Neulandhalle : Neue Perspektiven für das Nazi-Bauwerk

Monumentale Wächter: Soldat und Deichbauer - die Neulandhalle auf einer zeitgenössischen Postkarte. Foto: sh:z
1 von 3
Monumentale Wächter: Soldat und Deichbauer - die Neulandhalle auf einer zeitgenössischen Postkarte. Foto: sh:z

Trotz Abrissgenehmigung soll eine wissenschaftliche Studie nun klären, wie Neulandhalle in Dithmarschen zum historischen Lernort werden kann.

shz.de von
21. Juni 2012, 06:32 Uhr

Meldorf | Bisher macht der Eigentümer, der Kirchenkreis, keinen Gebrauch von der Abrissgenehmigung. Im Gegenteil: Im kirchlichen Auftrag führt ein Team um Prof. Dr. Uwe Danker und Claudia Ruge vom Institut für Zeit- und Regionalgeschichte (IZRG) der Universität Flensburg eine Studie durch, die klären soll, wie ein historischer Lernort Neulandhalle gestaltet werden könnte, ob Bedarf besteht, das Projekt überhaupt machbar ist. Am Mittwoch stellten die Historiker in Meldorf einem kleinen Kreis von Fachleuten ihre Ergebnisse vor, am 2. Juli wird die Studie übergeben. Exklusiv für den sh:z werden hier die wesentlichen Ergebnisse vorgestellt.
Hitlers Musterkoog: 1935 weihten Schleswig-Holsteins Nationalsozialisten um Gauleiter Hinrich Lohse ihr Prestigeprojekt, den Adolf-Hitler-Koog’ (heute: Dieksanderkoog), ein. In Gegenwart von Hitler, mit viel Pomp und Rundfunkübertragung ins ganze Reich. Dabei legte Hitler auch den Grundstein für die Neulandhalle, die im neuen Musterkoog an Stelle einer üblichen Kirche errichtet wurde. Flankiert von einem hölzernen Turm mit Glocke, an der nördlichen Außenfront geschützt von zwei monumentalen Wächtern, Soldat und Arbeitsdienstmann, die innere Ostwand der Haupt halle verziert mit von Otto Thämer angefertigten Fresken, die Deichbau, Ernte und Hausbau heroisierten, fungierte die Halle, wie der Kunsthistoriker Hans-Günther Andresen es ausdrückt, als "bäuerlicher Tempel der Volksgemeinschaftsideologie", als Tagungsort und gesellschaftlicher Mittelpunkt für die nach der rassistischen NS-Ideologie ausgewählten Neusiedler des Kooges.
Nach 1945 als Gastwirtschaft und Jahrzehnte lang als evangelische Jugendfreizeitstätte genutzt, hat der Kirchenkreis keine Verwendung mehr für das symbolträchtige Gebäude. Seriöse Kauf-Interessenten gibt es nicht, man hat Angst vor rechtsextremer Umnutzung, sollte das Gebäude auf dem freien Markt angeboten werden. Anfang 2011 plädierte Prof. Danker in dieser Zeitung für ein Moratorium, inzwischen erschien aus der Feder von Frank Trende, Ministerialrat und Landeskundler, ein wichtiges Buch über den Adolf-Hitler-Koog’ und seine Neulandhalle (Neuland! War das Zauberwort. Neue Deiche in Hitlers Namen, Boyens, Heide, 2011). An einen lautlosen Abriss denkt derzeit niemand. Ist aber eine kulturelle Nutzung als historischer Lernort’ machbar und sinnvoll?
Die Idee: Die Flensburger Historiker leiten ihre Ausstellungsidee direkt aus der Koog-Geschichte ab: Architektur, Kunst und propagandistische Verwertung seien ein Beispiel für nationalsozialistische Selbstdarstellung. Zudem falle auf, dass jene schleswig-holsteinischen NS-Akteure um Hinrich Lohse hier 1935/36 die "friedliche Landnahme" feierten, die 1941 bis 1944 die mörderische zivile Besatzungsherrschaft im aus den besetzten baltischen Ländern und Weißrussland gebildeten Reichskommissariat Ostland verantworteten. Lebensraum-Politik auf zweierlei Weise! Und schließlich habe man diesen Koog ausdrücklich als Volksgemeinschaft im Kleinen gesehen, als NS-typisches Gemeinschaftsmodell mit attraktiver Integration der gesunden Arier, allerdings verbunden mit der gewaltsamen Ausgrenzung der Schwachen, Kranken, politisch Andersdenkenden und Nichtarier.
Die Kernidee von Danker und Mitarbeitern lautet: Am Beispiel von Adolf-Hitler-Koog und Neulandhalle die Geschichte der in der NS-Zeit ideologisch aufgeladenen Landgewinnung zum Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit NS-Selbstdarstellung, Lebensraumpolitik und Volksgemeinschaftsidee zu machen. Dabei setzen sie auch auf inhaltliche Kooperationen mit den KZ-Gedenkstätten Neuengamme und Ladelund sowie mit Westküsten einrichtungen wie dem Multimar-Wattforum. Außenanmutung und Erdgeschoss der Halle sollen nach ihren Plänen weitgehend rekonstruiert werden, die eigentliche historische Ausstellung in den anderen Geschossen und auf dem Außengelände präsentiert werden. In plastischen Schilderungen der Historiker entsteht die lebendige Vision des historischen Lernortes .
Die Finanzierung: Weil Schleswig-Holstein noch keine Ausstellung zur Geschichte des Nationalsozialismus aufweist, wird der Bedarf für Schulen, Universitäten und allgemeine Besucher unterstrichen, auch wenn, so die Gutachter, aufgrund der abgeschiedenen Lage in Süder dithmarschen nicht mit sehr großen Besucherzahlen zu rechnen ist. Empfohlen wird gemeinsame Trägerschaft von Nordkirche und Land, wobei das Land durch verschiedene Einrichtungen vertreten sein könnte. Die investiven Kosten für umfängliche Baumaßnahmen werden auf knapp drei Millionen Euro taxiert, die kreativ gestaltete und hochmodern ausgestattete Ausstellung im Innen- und Außenbereich auf rund 600.000 Euro. Die jährlichen Betriebskosten fallen mit etwa 100.000 Euro vergleichsweise gering aus.
Für die Finanzierung verweisen die Gutachter darauf, dass ihre Recherchen und Gespräche beim Bundesbeauftragten für Medien und Kultur sehr Erfolg versprechend verlaufen seien: Schleswig-Holstein habe gute Aussichten, mit dieser wissenschaftlichen Konzeption einen Erinnerungsort mit nationaler Bedeutung zu schaffen und dafür die Hälfte aller Kosten vom Bund zu erhalten. Da weitere Zuschussmöglichkeiten existierten, könne das Land auch in Zeiten sehr knapper Kassen diese kulturelle Aufgabe von Rang umsetzen. So jedenfalls das Fazit der Wissenschaftler.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen