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Windkraft : Neue Energie für Helgoland

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Vor der Küste Helgolands sollen Windparks entstehen. Die Helgoländer wollen so die sinkenden Einnahmen durch Tagesurlauber auffangen.

Helgoland | Aus seinem Amtszimmer im ersten Stock des Rathauses hat Helgolands Bürgermeister Jörg Singer den Eingang zur Einkaufsstraße bestens im Blick. Vor einer halben Stunde ist der Katamaran "Halunder Jet" aus Hamburg gelandet, nun schwärmen Hunderte von Passagieren aus, um während des dreieinhalbstündigen Aufenthaltes die Insel zu erkunden.
Für Singer ein vertrauter Anblick: Das Kommen und Gehen der Tagesgäste ist seit rund einem halben Jahrhundert auf Helgoland ein ebenso regelmäßiges Ereignis wie Ebbe und Flut. Seit Jahrzehnten sind die Ausflügler vom Festland die Haupteinnahmequelle der Inselbewohner, die Ihnen während des kurzen Aufenthaltes zoll- und mehrwertsteuerfrei Zigaretten, Spirituosen und andere Waren verkauften.
In 20 Jahren hat sich die Zahl der Tagesgäste halbiert
Während jedoch vor zwanzig Jahren noch bis zu 700.000 Tagesgäste pro Jahr kamen, waren es in der jüngeren Vergangenheit weniger als die Hälfte. Für Helgolands parteilosen Bürgermeister ist das ein Signal, dass sich auf der defizitären Insel etwas ändern muss, wenn sie zukunftsfähig sein möchte. "Wir haben jetzt beste Chancen, uns ein weiteres Standbein zu schaffen", sagt er.
Die Gelegenheit dazu bietet die vor einem Jahr im entfernten Berlin angestoßene Energiewende. Drei Windparks werden in den kommenden drei Jahren in der Nähe der Insel entstehen, mehr als eine Million Single-Haushalte sollen dadurch mit Strom versorgt werden. Helgoland wiederum wird als benachbarte Hochseeinsel die Basis für die Versorgung der Windparks mit Ersatzteilen werden. Fahrtzeiten und Treibstoffverbrauch der Versorgungsschiffe lassen sich dadurch im besten Fall halbieren, sagt der studierte Wirtschaftsingenieur Singer, der seine Karriere ebenfalls in der Windenergie-Branche startete.
180 Arbeitsplätze durch Windparks
Bis zu 180 Arbeitsplätze könnten in diesem Umfeld entstehen, schätzt Singer. Gerade hat er für den August ein hochkarätig besetztes "Wirtschaftsforum Offshore" initiiert, denn er verspricht sich viel von dem langfristig angelegten Offshore-Deal – unter anderem neue Inselbewohner. Momentan hat Helgoland rund 1400 Einwohner, vor 20 Jahren waren es noch rund doppelt so viele. Singer war selbst einer, der ging, um zu studieren und die Karriere zu starten. Aber er kam zurück. "Helgoland ließ mich nie ganz los", sagt er. Nun hofft er, dass es ihm andere gleichtun. Rückkehrer wie er, aber auch neue Bewohner.
Allerdings stellt sich die Frage, ob auf dem roten Felsen in der Nordsee genug Platz für Industrie-Dienstleistungen und Urlaubs-Erholung zugleich ist – Helgoland passt mit 1,7 Quadratkilometern immerhin etwa dreimal auf die Fläche des Hamburger Flughafens. Können auf dieser kleinen Fläche Touristen nach Ruhe und Erholung in der Natur suchen und zugleich ein industrieller Service-Stützpunkt entstehen?
Ausbau des Südhafens
Jörg Singer glaubt nicht, dass sich Tourismus und Offshore-Industrie ins Gehege kommen. "Wir werden lediglich Reaktionshafen, der Großumschlag für Großkomponenten erfolgt in den Küstenhäfen", sagt er und greift zur Karte auf dem Schreibtisch. Man baue lediglich den bislang gar nicht entwickelten Südhafen aus, damit dort Ersatzteile für die umliegenden Windparks gelagert werden können. Drei Bürokomplexe mit Lagerhallen à 1.500 Quadratmeter sollen dort entstehen. Singer zeigt auf die freie Stelle, fährt dann mit dem Finger über die Westseite des Hafenbeckens. "Außerdem werden hier ein paar mehr Schiffe im Hafen liegen", sagt er. Das sehe auch nicht anders aus als in den Siebzigern, als dort Fischerboote lagen. "Außer, dass die vielleicht etwas mehr maritimen Charme hatten als ein Offshore-Versorgungschiff."
Die etwa elf Seemeilen entfernten Windparks könne man zwar je nach Wetterlage von der Insel aus sehen, das Panorama werde jedoch nicht beeinträchtigt: "Das ist nicht wie auf dem Festland in Schleswig-Holstein, wo sich ein Landwirt über die Spargeltürme direkt vor seinem Hof ärgert". Im Gegenteil: In den kurzen Entfernungen stecke touristisches Potenzial. Bereits jetzt bieten Reedereien Ausflüge in den Windpark "Alpha Ventus" an.
Kannibalisierungseffekte sollen vermieden werden
Ärger gab es aber auch schon: Mit dem "Insulaner" und dem gehobenen "Atoll" haben kürzlich zwei Hotels ihre Zimmer für zehn Jahre komplett an Windpark-Betreiber vermietet, die dort ihre Mitarbeiter unterbringen. "Ich glaube, dass wir das volkswirtschaftlich gar nicht so sehr spüren werden", sagt Singer. Andere Hotels seien in der Lage, die Ausfälle abzufangen. "Aber mich hat natürlich gestört, dass mit dem Atoll unser Designhotel und Aushängeschild für anspruchsvolle Gäste wegfällt", räumt er ein. Und ergänzt: "Gerade diese Kannibalisierungseffekte wollten wir eigentlich vermeiden."
Dem Bürgermeister wäre es lieber gewesen, wenn die Offshore-Unternehmen selbst für Unterkünfte gesorgt hätten. Der geplante Bau von 30 Wohnungen durch den Windpark-Betreiber WindMW, der sich nun im Atoll eingemietet hat, ist aber gerade geplatzt. Den Schuldigen sieht Singer nicht auf Helgoland: "Der Bund ist der größte Eigentümer hier auf der Insel. Und die Verhandlungen zwischen dem Bund und WindMW sind leider nach zwei Jahren gescheitert."
Tourismus soll Kerngeschäft bleiben
Dabei habe es bereits fertige Pläne für die Bebauung gegeben. "Allerdings sollten die wohl Risiken in den Böden, unter anderem alte Militärkabel, komplett auf den Käufer abgeschoben werden" so Singer. "Wir waren darüber ebenso erstaunt wie der Windparkbetreiber. Nun müssen wir mit dem Bund auf einen Nenner kommen, damit uns das nicht nochmal passiert." Auf die Frage, ob er vor diesem Hintergrund noch wehmütig auf die Ablehnung einer Verbindung von Haupt- und Nebeninsel durch die Einwohner im vergangenen Jahr zurückdenke, schüttelt der Gemeindevorsteher mit dem Kopf: "Nein. Ich glaube aber immer noch, dass das für die gesamte Inselentwicklung positiv gewesen wäre."
Trotz der derzeit herrschenden Goldgräberstimmung in der Offshore-Branche: Für Helgolands Bürgermeister bleibt der Tourismus das Kerngeschäft der Insel. Denn trotz der weniger werdenden Tagesgäste – die Zahl der Übernachtungsgäste stieg zuletzt um bis zu 20 Prozent an. Allerdings stellen die Langzeiturlauber höhere Ansprüche an Gastronomie und Hotels als Ausflügler.
Fluch und Segen des Denkmalschutzes
Auch auf Helgoland hat man erkannt, dass zoll- und mehrwertsteuerbefreite Einkaufsmöglichkeiten als Anreiz nicht mehr ausreichen. Darum soll künftig auf modernisierte Hotels und neu konzipierte Pauschal-Angebote gesetzt werden, die gleichzeitig bilden und unterhalten. "Edutainment", sagt Singer. "Beispielsweise wollen wir verschiedene Pfade konzipieren – geschichtlich, architektonisch oder auch speziell für Kinder. Wir möchten Produkte auflegen, die pauschal buchbar sind." In der letzten Zeit sei bereits einiges entstanden, auch auf der Nebeninsel Düne.
Dass große Teile der Inselbebauung unter Denkmalschutz stehen, kann man in diesem Zusammenhang wohl als Fluch und Segen zugleich betrachten. Einerseits lässt sich auf Helgoland eine nahezu komplette Siedlungsbebauung aus den Fünfziger Jahren betrachten, wie es sie wohl in Deutschland kein zweites Mal gibt. Andererseits steht der Denkmalschutz häufig nötigen Modernisierungen und Umbauten im Weg, wie auch der Bürgermeister bestätigt. Es sei mitunter schon schwer, ein Gebäude an heutige energetische Standards anzupassen, weil die Auflagen zu streng seien. Außerdem würden Erhaltungsmaßnahmen, etwa im denkmalgeschützen Zollgebäude im Hafen jährlich große Summen verschlingen. "Dabei ist das eigentlich eine Ruine", ärgert sich Jörg Singer. "Zum Glück hat sich das in den vergangenen Jahren aber etwas gelockert", fügt er an. Und ergänzt: "Die Hoteliers beweisen zudem eine große Kreativität dabei, ihre Häuser trotz der Auflagen ansprechend zu modernisieren."
In der Fußgängerzone hat sich zum späten Nachmittag hin die Laufrichtung umgekehrt. Langsam schiebt sich die Masse der Tagesgäste zurück zur Westkaje, wo der "Halunder Jet" wartet. Viele haben Plastiktüten in der Hand. "Ist schon seltsam", bemerkt ein Ausflügler. "Da bringen Sie den Schnaps extra per Schiff auf die Insel und wir bringen ihn per Schiff zum Festland zurück". Eine Jahrzehnte alte Prozedur, die sich auch in Zukunft fortsetzen wird. Allerdings wird künftig aus Richtung Helgoland nicht nur Alkohol in Plastiktüten, sondern auch elektrische Energie aus Windkraft am Festland ankommen.

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erstellt am 15.Jun.2012 | 07:59 Uhr

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