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Umzug ins Watt : Neue Bewohner übernehmen Hallig Süderoog

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Auf der Hallig Süderoog leben nur zwei Menschen: Bald verlassen die Eheleute Matthiesen aber die Marschinsel. Ihre Nachfolger stehen schon bereit.

shz.de von
erstellt am 08.Mai.2013 | 05:35 Uhr

Süderoog | Den Blick aus dem Fenster direkt über das Wasser wird Hermann Matthiesen am meisten vermissen. "Schon am frühen Morgen höre ich die Kutter. Dann brauche ich mich nur im Bett aufzurichten und weiß sofort, wer da gerade fischt", sagt der 65-Jährige am Dienstag. Das sei das Faszinierende an Süderoog. 22 Jahre hat Matthiesen gemeinsam mit seiner Frau Gudrun (50) auf der Hallig im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer gelebt, als einzige Bewohner auf der 62 Hektar großen Marschinsel. Nun heißt es Abschied nehmen von dem "schönsten Ort der Welt", wie ihn Hermann Matthiesen bezeichnet. Künftig werden Holger Spreer (33) und Nele Wree (30) die Hallig bewirtschaften. Die Matthiesens setzen sich auf Pellworm zur Ruhe.
Süderoog liegt westlich von der Insel Pellworm und ist die südlichste der nordfriesischen Halligen. Bei Sturmflut legten die Matthiesens einst vor 22 Jahren an. Seither war das Paar auf sich allein gestellt, umgeben von Salzwiesengräsern und Tieren, inmitten der Nordsee. Sein Traum von einem selbstbestimmten Leben hat sich für Hermann Matthiesen erfüllt. "Es war ein wirklich schönes Leben hier", sagt er. Und eigentlich sei Süderoog ihre Hallig geworden. Doch der Abschied falle ihnen leicht, sagt seine Frau, weil sie die ökologische Bewirtschaftung der 62 Hektar großen Marschinsel "einfach nicht mehr schaffen". Jetzt müssten junge Leute ran.

Das wird ein ganz anderes Leben


In Holger Spreer und Nele Wree haben die Matthiesens nach ihrer Ansicht "gute Nachfolger" gefunden. Von Kindheit an mit der Natur verbunden will das junge Paar, das noch nicht einmal ein Jahr zusammen ist, auf Süderoog ein neues Leben beginnen - er, der Sohn eines Fischers und selbst als Kapitän eines Krabbenkutters zur See gefahren, sie, die Tochter eines Försters und studierte Kunstgeschichtlerin. "Wir wissen, dass dieser Schritt der richtige für uns ist", sagt Wree. Das werde ein ganz anderes Leben, aber ein schönes - zurück zur Natur, hofft Spreer, als er am Dienstag mit Rucksack, ein paar Umzugskisten und Wattstiefeln die Hallig betritt.
Anders als vor 22 Jahren ist die See an diesem Tag ruhig, die Sonne scheint, 2000 Ringelgänse begrüßen die neuen Bewohner. Noch bis Ende September werden die Matthiesens gemeinsam mit ihren Nachfolgern auf Süderoog leben und dann nach Pellworm in ein altes Friesenhaus ziehen. Doch so ganz zur Ruhe setzen wollen sie sich nicht. Während Hermann ein paar Tage die Woche auf einem Schiff wieder fischen geht, will Gudrun Ferienwohnungen vermieten und sich um ihre Pferde kümmern. Auch will sich das Paar auf seinem sechs Hektar großen Land auf Pellworm weiter selbstversorgen. "Ich möchte gern wissen, was ich esse", erklärt Hermann Matthiesen.

Aus 29 Bewerbern ausgewählt


Wie einst die Matthiesens werden auch Spreer und Wree "die beiden einzigen Einwohner im größten Nationalpark zwischen Nordkap und Sizilien sein", sagt Hendrik Brunckhorst, Sprecher des Landesbetriebes für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN-SH). Die Neuen wurden aus 29 Bewerbern ausgewählt. Sie sind als Wasserbauwerker beim Landesbetrieb angestellt und zugleich Nationalparkwarte und Pächter der Hallig Süderoog. Zudem müssen sie ihre Tiere versorgen, Landwirtschaft betreiben und die täglich bis zu 50 ankommenden Touristen bewirten.
"Man hat auch im Sommer fast nie ein Wochenende frei, ist von morgens bis abends eingespannt", beschreibt Hermann Matthiesen den Alltag. Die Zeit bis Ende September wollen Spreer und Wree vor allem dazu nutzen, sich alles von den Matthiesens abzugucken. Erst später wollen sie eigene Schwerpunkte setzen, etwa vom Aussterben bedrohte Nutztiere ansiedeln. "Wir sind glücklich, nun auf Süderoog zu leben, und voller Tatendrang", sagt Spreer. Einen guten Rat hat ihm Hermann Matthiesen gleich mit auf den Weg gegeben: "Wenn Du jeden Tag mit Deiner Frau zusammenarbeitest, dann musst Du auch mal zurückstecken, sonst hast Du oder habt ihr beide ständig Stress. Und dann läuft das nicht." Auf einer Hallig könne man nur gemeinsam leben, nicht allein.
Doch auch in Sachen Harmoniebedürfnis scheinen die Neuen sich ganz nach den Alten zu richten: "Auch Holger und ich mögen es nicht, wenn lange etwas zwischen uns steht", sagte Nele Wree. Die Matthiesens sehen ihren Abschied von Süderoog überwiegend als einen Aufbruch zu neuen Ufern. Klar sei die Zeit auf der Hallig einmalig gewesen, sagt Gudrun. Nach vier Wochen auf Pellworm würden sie sicher in ein Loch fallen und Heimweh kriegen. "Aber da müssen wir dann durch. Unser neues Leben wird ganz anders, aber auch schön."
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