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Extremismus in Nordfriesland : Nazi-Nachwuchs ist in Südtondern aktiv

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Flugblätter voller Fehler, Propaganda-Sticker an Laternen, Werbung im Briefkasten: Die Rechtsextremisten in Niebüll und in der Umgebung sammeln sich. Besonders in Leck wecken diese Nachrichten böse Erinnerungen.

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2014 | 05:45 Uhr

Sie verteilen Flugblätter auf dem Niebüller Marktplatz, bekleben Laternen und Stromkästen im Amtsgebiet mit Propaganda-Stickern oder schieben NPD-Werbung in Briefkästen. Auch in Südtondern sind seit Jahresbeginn wieder kleine Neonazi-Gruppen aktiv. Jetzt haben die Rechtsextremisten ein neues Netzwerk gegründet, um ihre Aktivitäten besser koordinieren zu können: Unter dem Namen Freie Aktivisten Nordfriesland sind die einzelnen Nazi-Zellen, sogenannte Kameradschaften, damit nun auch im Internet zu finden. 

Auf der Webseite „mein-nf.de.tl“, die auch als Smartphone-App verfügbar ist, lässt sich nachlesen, was die Extremisten tun. Neben Einträgen über Flugblattaktionen in Niebüll vom Dezember 2013 – „Heute waren wieder Aktivisten vor der Schule und haben Flugblätter verteilt, die Staatsmacht war heute wieder schneller zustelle und haben das Flugblattverteilen untersagt“ – sind auch Bilder nordfriesischer „Aktivisten“ zu sehen, die am Westerländer Strand posieren oder sich auf den Besuch von Demonstrationen vorbereiten. Die Webseite ist ebenfalls eine Informationsbörse über die Bewegungen linker Gruppen. Das klingt dann so: „Seit drei Wochen sieht man in Leck neue Gesichter von Antifa-Aktivisten herumlaufen. Schätzungsweise sind es 5-6 Antifas im Alter von 16-22 Jahren.“

Was für manchen harmlos klingen mag, wird bei den Sicherheitsbehörden des Landes Schleswig-Holstein sehr ernst genommen: „Die Freien Aktivisten Nordfriesland  haben sich erst kürzlich gegründet. Sie gehören zu den aktionistischen und neonazistischen Rechtsextremisten in Schleswig-Holstein und werden daher vom Verfassungsschutz beobachtet“, verdeutlicht  Ove Rahlfs, Sprecher es Innenministeriums.

Besonders in Leck wecken diese Nachrichten böse Erinnerungen: Rund zwei Jahre nachdem sich die rechtsextreme Gruppe Freier Widerstand Südschleswig auf ihrer Internetseite zu den Ausschreitungen am Rande einer Demonstration  gegen einen Sexualstraftäter bekannte,  ist der Bürgermeister erneut alarmiert. „Das macht mich wirklich betroffen“, sagt Rüdiger Skule Langbehn.  „Ich werde jeder Aktivität dieser Leute entgegenstehen.“ Leck sei eine Gemeinde, die „vielschichtig und tolerant aufgestellt“ sei, das dürfe man sich nicht kaputtmachen lassen.  Ganz überrascht sei er nicht, so Langbehn: „Mir sind gewisse Dinge aufgefallen.“  An der Friedrich-Paulsen-Schule in Niebüll – dort wo  die  „Aktivisten“  Flyer verteilt haben wollen –  ist  Manfred Wissel von dieser Nachricht überrascht. „Bisher ist uns nichts Derartiges aufgefallen“, sagt der Schulleiter. „Trotzdem ist das ein Problem, das man ernst nehmen muss.“

Die Zeiten,  als Rechtsextreme noch mit  Glatze, in Springerstiefeln und Bomberjacke durch die Straßen zogen, sind vorbei. Ähnlich wie ihr linker Gegenpart, die Antifa, trägt der extremistische Nachwuchs heute gern Schwarz. Für den Laien sind die Neonazis damit nur noch schwer zu erkennen – zu unbekannt sind die Symbole, Marken und Codes, die sie als Rechtsextremisten ausweisen.

Und auch wenn die Sicherheitsbehörden nur von einer geringen Aktivistenzahl in Südtondern ausgehen – 1200 soll es im ganzen Land geben – stellt sich doch die Frage, warum sich Jugendliche und junge Erwachsene den Extremisten überhaupt anschließen. Benno Hafeneger, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität Marburg und Experte für rechte Gruppierungen, hat darauf Antworten: „In der Regel sind es junge Männer, die sich autonomen Zellen, Kameradschaften und freien Aktivisten zuwenden, weil sie  jugendlichen Protest gegen die Gesellschaft, Politik oder die Familie ausdrücken wollen.“ Diese jugendkulturelle Szene sei  in Deutschland ein flächendeckendes Phänomen und könne die Gesinnung der jungen Männer verfestigen.  „Sie bekennen sich schon früh öffentlich.“ Dass sich die regionalen Zusammenschlüsse der Extremisten von allein auflösen werden, glaubt   Hafeneger nicht: „Wer haben die Szene über Jahre beobachtet – sie bleibt.“ Das Innenministerium bestätigt  dazu, dass der Mitgliederrückgang in schleswig-holsteinischen Kameradschaften vorerst vorbei ist: „Der rückläufigen Entwicklung der Jahre 2009 bis 2011 ist eine gewisse Stagnation gefolgt“, sagt Ove Rahlfs.

Gerne hätten wir an dieser Stelle auch Mitglieder der Freien Aktivisten Nordfriesland zu Wort kommen lassen – doch für ein Interview mit dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag verlangten diese vorab 100 Euro „Schmerzensgeld“.

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