zur Navigation springen

Belastender Alltag : Noch Stress oder schon Burnout?

vom

Seit viel über Burnout gesprochen wird, spürt jeder Dritte Symptome. "Der Begriff wird inflationär gebraucht", sagt der Psychiater Dr. Rolf Drews.

Neumünster | Was ist noch Stress, was ist schon Burnout? Und was hilft gegen die Erschöpfung ohne Ende? Diese Fragen sind seit mehr als zwei Jahren präsent - in Arztpraxen, an Stammtischen, in den Medien. In dieser Zeit haben die Deutschen ein hohes Bewusstsein für das Burnout entwickelt, wie aus einer repräsentativen Studie des Marktforschungsinstituts YouGov hervorgeht. Demnach halten 95 Prozent der Menschen Burnout für eine ernste Erkrankung. Jeder Dritte hat schon Symptome verspürt, seitdem so viel darüber geredet wird. 87 Prozent der 1009 Befragten sind davon überzeugt, dass auch Stress im Privaten Burnout auslösen kann.
"Ohne die breite Berichterstattung und das neue Bewusstsein für psychische Krankheiten würden erste Warnsignale wie Erschöpfung und innere Gleichgültigkeit weiterhin wenig beachtet werden", erklären die Experten der Krankenkasse dazu. Andererseits weise nicht jedes Stresssymptom - Rückenschmerzen, Kopfweh, Konzentrationsschwäche - gleich auf ein Burnout hin. "Das ist ein Begriff, der inflationär benutzt wird", sagt auch Dr. Rolf Drews, Leiter der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatischen Medizin am Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster. Für Mediziner sei Burnout keine Krankheit, kein "wissenschaftlich festgelegter Begriff", sondern ein "Risikofaktor".

Gefährliche Flucht in die Sucht

Nach der Arbeit erschöpft zu sein, das kennt jeder. "Wenn man die Erschöpfung aber nicht mehr durch Erholungsphasen kompensieren kann, kommt es zum Burnout", erläutert Drews. Die "Verdichtung der Arbeit" habe in den vergangenen Jahren erkennbar zu mehr psychosomatischen Erkrankungen geführt. Mal ein Wochenende, ohne wirklich von beruflichen Fragen Abstand zu bekommen, sei noch vertretbar. Wer sich über längere Zeit abgeschlagen fühlt, morgens kaum aus dem Bett kommt oder unter Antriebslosigkeit und Nervosität leidet, sogar in eine Depression rutscht, der sollte handeln. "Wenn dieser Zustand mehrere Wochen anhält, sollte sich der Betroffene auf jeden Fall Hilfe holen." Der erste Weg führt zum Hausarzt. Dieser klopft Eckpunkte ab: Lebensweise, eigene Ziele und eventuell ein übersteigertes Bedürfnis, es allen Recht machen zu wollen. Bei anhaltenden Symptomen wird eine Überweisung zum Psychotherapeuten oder Psychiater notwendig.
So weit muss es aber nicht kommen. "Was gegen Stress hilft, ist individuell verschieden. Wichtiger ist: Was hilft nicht?", sagt Psychiater Rolf Drews. Viele Gestresste suchen Entspannung in einer Sucht, flüchten in eine Scheinwelt aus Spielmissbrauch, Alkohol und Drogen. "Das sind die bevorzugten Mittel zum Abschalten." Die aber auf lange Sicht nicht helfen - sondern im Gegenteil nur neue Probleme für Körper und Geist schaffen.

Achtsam sein, Rituale schaffen

Und was ist besser? "Yoga, Achtsamkeitsübungen, Methoden zur Stressbewältigung wie das MBSR-Training (Mindfulness-Based Stress Reduction) oder autogenes Training, Sport", zählt Drews auf. Jeder könne seine eigenen Rituale zur Enspannen finden. "Wichtig ist, die kostbare Zeit am Wochenende nicht einfach zu verplempern." Die bewusste Suche nach Harmonie in der Freizeit kann viele Ziele haben: ein gutes Buch, schöne Musik, entspannte Gespräche.
"Das Positive an der Debatte über Burnout ist, dass Hemmungen fallen, die psychische Empfindlichkeit anzusprechen und sich bei Laien oder dem Hausarzt zu öffnen", sagt der Fachmann. "Das hat zu einer Entstigmatisierung geführt." Und das ist gut. Das Burnout-Gefühl kann nämlich auch eine Folge einer anderen, schweren Erkrankung sein - "zum Beispiel Multiple Sklerose oder beginnender Demenz".

zur Startseite

von
erstellt am 03.Dez.2012 | 09:02 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen