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Gruppierungen in Schleswig-Holstein : Nordkirche warnt vor Radikal-Christen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Sekten-Experte beobachtet die zunehmende Ausbreitung fundamentalistischer Gruppierungen in Norddeutschland.

shz.de von
erstellt am 22.Jan.2016 | 15:56 Uhr

Kiel | Heilen per Gebet, Leugnung der Evolution, Abschottung von anderen Kirchengemeinden – in Norddeutschland gibt es immer mehr fundamentalistische Christen-Gruppierungen. Davor warnt der Sekten-Experte der evangelischen Nordkirche, Jörg Pegelow. Diese würden die Bibel wortwörtlich als „vom Himmel gefallenes Wort Gottes“ betrachten und wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren.

Im Vergleich zu den USA gibt es in Deutschland wenige extreme Religionsgemeinschaften - auch weil die USA die Epoche der Aufklärung nicht durchlebt haben. Die Aufklärung hat etwa ab 1700 das rationale Denken zum Ideal erklärt und entscheidende Impulse zur Kritik an Kirche und Religion gegeben.

In den vergangenen fünf Jahren sei die religiöse Landschaft zunehmend zersplittert, „die Unübersichtlichkeit nimmt weiter zu“. Der Pastor spricht von derzeit bis zu zwei Dutzend Gemeinden, die in den größeren Städten Schleswig-Holsteins und in Hamburg jeweils zwischen 100 und 250 Mitglieder haben. Dies seien grobe Schätzungen, „denn viele Gruppen sind nach außen verschlossen und halten sich auch über ihre Größe sehr bedeckt“.

Zumeist über die Beratung von Aussteigern oder Familienangehörigen von Mitgliedern erfährt Jörg Pegelow Details. Weit über 200 allgemeine Anfragen bekommt er jährlich, allein rund 50 beziehen sich auf diese Gemeinschaften. „2013 habe ich in zehn Fällen Hilfe geleistet, 2015 waren es 25, das ist mehr als eine Verdoppelung.“

Mitglieder, die sich von einer Gemeinde trennen wollten, würden von allen sozialen Kontakten abgeschnitten, diese Trennungen gingen oft quer durch ganze Familien. „Das ist besonders dann sichtbar, wenn über die Zugehörigkeit der Kinder und den Kontakt zum ausgeschlossenen Elternteil gestritten wird.“

Dem Heilungsgebet werde eine direkte medizinische Wirkung zugeschrieben. „Setzt die gewünschte Heilung nicht ein, wird dem Kranken vorgehalten, er habe nicht genug gebetet.“ Die Entstehung der Welt sei bei den Fundamentalisten allein auf das Handeln Gottes aus dem Nichts reduziert, unter dem Stichwort „Intelligent Design“ würden grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse wie die Evolutionstheorie von Darwin samt Abstammung des Menschen vom Affen geleugnet.

„Es ist für Kinder in der Schule und zu Hause eine massive psychische Belastung, wenn in deren Familien wichtige Unterrichtsinhalte aus religiösen Gründen dämonisiert und abgelehnt werden“, so Pegelow. Auch für Lehrer sei dies eine enorme Herausforderung. So werde oft Sexualkundeunterricht abgelehnt und Klassenreisen würden untersagt, weil die Kinder angeblich nicht vor Unmoral geschützt seien. Solche Vorbehalte sonderten den Nachwuchs der Radikal-Christen von der Klassengemeinschaft ab. In Beratungsgesprächen höre er zudem immer wieder von Versuchen einer biblischen Legitimation zur körperlichen Züchtigung von Kindern.

Tendenziell gebe es in diesen Kreisen eine deutliche Überordnung des Mannes über die Frau, die mit Bibelversen begründet werde, ohne zu schauen, unter welchen Umständen diese Überlieferungen überhaupt zustandegekommen seien. „Das reicht dann von der Einschränkung der Berufswahl bis hin zu Kleidungsvorschriften, nach denen Frauen züchtig in lange Röcke gekleidet sein müssen und keine Hosen und keinen Schmuck tragen dürfen.“

In Fragestellungen hinsichtlich Partnerschaft und Sexualität sei häufig zu beobachten, dass voreheliche Sexualität nicht gelebt werden darf. „Homosexualität wird verteufelt, Homosexuelle werden auf die Seite des Bösen gestellt“, so Pegelow. Wie weit solche Sichtweisen von der Linie der Nordkirche entfernt seien, zeige sich daran, dass es mittlerweile gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Pfarrhäusern gebe.

Freikirchen wie Baptisten oder Mennoniten seien aber nicht fundamentalistischen Christen zuzuordnen, betont Pegelow. Es gehe nicht allein um unterschiedliche Positionen, sondern um einen ökumenischen Austausch und ein Miteinander.

Die Zeugen Jehovas etwa verweigerten beides, verteufelten andere Religionsgemeinschaften und lehnten eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ab. „Üblicherweise nehmen sie auch nicht an Wahlen teil, weil ihrer Meinung nach das widergöttliche System über kurz oder lang den Bach runtergeht. Alle Jahresfeste werden abgelehnt – auch die christlich geprägten.“

Johannes Schilling, Professor für Kirchengeschichte an der Kieler Uni, geht nicht davon aus, dass fundamentalistische Gemeinden im großen Stil missionieren oder gewalttätig werden. Er betrachtet diese Gruppierungen in Schleswig-Holstein als ein Randphänomen. „Ich halte die Situation nicht für gefährlich.“

Die Gründe für deren Entstehen hingen mit Defiziten in der verfassten Kirche zusammen, wo bestimmte religiöse Erwartungen aus mehr oder weniger guten Gründen enttäuscht würden, so Schilling. Solche Gemeinden seien häufig ganz stark moralistisch geprägt, „und zwar anders als der christliche Glaube, der nicht mit einer restriktiven Moral zu identifizieren ist“. Kein Theologe, der eine Vorstellung davon hat, wie die Bibel entstanden ist, könne sie als inspiriertes Wort Gottes betrachten. Der Wissenschaftler diagnostiziert bei allen fundamentalistischen Gruppierungen einen eklatanten Mangel an Aufklärung und Einsicht. „Die Frage ist doch, wie es dort um den Bildungsstand bestellt ist.“

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