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Warftleben : Nordstrandischmoor: Zu Besuch auf der „Bullerbü-Hallig“

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Die Kruses leben auf Nordstrandischmoor. Es ist ein Leben fernab der Hektik und im Einklang mit der Natur. Doch die Idylle hat ihren Preis.

Nordstrandischmoor | Die Nacht steckt Ruth Kruse noch in den Knochen. Ihre Schafe haben heute Lämmer zur Welt gebracht, die meiste Zeit war sie im Stall. Obwohl Ruth Kruse und ihre Familie auf der Hallig Nordstrandischmoor seit vielen Generationen Schafe halten, ist das Lammen im Frühjahr immer eine spannende Zeit. „Früher hat jedes Schaf nur ein oder zwei Lämmer bekommen, heute, durch die jahrelange Zucht, kriegen sie öfter sogar drei“, erklärt Kruse. Ohne Hilfe würden viele Lämmer die Geburt nicht überleben.

In dieser Nacht ist alles gut gegangen, die neugeborenen Lämmchen liegen schlafend und gesund bei ihren Müttern im Stroh. Kruse geht mehrmals am Tag in den Stall, um zu kontrollieren, ob alle Tiere wohlauf sind. Sind die Tiere zu dünn und bekommen nicht genug Milch, füttert sie mit der Flasche zu. Bei fast 60 Lämmern nimmt das viel Zeit in Anspruch. Doch der Aufwand lohnt sich, ist Kruse sicher, nicht nur finanziell. „Für uns ist jedes Tier wichtig, wir leben ja mit ihnen zusammen. Und es ist ein Unterschied, ob man 500 Schafe hat oder 50, da baut man eine ganz andere Beziehung zu den Tieren auf“, sagt sie und krault ein Lamm am Kopf.

Das Heu, das Ruth Kruse an die Schafe verfüttert, stammt von der Hallig. Das, was sie nicht an die eigenen Tiere verfüttern, verkaufen die Kruses weiter – als Allergiker-Heu für Pferde. Durch die vielen Überflutungen der Hallig ist es besonders staubarm und deshalb für Pferde mit Atemwegserkrankungen ideal.
Das Heu, das Ruth Kruse an die Schafe verfüttert, stammt von der Hallig. Das, was sie nicht an die eigenen Tiere verfüttern, verkaufen die Kruses weiter – als Allergiker-Heu für Pferde. Durch die vielen Überflutungen der Hallig ist es besonders staubarm und deshalb für Pferde mit Atemwegserkrankungen ideal. Foto: Michael Staudt
 

Einen Teil der Tiere behalten die Kruses für die Zucht, der Rest wird spätestens in einem halben Jahr verkauft. Das Salzwiesenlamm gilt als norddeutsche Delikatesse. Das Fleisch ist durch das Grasen auf den Salzwiesen, die regelmäßig von der Nordsee überspült werden, besonders schmackhaft. Doch der Begriff ist nicht geschützt. „Viele Lämmer werden als Salzwiesenlämmer verkauft, obwohl sie gar nicht auf den Salzwiesen aufgezogen wurden. Das drückt den Preis“, klagt Nommen Kruse. Er führt zusammen mit seiner Mutter Ruth den Hof auf der Hallig.

Kein leichter Job. Von den rund 100 Euro, die er auf dem Festland für ein Lamm bekommt, bleibt nach der Aufzucht nicht viel über. Dabei sind seine Tiere deutlich mehr wert. In der Gastronomie werden Salzwiesenlämmer mitunter für den doppelten Preis verkauft wie normale Lämmer. Nommen Kruse erhält dafür aber nicht mehr, als für Lämmer aus konventioneller Aufzucht. „Die Konkurrenz ist zu groß. Sonst würden wir sie gar nicht los werden.“

Ein Bauernhof als Spielplatz: Die kleine Emma (2) füttert ihr verwaistes „Lämmchen“ mit der Flasche. Das Muttertier war kurz nach der Geburt gestorben.
Ein Bauernhof als Spielplatz: Die kleine Emma (2) füttert ihr verwaistes „Lämmchen“ mit der Flasche. Das Muttertier war kurz nach der Geburt gestorben. Foto: Michael Staudt
 

Bald sollen er und seine Frau Stefanie den Hof übernehmen. Die Zeiten für Landwirte sind hart, besonders auf der Hallig. Rinder- oder Schweinehaltung kommt hier nicht in Frage, die Auflagen für Haltung und Gülleentsorgung der Tiere sind zu hoch. Das junge Paar sucht deshalb ständig nach neuen Einkommensmöglichkeiten. Vor einiger Zeit haben sie angefangen, Lammfelle, -fleisch und -salami aus eigener Herstellung über das Internet zu vertreiben. Auch einen kleinen Verkaufswagen haben sie sich angeschafft, mit dem sie ihre Produkte direkt an Urlauber und Tagestouristen verkaufen können.

Die Landwirtschaft ist nur ein Teil des Einkommens, von dem die Kruses  leben. Mutter Ruth ist als Rangerin und ihr Sohn Nommen als Wasserbauer beim Landesamt für Küstenschutz und Nationalpark (LKN) angestellt, der zweite Sohn Erik macht dort gerade eine Ausbildung. „Wer auf der Hallig leben will, muss sich auch für den Küstenschutz und die Natur einsetzen“, erklärt Ruth Kruse. Sie fährt regelmäßig aufs Festland nach Nordstrand, arbeitet im Büro, macht Wattführungen oder Vogelzählungen. Anders wäre das Leben auf der Hallig auch gar nicht zu meistern. „Nur von einer Sache alleine kann man hier nicht leben, man muss sich mehrere Standbeine aufbauen.“ Deshalb vermietet die Familie – wie die meisten Halligbewohner – auch Ferienwohnungen an Touristen. Der Hektik der Großstadt entfliehen, unberührte Natur erleben und die Seele baumeln lassen – eine Auszeit mitten auf der Nordsee ist bei Urlaubern im Trend. Trotzdem hat sich im Tourismus einiges verändert. „Die Menschen haben einfach keine Zeit mehr“, weiß Kruse. Während die Besucher früher zwei oder drei Wochen am Stück blieben, wollten die meisten heute nur eine oder zwei Nächte bleiben.

Zwischen 30 und 80 Zentimeter soll der Meeresspiegel der Nordsee bis zum Jahr 2100 ansteigen, schätzen Wissenschaftler. Nommen Kruse (re.) und sein Bruder Erik verstärken die Deiche deshalb mit Teer. Die Steinkante sorgt auch dafür, dass die Hallig kein Land mehr an die Nordsee verliert.
Zwischen 30 und 80 Zentimeter soll der Meeresspiegel der Nordsee bis zum Jahr 2100 ansteigen, schätzen Wissenschaftler. Nommen Kruse (re.) und sein Bruder Erik verstärken die Deiche deshalb mit Teer. Die Steinkante sorgt auch dafür, dass die Hallig kein Land mehr an die Nordsee verliert. Foto: Michael Staudt
 

Im Winter, wenn das Wetter rauer wird und sich nur noch vereinzelt Gäste auf die Hallig wagen, kehrt Ruhe ein. Zeit zum Müßiggang haben die Kruses deshalb noch lange nicht. „Wir machen alles, was wir im Sommer nicht schaffen. Zu tun gibt es immer was.“ Winter ist außerdem die Zeit der Sturmfluten. Dann müssen die Maschinen, Trecker und die Schafe auf die Warft gebracht werden. Etwa 30 Mal im Jahr ist hier „Landunter“. Im Laufe der Jahrhunderte zehrte der „Blanke Hans“ immer mehr an der Hallig, so dass von dem ursprünglich 500 Hektar großen Stück Land heute noch 170 Hektar übrig sind. Um sie einmal zu umrunden, braucht man zu Fuß etwa eine Stunde. Nicht nur die Hallig, auch die Zahl ihrer Bewohner schrumpfte. Von den 126 Personen, die um 1700 auf Nordstrandischmoor lebten, sind heute noch 24 übrig. „Lüttmoor“, das kleine Moor, wird sie auch genannt – und der Name passt. Die Hallig ist ein Mikrokosmos. Wetter und Gezeiten bestimmen den Tagesablauf, Stress und Hektik  sucht man vergebens. Es gibt einen alten Friedhof, einen Segelhafen, eine Gaststätte und sogar eine kleine Schule auf der Hallig. Die Kinder werden hier bis zur neunten Klasse vom hauseigenen Hallig-Lehrer unterrichtet.

Drei der vier Häuser auf Nordstrandischmoor sind bewohnt, auf der Warft Halberweg steht das Haus seit einiger Zeit leer. Hier haben bis vor kurzem noch Nommen Kruse und seine Frau Stefanie mit Tochter Emma und Sohn Kjell gewohnt. Um mehr Platz zu haben, zog die junge Familie vor kurzem in das große Nachbarhaus von Mutter Ruth. Seitdem wohnen Ruth Kruse, ihre Mutter Frieda (90), ihre Kinder Erik und Nommen sowie Schwiegertochter Stefanie mit den Söhnen Kjell (10), Leif (5 Monate) und Tochter Emma (2) alle unter einem Dach. „Hier wird die Großfamilie noch richtig gelebt“, sagt Ruth Kruse.

Auf dem Sturmflutpfahl sind die wichtigsten Sturmfluten markiert. Am höchsten stieg das Wasser 1976: über fünf Meter über dem Meeresspiegel.
Auf dem Sturmflutpfahl sind die wichtigsten Sturmfluten markiert. Am höchsten stieg das Wasser 1976: über fünf Meter über dem Meeresspiegel. Foto: Michael Staudt
 

Es ist ein ruhiges Leben, aber kein einsames. Das Leben auf engstem Raum verbindet. „Man hält hier zusammen“, sagt Ruth Kruse. Durch die Feriengäste sei außerdem immer Leben im Haus, Zeit für einen Schnack und eine Tasse Kaffee ist auch bei der vielen Arbeit immer – am liebsten in einem der Strandkörbe auf der Terrasse. Dann sitzen alle zusammen, lauschen dem Schnattern der Gänse, dem Blöken der Schafe und dem Rauschen der Wellen und Oma Frieda erzählt von alten Zeiten, als es auf der Hallig noch keinen Strom gab und sie Lebensmittel zu Fuß durchs Watt tragen mussten.

Auch heute noch sind viele Dinge im Alltag beschwerlicher als anderswo. Einkäufe, Arzttermine, Werkstattbesuche – alles muss auf dem Festland erledigt werden und braucht seine Zeit. Ruth Kruse würde trotzdem nichts davon gegen ein Leben in der Stadt eintauschen. „Wir fühlen uns hier wohl. Manche sagen, wir sind die Bullerbü-Hallig. Und das stimmt.“

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erstellt am 02.Apr.2017 | 21:15 Uhr

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