die Vorwürfe seien „schwerwiegend, insbesondere unter dem Aspekt, dass diese seit längerem bekannt sein sollen“, erklärt die Liberale Anita Klahn. Es sei völlig unverständlich, dass örtliche Jugendhilfeträger die Einrichtungen aufgrund von Unregelmäßigkeiten nicht nutzen, das auch offen kommunizieren, daraus aber von Seiten des Landes keine Konsequenzen gezogen wurden. „Ebenso wirkt es auch sehr befremdlich, dass zufällig in dem Moment, wo die Vorfälle öffentlich werden, eine Kontrolle der Jugendheime durchgeführt wird“.

„Friesenhof“-Leiterin Barbara Janssen sagt zu den Vorwürfen: „Ein leitender Mitarbeiter, von dem ich mich 2014 getrennt habe, hat unser an sich gutes Konzept zu sehr verschärft.“ Die drohende Schließung sei für sie ein Schock. „Auch die Mädchen sind wie paralysiert.“

Die CDU stellt das Verhalten des Sozialministeriums im Fall der umstrittenen Jugendhilfeeinrichtung Friesenhof im Kreis Dithmarschen auf den parlamentarischen Prüfstand. Die CDU-Landtagsfraktion beantragte am Mittwoch eine Sondersitzung des Sozialausschusses „zum nächstmöglichen Zeitpunkt“, die innerhalb von acht Tagen stattfinden muss. Die CDU-Abgeordnete Katja Rathje-Hoffmann hielt dem Ministerium Fehlinformationen vor.

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