Ende der "klassischen" Weiblichkeit : Neue Runde im Geschlechterkampf

Tomma Schröder
Tomma Schröder

Sind boxende oder Fußball spielende Frauen unweiblich? Verschwindet mit ihnen die Weiblichkeit? Tomma Schröder, leidenschaftliche Freizeit-Fußballerin und Redaktionsmitglied, kann das nicht erkennen.

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20. Oktober 2008, 09:50 Uhr

"Diese Kampfsportart ist der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd", wusste schon der Deutsche Fußball Bund (DFB), als er 1955 ein Verbot des Frauenfußballs beschloss. Sind wir gut 50 Jahre später wirklich weiter, wenn zwar niemand mehr offen für ein solches Verbot stimmen würde, viele aber immer noch genauso denken? Und - kurze Zwischenfrage - warum sind es eigentlich immer die Männer, die sich mit der Natur der Frauen so wunderbar auskennen?
Durch das nicht eben feminine Gegrätsche und Getrete bleibe die "klassische Weiblichkeit" auf der Strecke, schreibt Jan-Hendrik Dany. Und weiter: Sportarten wie Leichtathletik, Schwimmen, Tennis oder Eiskunstlauf "bringen das Bewegungsgefühl der Frauen wesentlich besser zum Ausdruck". Aha, das Bewegungsgefühl also. Abgesehen davon, dass mein "Bewegungsgefühl" beim Fußballspielen ein ganz prächtiges ist, wie kommt es, dass schon Anfang des Jahrhunderts viele Frauen trotz des Verbotes Fußball spielten? Dass 1972, nur zwei Jahre nach der Aufhebung des DFB-Verbotes, über 100 000 Frauen DFB-Mitglied waren? Dass heute 955 000 Frauen im Verein Fußball spielen, wie Jan-Hendrik Dany selbst so schön - aber leider falsch - recherchiert hat? Es sind mittlerweile 1 002 605! Vielleicht ja deshalb, weil es ihnen Spaß macht? Weil es ihrem "Bewegungsgefühl", was immer das genau sein mag, entspricht? Und weil sie sich unerhörte 90 Minuten lang einmal nicht darum scheren, ob die Frisur sitzt und was man(n) darüber denkt?
Ist eine Frau bei Media-Markt tatsächlich ein männliches Horror-Szenario?
Ob es um Frauenfußball oder Karriere, um Löhne oder Elternteilzeit geht - das Dilemma der Emanzipation bleibt: Rechtlich sind Frauen heute in fast allen Belangen gegenüber Männern gleichgestellt und gar nicht selten - auch das sei erwähnt - bevorteilt. Aber was nur ist in den Köpfen los, wenn man(n) sich fürchtet, dass die Partnerin demnächst vorschlagen könnte "zu Media-Markt und nicht immer in diese ganzen Boutiquen und Schnickschnack-Läden zu gehen". Unweiblich oder oberflächlich, technikbesessen oder mit Schnickschnack-Fimmel - warum muss dieses vereinfachende, dichotomische Denken, das "Weiber" schon früher entweder zur Hure oder zur Heiligen abgestempelt hat, immer wieder für die Beschreibung von Frauen herhalten? Ist es so schwierig, sich eine Frau vorzustellen, die sich erst bei Media-Markt ein Notebook kauft und dann ein Kleid in einer Boutique? Und zu guter Letzt: Ist eine Frau bei Media-Markt tatsächlich ein männliches Horror-Szenario? Oder vielleicht doch schlichtweg banale Realität?
Versuchen wir ernst zu bleiben: Der Postfeminismus ebne die Unterschiede der Geschlechter ein, schreibt Herr Dany. Die "Gleichmacherei" von Männlein und Weiblein im alltäglichen Leben, die im Übrigen oftmals mit der "Gleichstellung" verwechselt wird, hat es gegeben und gibt es noch immer. Sie ist das Resultat einer ganz normalen Pendelbewegung, die vom einen ins andere Extrem ausschlägt. Die konsequente Ablehnung alles Erotischen, wie sie Alice Schwarzer bis heute vertritt, ist da nur ein Beispiel.
Richtig, die "klassische Weiblichkeit" gibt es nicht mehr.
Doch eine Reise zurück in die Vergangenheit sollte doch bitte nicht die Antwort sein! Und genau hier kommt die Postmoderne beziehungsweise der Postfeminismus ins Spiel: Richtig ist, dass der Postfeminismus die Kategorien "Mann" und "Frau" als soziale Konstrukte ansieht und dekonstruiert, als Definitionsbegriffe ablehnt. Nun würde unser Alltag vermutlich aus den Fugen geraten, wenn wir die Begriffe "Mann" und "Frau" in dieser radikalen Form auflösten. Aber sind wir nicht trotzdem über den Zeitpunkt hinaus, da man Frauen und Männer danach unterschied, ob sie "Bier trinken" und "rauchen", ob sie "laut und vulgär sprechen", ob sie "klobige Schuhe" oder High-Heels anziehen?
Viele dieser Kategorien passen schlichtweg nicht mehr. Weil Frauen auf dem Fußballplatz laut und vielleicht auch vulgär reden, während sie sich im Restaurant bei ihrer Begleitung höflich für das Abnehmen der Jacke bedanken. Weil sie nachmittags mit klobigen Schuhen durch den Wald spazieren und sich abends auf Absätzen ins Nachtleben stürzen. Weil sie Box-Weltmeisterin sein können und trotzdem gern im tief ausgeschnittenen Abendkleid vor Kameras flanieren. Insofern müsste man sagen: Richtig, die "klassische Weiblichkeit" gibt es nicht mehr. Daraus zu folgern, es gäbe keine Weiblichkeit mehr, ist falsch.
Ist ein Mann mit Kinderwagen unmännlich?
Allein, es gibt keine starren Regeln mehr, an die sich Frauen und Männer halten können. Das führt zu Verunsicherungen auf beiden Seiten. Ist ein Mann mit Kinderwagen unmännlich? Eine Frau in Uniform unweiblich? Oder, wie Jan-Hendrik Dany ängstlich fragt: Lässt sich die Partnerin demnächst auch noch einen Bart wachsen?
Antworten auf diese Fragen muss sich jeder selbst suchen. Denn der Grenzbereich zwischen "männlich" und "weiblich" ist groß, spannend und schillernd. Was den Bart anbelangt, kann jedoch Entwarnung gegeben werden. Abgesehen von einigen Launen der Natur, die so tolerant ist, selbst hier Ausnahmen zuzulassen, gilt doch für die große Mehrheit der Frauen immer noch der Satz von George Hamilton: "Die Vorliebe der Männer für Vollbärte hängt mit der Emanzipierung der Frau zusammen. Denn beim Vollbart kommt auch die emanzipierteste Frau nicht mit."

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