Kiel : Mordprozess geplatzt: Richter befangen?

Im ersten Prozess wurde ein Kieler wegen Totschlags zu lebenslanger Haft verurteilt - der zweite Prozess ist erstmal geplatzt.

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19. August 2011, 09:22 Uhr

Wegen eines Befangenheitsantrages gegen die drei Berufsrichter ist am Donnerstag die Neuauflage eines Kieler Mordprozesses vertagt worden. In dem Verfahren vor dem Landgericht muss sich ein 55-jähriger Angeklagter zum zweiten Mal verantworten.Der Mann war im ersten Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte den Richterspruch aber als rechtsfehlerhaft kassiert und den Fall an eine andere Strafkammer zurückverwiesen.
Der Verteidiger stellte den Antrag auf Befangenheit unmittelbar vor Prozessbeginn. Darin rügt er, dass der Zeugenbeistand der Ehefrau des Angeklagten mit Zustimmung des Gerichts Einblick in ihre polizeilichen Vernehmungsprotokolle erhalten habe. Die Ehefrau ist Hauptbelastungszeugin. Die Vorsitzende der 10. Strafkammer kündigte dienstliche Erklärungen an. Über den Befangenheitsantrag muss eine andere Kammer entscheiden. Der Prozess soll kommenden Mittwoch fortgesetzt werden.
Angeklagter bestreitet Heimtücke
Im ersten Verfahren hatte der Angeklagte gestanden, auf den neuen Lebensgefährten seiner 15 Jahre jüngeren Frau im März 2010 eingestochen zu haben, als diese kurz das Zimmer verließ. Er bestritt jedoch Heimtücke. Laut BGH kommt auch eine Affekttat infrage. Damit wäre eine erhebliche Strafminderung möglich. Der Verteidiger forderte damals wegen Totschlags sechs Jahre Haft.
Der Angeklagte hatte um ein klärendes Gespräch mit seiner Frau und deren neuen Lebensgefährten gebeten und brachte sogar Kuchen mit. Als die 39- Jährige dann mit dem gemeinsamen kleinen Sohn kurz aus dem Zimmer ging, stach der damals 54-jährige Mann auf den neben ihm sitzenden Rivalen ein. Ein Stich in den Bauch war so verheerend, dass auch eine Notoperation das Opfer nicht mehr retten konnte. Der Mann starb einen Tag später, an seinem 35. Geburtstag.
Die Vorgeschichte eines Totschlags
Die Ehefrau hatte sich nach einem schweren Motorradunfall des Angeklagten immer mehr entfremdet. Er sei nach dem Unfall depressiv geworden, meinte der 54-Jährige, der zuletzt trotz Abitur und guter Ausbildung als Automatenaufsteller arbeitete. Sie begann Fortbildungen, lernte neue Menschen kennen. Er wurde eifersüchtig. Sie belog ihn und zog nach einem körperlichen Angriff von ihm schließlich aus.
Für ihren neuen Lebenspartner war es die große Liebe. Der Mann aus einer Professorenfamilie, selbst erfolgreicher Unternehmer, renovierte ein Haus für den gemeinsamen Einzug. Er kümmerte sich auch um die Kinder, die er zu sich holen wollte. Der Angeklagte glaubte nach Überzeugung des Gerichts zunehmend an einen Vernichtungsfeldzug seiner Frau, die ihn in den Suizid treiben, ins Gefängnis oder die Psychiatrie bringen wollte.
Am Tattag im März nahm er das Messer im Sakko verborgen mit zu dem Gespräch, so das Gericht. Seine Darstellung, er habe das Messer aus der Küche seiner Frau genommen und das Opfer bei einer Rangelei verletzt, wies die Kammer als unglaubwürdig zurück. Alle Blutspuren auf dem Sofa deuteten darauf hin, dass der Rivale dort arg- und wehrlos gesessen habe, als der 54-Jährige auf ihn einstach. Es gebe keinerlei Abwehrspuren. Das Gericht folgte damit dem Strafantrag des Staatsanwalts. Die Verteidigung hatte von einer Spontantat gesprochen und sechs Jahre Haft wegen Totschlag gefordert. Sie kündigte Revision an, die nun vom BGH gewährt wurde.
(dpa, shz)

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