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Schlaflos in SH : Neue Studie zeigt: Die Mehrheit der Arbeitnehmer schläft schlecht - außer Beamte

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Geruhsame Nachtruhe? Für viele Schleswig-Holsteiner nur ein Traum - das geht zumindest aus einer aktuellen Studie hervor. Experten warnen vor den gesundheitlichen Folgen von Schlafmangel.

Kiel | Die große Mehrheit der Erwerbstätigen in Schleswig-Holstein hat einer repräsentativen Studie zufolge Schlafprobleme. Rund 78 Prozent der Befragten klagten über wiederkehrende Einschlaf- und Durchschlafprobleme, wie aus dem am Dienstag vorgestellten DAK Gesundheitsreport für Schleswig-Holstein hervorgeht. Hochgerechnet auf alle Erwerbstätigen seien dies etwas mehr als eine Million Menschen, sagte der Leiter der DAK-Landesvertretung Cord-Eric Lubinski.

Chronisch schlechter Schlaf ist schlecht für die Gesundheit. Dauerhafter Schlafmangel kann beispielsweise zu Stimmungsveränderungen bis hin zu Depressionen führen. In der Folge sinken die berufliche Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität der Betroffenen.

Jeder zwölfte Arbeitnehmer (8,3 Prozent) leidet demnach sogar unter besonders schweren Schlafstörungen, der Insomnie. Bei den Berufsgruppen gibt es deutliche Unterschiede. So schlafen Beamte im Vergleich zu Arbeitern und Angestellten am besten. So klagten nur 3,7 Prozent der Staatsdiener unter Insomnie, dagegen 8,8 Prozent der Angestellten und 11,4 Prozent der Arbeiter.

Bei der als Krankheit eingestuften Schlafstörung Insomie kommen Ein- und Durchschlafstörungen, schlechte Schlafqualität, Tagesmüdigkeit und Erschöpfung zusammen. Hochgerechnet auf alle erwerbstätigen Schleswig-Holsteiner sind dies rund 113.000. Im Vergleich zu 2010 gebe es in der Gruppe der 35- bis 65-Jährigen ein Plus von 31 Prozent. „Schlafprobleme sind nicht mehr nur ein Nischenproblem“, sagte Lubinski.

Auch bei den leichteren Fällen von Schlafstörungen hat sich die Zahl der Betroffenen dem Report zufolge seit 2010 erhöht. Demnach geben mehr als ein Drittel (37 Prozent) der 35- bis 65-Jährigen an, dreimal oder häufiger pro Woche Probleme beim Ein- oder Durchschlafen zu haben. Nur rund ein Viertel (23 Prozent) gab an, gut zu schlafen. Vor sieben Jahren zählte sich noch die Mehrheit (54,2 Prozent) zu den Gut-Schläfern.

Bei den Krankschreibungen spielten Schlafstörungen indes nur eine geringe Rolle. Die große Mehrheit gehe wegen Schlafproblemen nicht zum Arzt, sagte Lubinski. Lediglich 5,6 Prozent der Erwerbstätigen waren deswegen schon einmal in einer Praxis. Aus Sicht des DAK-Landeschefs werden Schlafstörungen zu wenig ernst genommen.

„Viele Menschen haben nachts das Smartphone an der Steckdose, können aber ihre eigenen Akkus nicht mehr aufladen.“ Lubinski warnte vor möglichen Folgen chronisch schlechten Schlafs. So steige auf lange Sicht das Risiko für eine ganze Reihe von Erkrankungen wie Stoffwechselstörungen, emotionale Störungen, Bluthochdruck oder Herzschäden.

Möglicherweise bestehe auch ein Zusammenhang mit dem starken Anstieg der Krankmeldungen bei psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren, sagte Lubinski. „Die zunehmenden Schlafschwierigkeiten in der Bevölkerung sollten uns wachrütteln.“ Laut DAK-Report wurzeln Schlafstörungen auch in den Bedingungen am Arbeitsplatz. Starker Termin- und Leistungsdruck, Überstunden und ständige Erreichbarkeit gelten als wichtige Risikofaktoren. Viele Arbeitnehmer tragen nach Sicht der Experten aber auch selbst zu einem schlechten Schlaf bei - etwa durch zu viel abendliche TV- und Computernutzung. „Die Ergebnisse zeigen, wie unsere Gesellschaft Schlaf in eine Nebenrolle drängt“, sagte Lubinski.

Fragen und Antworten zum Thema Schlaflosigkeit

Wie äußern sich Schlafprobleme oder Schlafstörungen?

Es gibt mehrere Formen von Schlafstörungen, und es können ihnen vielfältige Ursachen zugrunde liegen, betont Hans-Günter Weeß, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. „Was man landläufig darunter versteht, ist aber die Insomnie, also eine Ein- und Durchschlafstörung.“ Betroffene schlafen schwer ein und durch oder sind morgens früh wach - bei manchen treten diese Symptome alle gemeinsam auf, andere haben nur mit einem davon zu kämpfen. Gerade das Durchschlafen empfinden viele Menschen als unbefriedigend oder unzureichend, sagt Jens Wagenknecht, Vorstandsmitglied im Deutschen Hausärzteverband mit Praxis im niedersächsischen Varel.

Was steckt hinter Schlafstörungen?

Die Ursachen von Schlafstörungen sind komplex. Dahinter können organische, psychische oder verhaltensbedingte Faktoren, aber auch Medikamente stecken. Nicht selten ist die Schlafstörung Ausdruck einer anderen Erkrankung. „Sehr frühes Aufwachen ist vor allem bei einer Depression häufig“, sagt Weeß. Und es kann sein, dass verschiedene Faktoren einander bedingen. Wer zum Beispiel einen Bandscheibenvorfall hat, kann schlecht liegen, wacht alle zwei bis drei Stunden auf und fängt womöglich an, über Alltagsprobleme und -sorgen zu grübeln, gibt Weeß ein Beispiel. „Das führt zu Anspannung, und Schlaf ist nicht mehr möglich.“

In der Folge ist man am nächsten Morgen nicht ausgeschlafen und will somit am Abend unbedingt schlafen. Bemüht einzuschlafen führt aber seinerseits zu Anspannung, und das Schlafen fällt wieder schwer. „Anspannung ist der Feind des Schlafes“, sagt Weeß. „Irgendwann sind die Schmerzen weg, aber das Grübeln in der Nacht bleibt und die Schlafstörung chronifiziert.“

Ab wann sollte man mit Schlafstörungen zum Arzt?

Wer über einen Zeitraum von einem Monat in mindestens drei Nächten pro Woche nicht gut schläft und am Tag beeinträchtigt ist, sollte zum Arzt gehen, rät Schlafexperte Hans-Günter Weeß. Die Beeinträchtigung kann ganz unterschiedlich aussehen: Man ist abgeschlagen, müde, unausgeschlafen, hat Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit und der Konzentration, ist leicht reizbar, hat Stimmungsschwankungen oder körperliche Beschwerden wie Magen- oder Kopfschmerzen.

Für Jens Wagenknecht ist die Frage nach der Behandlungsbedürftigkeit einfach: „Wenn wir darunter leiden, dann ist Handlungsbedarf, auch wenn es aus medizinischer Sicht nicht so zwingend erscheint.“ Um die Schlafstörung zu lindern, ist es wichtig, deren Ursachen herauszufinden. Als Behandlungsoptionen kommen unter anderem Verhaltensänderungen, eine kognitive Verhaltenstherapie oder auch Medikamente - klassische Schlaftabletten nur im Ausnahmefall und höchstens für zwei Wochen - infrage.

An wen können Betroffene sich wenden?

Niedergelassene Schlafmediziner gibt es in Deutschland kaum, betont Prof. Ingo Fietze, Leiter des interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité Universitätsmedizin Berlin. Deshalb sollte man sich bei Schlafproblemen zunächst an den Hausarzt wenden, rät Hans-Günter Weeß.

Der kann mit Untersuchungen abklären, ob die Probleme eine körperliche Ursache haben. Außerdem lässt sich in Gesprächen klären, ob aktuelle Lebensumstände oder psychische Probleme den Schlaf beeinträchtigen. Weiß der Hausarzt nicht weiter, überweist er den Patienten - je nach möglicher Ursache etwa an einen Lungenfacharzt, Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Neurologen, Psychotherapeuten oder einen Psychiater. Mitunter wird auch eine Untersuchung im Schlaflabor empfohlen.

Wer sollte ins Schlaflabor, und was passiert da?

Zur Untersuchung im Schlaflabor raten Mediziner zum Beispiel bei Schnarchen mit Atemaussetzern, bei krankhafter Tagesmüdigkeit, bei Schlafwandlern oder wenn man die Ursache einer Durchschlafstörung nicht findet, erklärt Fietze. Auf die Untersuchung vorbereiten muss man sich eigentlich nicht. „Man sollte den Tag normal verbringen. Nur bitte keinen Mittagsschlaf machen“, sagt Fietze. Nach dem Verkabeln geht man zu seiner normalen Zeit ins Bett. „Viele fürchten, dass sie nicht schlafen können, aber das ist wirklich sehr selten.“ Neben den Elektroden am Körper trägt man eine Nasenbrille, einen Brustgurt und einen Fühler am Finger. Zudem zeichnet eine Kamera an der Decke den Schlafenden auf.

Wie können Betroffene die Probleme in den Griff kriegen?

Es gibt ziemlich viele Stellschrauben, an denen man ansetzen kann. Weeß zählt auf: regelmäßige Schlafens- und Aufstehzeiten, nicht zu lange im Bett liegen, am Tag nicht schlafen, nicht fernsehen zum Einschlafen, Alkohol meiden und nachts nicht auf die Uhr schauen - dann beginnt man nämlich sofort zu rechnen, und das ist ganz und gar nicht förderlich. Es sei wichtig, möglichst abzuschalten und zu entspannen.

Wagenknecht rät von üppigem Essen und emotionalen Aufregern vor dem Schlafengehen ab - dazu zählen zum Beispiel auch Krimis. Pflanzliche Tees aus Hopfen oder Baldrian seien einen Versuch wert. Und, ganz wichtig: „Ist der Mensch körperlich erschöpft, schläft er gut.“ Gartenarbeit, Spaziergänge, Radtouren - das seien die besten Schlaftabletten.

 
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erstellt am 25.Apr.2017 | 13:57 Uhr

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