Hebammen streiken : "Mütter haben für uns Verständnis"

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3700 Euro Versicherung im Jahr bei bis zu 2100 Euro Einkommen im Monat - die Hebammen sind finanziell stark belastet. Deshalb streiken sie jetzt für drei Tage.

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03. Mai 2011, 09:09 Uhr

Bredstedt/Kiel | Seit 19 Jahren arbeitet Birgit Ute Petersen als freiberufliche Hebamme. Montag morgen, 7.30 Uhr, trat die 47-Jährige in Bredstedt (Kreis Nordfriesland) in den Ausstand - und stieß gleich zu Beginn bei den Müttern auf Verständnis. "Um 8 Uhr klingelte bereits das Telefon. Eine Mutter hat sich fast entschuldigt, dass sie trotz des Streiks anruft. Sie benötigte dringenden Rat." Birgit Ute Petersen handelte - für Notfälle sind die Hebammen im Land weiterhin da.
Seit Montag protestieren sie mit einem viertägigen Streik gegen geringe Bezahlung und gegen die um fast 60 Prozent auf 3700 Euro im Jahr gestiegenen Beiträge zur Berufshaftpflicht. "Etwas mehr als 60 Prozent der 600 bei uns organisierten Frauen beteiligen sich", sagt Margret Salzmann (60), Vorsitzende des Hebammenverbandes Schleswig-Holstein. Es ist vor allem der Beitrag zur Berufshaftpflicht, der den Frauen zu schaffen macht. Bei einem Monatsgehalt zwischen 1200 und 2100 Euro vor Abzug der Steuern sei dies existenzbedrohend, so Salzmann. Die Folgen des Dilemmas: Einst waren 160 freiberufliche Hebammen in Schleswig-Holstein bei Hausgeburten oder als Beleghebamme bei Geburten im Krankenhaus im Einsatz. Inzwischen ist deren Zahl nach Angaben von Margret Salzmann auf 120 Hebammen im Land geschrumpft.
Hebammenverordnung nur ein "Tröpchen auf den heißen Stein"
Eine seit 29. April gültige Hebammenverordnung des Landes wirke da auch nicht wirklich ausgleichend, so Birgit Ute Petersen, die zugleich zweite Vorsitzende des Landeshebammenverbandes ist. Die neue Verordnung ermöglicht privat versicherten Frauen, ebenso viele Leistungen wie gesetzlich versicherte in Anspruch zu nehmen. Für die Hebammen bedeutet dies mehr Aufträge. "Es freut uns für diese Frauen", sagt Petersen. "Aber für uns bedeutet die Zahl der Mehrabrechnungen nur ein Tröpfchen auf den heißen Stein."
Seit die Hebammen 2007 in die Selbstverwaltung entlassen wurden, liefen die Verhandlungen mit den Spitzenverbänden der Kassen "ganz schlecht", so Vorsitzende Salzmann. Helfen könne nur eine Gesetzesänderung, damit die Kosten der Hebammen wie etwa die Berufshaftplichtbeiträge künftig zwingend bei Vergütungsverhandlungen berücksichtigt werden. "Aber wir finden kaum Gehör."
Immerhin: Das Bundesgesundheitsministerium in Berlin will zumindest noch in diesem Jahr eine Studie in Auftrag geben, die die Situationen der Hebammen im Land erfasst. "Wie viele überhaupt in Deutschland arbeiten, ist bislang selbst dort nicht bekannt", berichtet Birgit Ute Petersen. Den Hebammen-Alltag indes können zumindest die betroffenen Frauen einschätzen. So erlebte Petersen am Montag auch dies: "Eine Mutter rief an und sagte, heute solle ich wegen des Streiks nicht vorbeikommen."
(blu, shz)

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