Neulandhalle in Süderdithmarschen : Nazi-Bau hinterm Deich, den keiner will

Otto Thämers vier Fresken: Deichbau, Säemann, Ernte und Hausbau in einer Farbaufnahme von 1936. Erhalten ist nur die Freske Deichbau.
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Otto Thämers vier Fresken: Deichbau, Säemann, Ernte und Hausbau in einer Farbaufnahme von 1936. Erhalten ist nur die Freske Deichbau.

Die Neulandhalle steht kurz vor dem Abriss. Man wagt es nicht, sie zu verkaufen - denn das könnte Rechtsextreme anlocken. Die 1936 eingeweihte Halle hat eine braune Geschichte.

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31. Januar 2011, 08:29 Uhr

Dieksanderkoog | Es herrscht offenbar große Einigkeit: Der Kirchenkreis, seit 1971 Träger der 1936 eingeweihten Neulandhalle im Dieksanderkoog (Kreis Dithmarschen), sucht nicht erst heute einen neuen Eigentümer, weil man dort keine attraktiven evangelischen Jugendfreizeiten mehr veranstalten kann. Es gibt jedoch keine seriösen Kauf-Interessenten, zugleich wird befürchtet, dass bei einem freien Verkauf der Immobilie, ähnlich wie anderswo bereits geschehen, Rechtsextreme als Bieter auftreten könnten. Insbesondere Dithmarschens Landrat Dr. Jörn Klimant, schon länger mit Bürgern gegen antidemokratische Aktivitäten im Kreis tätig, teilt diese Befürchtung. Die gemeinsame Lösung: der möglichst baldige Abriss. Jedenfalls hat der Kreis die Genehmigung dafür bereits erteilt.
Auch der Kulturminister Dr. Ekkehard Klug (FDP) in Kiel schaltet nicht den Denkmalschutz ein. "Die Neulandhalle bleibt einfaches Kulturdenkmal", so Klug. Er stimme einer Einstufung des Gebäudes als "Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung" nicht zu. "Ich würde mich freuen, wenn es für die Neulandhalle als Gedenkstätte oder Mahnmal ein durchkalkuliertes und tragfähiges Konzept gäbe", betonte der Minister gestern. In jedem Fall müsse verhindert werden, dass die Neuland halle "Pilgerstätte für Ewig gestrige" werde, so Klug weiter. Ein erweiterter Denkmalschutz würde alle Überlegungen möglicher Investoren für ein neues Nutzungskonzept erschweren.
Ein Koog für "rassisch reine Arier"
Was ist das für ein symbolträchtiges Gebäude, das solche Ängste und Aktivitäten auslöst? Beginnen wir die Rückblende mit Hinrich Lohse, dem NSDAP-Gauleiter und Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein 1933 bis 1945: Mit feinem Gespür für symbolische Politik erkannte er die propagandistische Kraft des Themas Landgewinnung. Er verband den Gewinn an "Lebensraum" für das deutsche Volk, die Neubildung eines "deutschen Bauerntums" mit der Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit. Die Nationalsozialisten forcierten die Landgewinnungsmaßnahmen an der Westküste, wobei sie auf Vorarbeiten und Pläne aus der Weimarer Republik zurückgriffen. Dem "Adolf-Hitler-Koog" - heute Dieksanderkoog - in Dithmarschen billigten die NS-Funktionäre Modellcharakter zu. Sie setzten sich ins gemachte Nest: Das Gelände war 1933 deichreif, also viele Jahre vorbereitet worden. Adolf Hitler weihte "seinen" Koog am 29. August 1935 persönlich ein - es wurde ein reichsweit beachtetes Ereignis. Als Siedler waren nur "rassisch reine Arier" in Frage gekommen: Im Koog würden sie die NS-Volksgemeinschaft im Kleinen bilden.
Dieses "sinnfällige Beispiel nationalsozialistischer Aufbauarbeit", wie es in einer zeitgenössischen Broschüre heißt, folgte einem einheitlichen Plan des Architekten Ernst Prinz aus Kiel, der zur nordelbischen Heimatschutzarchitektur gerechnet wird: In zersiedelter Bauweise gibt es drei unterschiedlich große Bauernhaustypen mit zunächst nur bescheiden ausgebauten Wohn- und Wirtschaftsteilen. Unter dem Zeitdruck war es unmöglich, die Dächer mit regionaltypischen Reet zu decken, holländische Pfanne wurde zur Alternative. Die architektonische Krönung und der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens im Koog sollte die Neulandhalle werden. Sie entstand auf dem Franzosensand, einer fünf Meter hohen Warft. Richard Brodersen, ihr aus Schleswig-Holstein stammender Architekt, wählte diesen Ort bewusst: Erhaben würde die Halle aus dem flachen Koog hervorstechen und den Rundblick auf Umland und Meer bieten.
Anlehnung an Haubarg
In ihrer Bauart erinnert die Neulandhalle an den Eiderstedter Haubarg. Die Grundstruktur des Gebäudes schafft eine Halle, an deren Seiten sich je ein Männer- und ein Frauenraum mit insgesamt 50 Schlafplätzen abtrennen lassen. Vier Fresken des schleswig-holsteinischen Künstlers Otto Thämer schmückten raumprägend die innere Ostwand. Ihre Motive vom Deichbau, Hausbau, Saat und Ernte heroisierten Rolle und Arbeit der Neusiedler.
Erhalten ist noch das Thema Deichbau. Eine wie ein Altar angebrachte Führerbüste gehörte ebenfalls zum ursprünglichen Interieur. Auch das Äußere war genau durchkomponiert: Das Hoheitszeichen, der Reichsadler mit dem Hakenkreuz, befand sich über der Eingangstür, an der Nordseite standen zwei vier Meter hohe heroische Männergestalten als Wächter, ein Soldat mit Stahlhelm und ein Bauer mit Spaten. Sie symbolisierten Grenzschutz und den Kampf gegen das Meer.
"Bäuerlicher Tempel der Volksgemeinschaftsideologie"
Überregional nutzten verschiedene NS-Formationen die Halle als Tagungsstätte; örtlichen Bewohnern diente sie als feierlicher Versammlungsort. Der Kunsthistoriker Hans-Günther Andresen bezeichnet die Halle als "bäuerlichen Tempel der Volksgemeinschaftsideologie".
Kein Zweifel: Die Neulandhalle besaß eine "ideologische, ja kultische Bedeutung" (Historiker Frank Trende). Sie nahm tatsächlich den Platz einer Kirche ein, die im Koog gar nicht erst gebaut wurde. Selbst ein nicht mehr erhaltener Turm unterstrich das; dessen Glocke aber taugt noch heute für viele Geschichten.
Der Autor: Uwe Danker ist Geschichtsprofessor an der Universität Flensburg und Direktor des Instituts für Zeit- und Regionalgeschichte.
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