EHEC-Krise : Noch keine Entwarnung im Norden

Lebensmittelproben werden von einer Chemikerin auf EHEC untersucht. Foto: dpa
Lebensmittelproben werden von einer Chemikerin auf EHEC untersucht. Foto: dpa

Hamburg und Schleswig-Holstein vermelden je einen neuen Todesfall, aber weniger Neuerkrankungen: Der Kieler Gesundheitsminister mahnt dennoch zur Vorsicht.

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12. Juni 2011, 03:57 Uhr

Die Zahl der EHEC-Toten hat sich am Freitag um drei auf 32 erhöht. In Schleswig-Holstein gab es einen achten Todesfall im Zusammenhang mit der Darmerkrankung. Im Kreis Pinneberg starb bereits am Mittwoch eine EHEC-infizierte 85-jährige Frau, wie das Gesundheitsministerium am Freitag in Kiel mitteilte. Hamburg meldete einen fünften Todesfall. Ein 81-jähriger Mann sei am Vormittag im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) an Multiorganversagen gestorben, teilte eine UKE-Sprecherin in der Hansestadt mit. Der Patient sei mit dem EHEC-Erreger infiziert gewesen.
Zuvor hatte Niedersachsen einen elften Todesfall im Zusammenhang mit EHEC mitgeteilt. Eine 75-jährige Frau aus dem Landkreis Göttingen sei bereits am 3. Juni gestorben, sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Thomas Spieker, in Hannover. Erst jetzt sei EHEC labortechnisch nachgewiesen worden.
In Hamburg liegt nach Angaben der Gesundheitsbehörde noch ein weiterer EHEC-Verdachtsfall bei einem Toten vor.
Trotz weiterer Todesfälle lansame Entspannung im Norden
Trotz des neuen Todesfalls zeichnet sich in der EHEC-Krise in Schleswig-Holstein aber weiter eine Entspannung ab. Die Zahl der Neuerkrankungen ging im Vergleich zu den Vortagen zurück. Der Kieler Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) mahnte am Freitag aber zur Vorsicht. "Ich würde noch keine Entwarnung geben." Auslöser der Epidemie sind höchstwahrscheinlich Sprossen. Die Behörden hoben die Warnung vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate auf.
In Nordrhein-Westfalen wurden nach Angaben des Düsseldorfer Verbraucherschutzministeriums erstmals EHEC-Bakterien des aggressiven Typs O104 auf Sprossen gefunden. Sie stammten nach den bisherigen Erkenntnissen aus dem unter Verdacht stehenden Betrieb im niedersächsischen Bienenbüttel, erklärte das Ministerium.
Acht Todesfälle seit EHEC-Ausbruch in Schleswig-Holstein
In Schleswig-Holstein wurden bisher 68 Sprossenproben untersucht - das Ergebnis war negativ. Gesundheitsminister Gargwarnte: "Alles, was irgendwie mit Sprossen in Berührung gekommen ist, ist zu entsorgen", sagte er. Außerdem appellierte er erneut an die Menschen, Hygieneregeln in der Küche streng einzuhalten und häufig und gründlich die Hände zu waschen.
Das Kieler Gesundheitsministerium zählte insgesamt acht Todesfälle seit Ausbruch der Epidemie. Bis zum Freitag hatten sich im Norden 765 Patienten mit dem gefährlichen Darmkeim infiziert, 18 mehr als am Vortag. 185 Kranke litten an der schweren Komplikation HUS (Hämolytisch-Urämisches Syndrom) - zwei mehr als am Donnerstag.
Am UKSH: Fünf mal so viele Blut-Neuspenden wie sonst
Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, dessen Mitarbeiter seit Wochen auf Hochtouren arbeiten, war ein Durchatmen zu spüren. Es müssten keine neuen EHEC-Patienten mehr aufgenommen werden, sagte UKSH-Sprecher Oliver Grieve. Erste Isolierstationen könnten wieder in normale umgewandelt werden. "Aber die Situation ist immer noch sehr ernst", betonte er. Nach wie vor betreuen die Mediziner in Kiel und Lübeck 84 HUS-Patienten, von denen 21 auf Intensivstationen liegen. Viele der schwer kranken Patienten werden nach Angaben des UKSH noch Wochen, Monate oder sogar ihr Leben lang auf Spenderblut angewiesen sein.
In der vergangenen Woche spendeten allein am Uniklinikum 1685 Menschen Blut. 485 von ihnen kamen zum ersten Mal - und damit fünf Mal so viele Neuspender wie sonst.
Gemüsebauern erleichtert, Tourismusbranche entspannt
Nach Aufhebung der Warnung vor Gurken, Tomaten und Blattsalaten machte sich in der Landwirtschaft Erleichterung breit. "Wir haben ja von Anfang an gesagt, unser Gemüse wird nicht mit Gülle gedüngt", sagt die Sprecherin der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, Isa-Maria Kuhn. Nach Einschätzung des Landesbauernverbands wird es aber noch dauern, bis das Vertrauen der Kunden zurückgewonnen ist. Auf Wochenmärkten im Norden griffen viele Käufer wieder zu den zuvor gefürchteten Gemüsesorten - andere blieben aber vorsichtig.
Auf den Tourismus hat sich die EHEC-Epidemie weniger ausgewirkt als befürchtet. Es habe eine Reihe von Absagen von Gästen aus Süddeutschland und dem Ausland gegeben, sagte der Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Schleswig-Holstein, Stefan Scholtis, am Freitag. Bei den Touristinformationen der Ferienorte gebe es zwar zahlreiche Nachfragen, aber keine Stornierungen wegen EHEC, teilte der Geschäftsführer der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein (TASH), Christian Schmidt mit.
(dpa, shz)

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