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Foto-Projekt in Flensburg : Mutige Frauen – schön trotz Krebs

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Die Chemotherapie hat ihnen die Haare, aber nicht die Lebensfreude genommen. In Flensburg werden mutige krebskranke Frauen durch ein beeindruckendes Foto-Projekt in Szene gesetzt.

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2014 | 12:14 Uhr

Flensburg | „Oben ohne“ – diese beiden Worte schicken die Gedanken ans Meer: Strand, Sand, Wellen, nahezu nahtloses Sonnenbaden, ungezwungene Weiblichkeit. Doch tatsächlich stehen sie für Frauen, die mit ihren Haaren, oft auch ihren Augenbrauen und Wimpern urweibliche Merkmale verloren haben – als Folge einer Krebstherapie. Sie wirken zerbrechlich, strahlen gleichzeitig eine Stärke und Lebendigkeit aus, die berührt, die unter die Haut geht. Die intensive Wirkung ist Ausdruck einer extremen Lebenssituation und einer ästhetisch authentischen Inszenierung der schwer kranken Frauen. Dahinter stehen die  Fotografin Franziska Nehmer und die Visagistin Cora  Steinweller. Die beiden jungen Frauen aus dem Raum Flensburg setzen für „Oben ohne“ ihr Know-How und ihre Zeit ehrenamtlich ein.

„Wir sind vom Leben reich beschenkt. Mit unserem Projekt möchten wir etwas von diesem Glück zurück geben“, sagt Franziska Nehmer in ihrem Studio am Flensburger Hafendamm. Im Schaufenster hängen die Fotos von Monique, einer an Krebs erkrankten Floristin, die ihren Beruf und alles Grüne liebt. Daher scheint auch frisches Grün aus ihrem haarlosen Kopf zu sprießen, der fein mattiert und abgepudert ist. Frisches Grün betont auch die Lider, der mit einem schlichten, weißen Hemd bekleideten Frau. „Wir wollen kein Mitleid erwecken, sondern das Positive unterstreichen, die Werte und Lebensinhalte dieser Frauen zeigen“, sagt Franziska Nehmer. Von dem Ergebnis sind die Krebskranken selbst beeindruckt. „So schön bin ich, selbst in dieser Situation“, fragt Monique beim Blick auf ihre Fotos.

An diesem Tag wird Iris aus Tarp im Fotostudio verwandelt. Am 20. Februar zog ihr die Diagnose „Brustkrebs“ den Boden unter den Füßen weg. Nach der Operation stellte sich die Schulsekretärin am 4. April ihrer ersten Chemotherapie. Schnell gingen ihre mittelblonden Haare büschelweise aus. „Ich fand das gar nicht schlimm. Für mich war das ein Zeichen, dass die Therapie gegen den Krebs wirkt“, sagt Iris. Noch ein wenig schüchtern sitzt die 49-Jährige in Jeans und weißer Bluse im Studio von Franziska Nehmer im Schminkstuhl. Ihr symmetrisches schönes Gesicht hat Cora Steinweller perfekt grundiert, die Augen mit reichlich Wimperntusche und Kajalstift betont. Nun kommt der Moment, der Vertrauen braucht: Die Perücke wird abgenommen - ein haarloser, wunderschöner Hinterkopf kommt zum Vorschein und wird  abgepudert. „Es tut gut, mit so viel Sorgfalt schön gemacht zu werden“, sagt Iris. Als sie von den Aufruf zu der besonderen Shooting-Aktion erfuhr, zögerte sie keinen Moment. „Ich fühlte mich sofort angesprochen. Auch Frauen in und nach einer Chemotherapie sind schön und brauchen sich nicht verstecken“, sagt die zweifache Mutter. Ihre beiden erwachsenen Kinder und ihr Ehemann, mit dem Iris seit 24 Jahren glücklich verheiratet ist, haben der Schwerkranken beim Gang in die Öffentlichkeit den Rücken gestärkt. 

Die große Leidenschaft der Tarperin ist das Handarbeiten, besonders das Stricken und Häkeln. Zahlreiche, farbenfrohe, handgefertigte Werke hat sie mit ins Studio gebracht. Farbe kommt nun auch ins Gesicht – vor allem kräftiges Pink rund um die Augen und auf die Lippen. Pink und Lila ist auch das Strickstück in groben Maschen, das Franziska Nehmer für die ersten Aufnahmen über den kahlen Kopf der krebskranken Frau legt. Weitere bunte Stücke werden um die Schultern von Iris drapiert. „Diesen Schal habe ich in Nizza gehäkelt. Mit meiner Frauenrunde handarbeiten wir immer und überall – in Cafés, im Garten, im Urlaub, das ist einfach ein wunderbares und kreatives Hobby“, sagt die Frau, die heute der Star im Fotostudio ist.

Bewusst nehmen sich Visagistin und Fotografin viel Zeit, um eine Vertrauensbasis, eine positive Atmosphäre zu schaffen. „In den Stunden mit uns sollen sich die kranken Frauen wohl und leicht fühlen, wie an einem unbeschwerten Sommertag. Bewusst haben wir mit ‚oben ohne‘  einen positiv belegten Titel für unser Projekt gewählt“, sagt Franziska Nehmer. Erst zwei Jahre kennen sich die beiden Frauen, die für „oben ohne“ einen Teil ihrer Freizeit schenken. „Wir verstehen uns blind und ergänzen uns  perfekt. Zudem haben wir beide Erfahrung mit dem Krebs im Familienkreis“, sagt Cora Steinweller.

Wie findet sich Iris nach ihrem Styling? „Pink ist sonst nicht so meine Farbe, aber die Frau da im Spiegel sieht toll aus.“ Nun kommt auch noch Aktion ins Shooting – Iris strickt einige pink farbene Maschen auf ihrem kahlen Kopf, lächelt dabei. Ein Moment, der Gänsehaut auf die Haut zaubert. Eine schwer kranke, wunderschöne Frau in so enger Verbindung mit ihrer großen Leidenschaft zu sehen, berührt Herz und Seele von allen im Studio. Alle spüren eine kostbare Nähe, eine positive Verbundenheit, die unterstreicht, wie wichtig es ist, im Hier und Jetzt zu leben. Wenige Minuten später wird herzhaft gelacht, wie noch so oft an diesem  Nachmittag.

Die Fotos von Iris sind auf ganz unverwechselbare Weise genauso faszinierend wie die, die Franziska Nehmer und Cora Steinweller von anderen krebskranken Frauen „oben ohne“ kreiert haben. „Der Moment, in dem  unsere mutigen Frauen ihre künstlichen Haare abnehmen, ist für uns immer besonders bewegend. Denn wir sind gespannt und überrascht wie sehr das einen Menschen verändert“, sagt Franzsika Nehmer. Das Gesicht stehe für die Fotografin und die Visagistin dabei immer im  Fokus. „Wir möchten die individuelle Schönheit dieser Frauen unterstreichen“, sagt Cora Steinweller.

Bei Iris ist dies in beeindruckender Weise gelungen. „Dieser Tag ist ein großer Gewinn“, strahlt die 49-Jährige – für sich selbst und für den harten Weg zurück in ein gesundes Leben. Im kommenden Jahr möchte sie mit ihrem Mann, der Familie und lieben Freunden ihre Silberhochzeit feiern – mit Haaren. „Wenn man diese Krankheit annimmt, schenkt sie auch viel Kraft. Dennoch hoffe ich, durch den Krebs nie wieder ‚oben ohne‘  sein zu müssen.“ Franziska Nehmer und Cora Steinweller sagen zu Iris: „Danke für das Geschenk, dass du uns gemacht hast. Du hast Mut und machst damit anderen betroffenen Frauen Mut.“ Diese können sich – falls sie Interesse an einem Shooting haben – an Franziska Nehmer wenden. Egal, welchen Alters oder aus welcher Familie, denn der Krebs macht keinen Unterschied.

Kontakt zur Fotografin: info@gefijon-pictures.de, oder www.gefijon-pictures.de.

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