Kiel : Nachtstreife an der Förde

Polizeimeisterin Anja S. fotografiert den Schaden am Unfallauto. Foto: Emde
Polizeimeisterin Anja S. fotografiert den Schaden am Unfallauto. Foto: Emde

Partyzone und Rotlichtviertel: Die Beamten des 2. Reviers sind für die Brennpunkte von Kiel verantwortlich. Eine Reportage über eine ereignisreiche Nacht an der Förde.

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30. August 2011, 07:32 Uhr

Kiel | Ankommen, Gefahr abschätzen, arbeiten - das ist immer das erste, was sie tun, wenn sie am Tatort sind, die Beamten des 2. Polizeireviers. Flächenmäßig sind sie für das kleinste Gebiet, die Innenstadt von Kiel, verantwortlich. Tagsüber sind es Ladendiebstähle in der Holstenstraße, Alarme in Geschäften oder Parkunfälle, die zum Alltag gehören. Nachts wandelt sich das Bild. Brennpunkte sind dann der Bahnhofsvorplatz, Rotlichtmilieu und die Partyzone der Bergstraße.
"Auf dem Weg zur Disco geht das immer noch, aber ab 1 oder 2 Uhr ist immer Alkohol im Spiel, wenn wir gerufen werden", erzählt Oberkommissar Jörn L. Er ist stellvertretender Dienstgruppenleiter und schon seit acht Jahren in Kiel im Dienst. Seine Kollegin für diese Nachtschicht: Anja S., Polizeimeisterin. Wichtig für jede Schicht: "Dass alle gesund nach Hause kommen. Das ist oberstes Gebot", sagt sie. Der Abend verspricht spannend zu werden: Museumsnacht, Start ins Wochenende, THW- und Holstein-Spiel und Unwetterwarnungen gibt es auch.
Es geht los: Zur Unterstützung der Kollegen schauen sie an der Ostseehalle vorbei. "Hier ist eigentlich immer alles ruhig. THW-Spiele gehören zu den Vorzeigeveranstaltungen in Kiel", erzählt der Oberkommissar. Obwohl 10.000 Menschen aufeinander träfen, bestünden die Hauptaufgaben darin, Präsenz zu zeigen, beim Verkehrsabfluss zu helfen, Leuten den Weg zu zeigen und hin und wieder mal einen Diebstahl aufzunehmen. Wie gerufen, begegnet ihnen eine Frau auf dem Weg nach draußen: "Ich hab mich verlaufen. Wo muss ich denn lang?" Freundlich begleiten sie die Dame nach draußen. Ebenso freundlich verneinen sie die Frage, ob sie bei ihrem Streifenwagen nicht auch mal "Hallo Karin" zwischen den Blaulichtern aufblinken lassen können.
Jugendlicher in die Förde geschubst
Dann der erste Alarm: Ein 17-Jähriger soll beim Ducksteinfestival in die Förde geschubst worden sein. Er sitzt schon im Rettungswagen, als die Beamten ankommen. Draußen tobt das angekündigte Unwetter. Er hatte Glück, außer Kopfschmerzen und nasser Kleidung geht es ihm gut. Sie nehmen ihn mit aufs Revier, versuchen die Eltern zu erreichen und lassen ihn pusten: 0,59 Promille. Er entscheidet sich für den Bus nach Hause.
Plötzlich: "An der Holstenbrücke hat ein Auto ein Mädchen angefahren", sagt Dienstgruppenleiter Michael Kock. Er verfolgt an diesem Abend den Funk zwischen der Regionalleitstelle und den einzelnen Streifenwagen. "Wir fahren", sagt Jörn L.. Vor Schlecker sehen die Beamten eine kleine Menschentraube. Sanitäter haben die Verletzte mit einer Wärmedecke unters trockene Vordach gelegt. "Was ist passiert?", fragt die 26-jährige Polizistin. Retter und Beamte tauschen sich kurz aus. Das Mädchen stöhnt vor Schmerzen, eine Freundin hält ihre Hand. "Wo ist das Schwein, was hat er mit meiner Freundin gemacht", ruft ein oberkörperfreier Betrunkener aus dem Abseits und stürmt zu ihr. "Nicht anfassen, nicht anfassen", schreit das Mädchen. Auf sie scheint er zu hören, doch er schreit weiter. Jörn L. fordert Unterstützung an - die Kollegen der Wasserschutzpolizei kümmern sich um ihn. Alle anderen sind im Einsatz.
Zur Bergstraße nur mit zwei Wagen
Anja S. nimmt die Personalien der Zeugen auf. Die Autofahrerin ist sichtlich geschockt. Verweint hält sie ihr Freund in den Armen. Im Polizeibus sagt sie: "Plötzlich war da was Weißes." Von Zeugen erfährt Jörn L., dass die Verletzte bei Rot über die Ampel gelaufen ist. Der 21-jährigen Fahrerin nützt das erstmal nichts. "Ich wollte mich doch bei der Polizei bewerben, und jetzt?" Anja S. beruhigt sie. Nimmt alle Daten auf, fotografiert den Schaden am Auto. "Wer am Ende Schuld hat, entscheiden Staatsanwaltschaft und Richter. Das ist nicht unsere Aufgabe, das zu beurteilen", sagt der Oberkommissar. Was dieser Fall aber gezeigt habe: "Es kann immer brenzlig werden, auch bei einem Verkehrsunfall." Typen wie diesen aufgeregten Freund gebe es zuhauf. Deshalb fahren sie zu Einsätzen in der Bergstraße fast immer mit zwei Wagen - zu oft eskaliert es.
Wieder unterwegs treffen sie ihre zivilen Kollegen, die bis jetzt in Gaarden unterstützten: Eine Gruppe Maskierter hat die Glasfront des neuen "Mongols"-Clubhauses eingeworfen. Ansonsten blieb es relativ ruhig: Fahrerflucht, eine hilflose Person, Ruhestörungen. Doch das ist nicht immer so: Anja S. war beispielsweise bei der Messerstecherei im Knooper Weg, die derzeit zum zweiten Mal vorm Landgericht verhandelt wird, im Einsatz. Um so etwas zu verdauen, führen die Kollegen Gespräche miteinander und mit geschultem Personal.

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