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Fälle in SH : „Mitschnacker“ – Die Gefahr auf dem Schulweg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Was passiert, wenn die eigenen Kinder von Fremden angesprochen werden? Wir zeigen, was Eltern tun können.

Lübeck | Es ist ein Albtraum aller Eltern: Ihr Kind wird auf dem Weg zur Schule oder zum Spielen von Fremden mit Versprechungen oder unter dem Vorwand, die Mutter läge im Krankenhaus, zum Mitgehen verlockt. In Lübeck und im benachbarten Stockelsdorf ermittelt die Polizei aktuell in vier solcher Fälle, zwei weitere wurden im Juni aus Ratekau und Kaltenkirchen berichtet. Eltern und Lehrer sind in Sorge, über das soziale Netzwerk „Facebook“ wurde kurzzeitig sogar das Foto vom Fahrzeug eines vermeintlichen Sexualstraftäters verbreitet. Panik ist jedoch ein schlechter Ratgeber, mahnt die Polizei.

Lollis und Katzenbabys, die angeblich im Auto zu besichtigen seien, sollen es an der Stockelsdorfer Grundschule Ravensbusch gewesen sein, mit der ein Mann Anfang September ein Mädchen zum Mitgehen bewegen wollte. Eine gute Woche später wird von zwei Männern berichtet, die im Lübecker Stadtteil Groß Steinrade einen fünf Jahre alten Jungen und ein sechs Jahre altes Mädchen mit der Behauptung zum Mitgehen überreden wollten, die Mutter warte in einer Klinik.

Einem Fall geht die Polizei im Stadtteil Bornkamp nach. In einer Straße nahe der Lübecker Schule Tremser Teich soll vor gut einer Woche abends ein Mann zwei Jungen aus einem Fahrzeug heraus gefragt haben, ob sie in seinem Kofferraum Playstation-Spiele ansehen wollten. Und gerade hat die Außenstelle der Grundschule Schuby in Hollingstedt (Kreis Schleswig-Flensburg) vor einem unbekannten Autofahrer gewarnt, der versucht haben soll, Kinder per Einladung in ein Fastfood-Restaurant „mitzuschnacken“. Passiert ist bisher zum Glück nichts, keines der Kinder ließ sich auf die Verlockungen ein, alle gingen oder radelten davon.

Verständlich, dass Eltern ihre Kinder am liebsten gar nicht mehr aus den Augen ließen, doch genau das kann ein ganz falsches Signal geben, weil es die Kinder verängstigt. „Erfahrungsgemäß sprechen Täter unsicher und unselbständig wirkende Kinder bevorzugt an“, sagt Anett Dittmer, Sprecherin der Polizeidirektion Lübeck, „mutige, starke und selbstbewusste Kinder sind am wirksamsten geschützt.“ Das unterstreicht Susanne Günther vom Landesverband Schleswig-Holstein des Kinderschutzbundes. Vor allem rät sie zu Gesprächen: „Am besten besprechen Eltern mit ihren Kindern in aller Ruhe solche Situationen. Die Kinder müssen wissen, dass es ihnen passieren kann, von Fremden angesprochen zu werden, und die Eltern müssen ihnen mitgeben, wie sie sich dann zu verhalten haben.“

Das Wichtigste, das Kinder wissen müssen: „Niemals mit einem Fremden mitgehen. Wenn du von Fremden angesprochen wirst: In kein Gespräch verwickeln lassen. Und wenn mir als Mutter oder Vater etwas geschieht, wenn ich einen Unfall haben sollte, dann schicke ich keinen Fremden zu dir, sondern Oma, Opa, Onkel, Tante oder eine andere, dir deutlich bekannte Person.“

Angst sollen Eltern ihren Kindern bei aller Sorge jedoch nicht machen, sagt Susanne Günther. Gerade wenn ein aktueller Fall Unruhe in Familien und Schulen bringt, sollten Vater oder Mutter wohl aber fragen, ob der Sohn oder die Tochter selbst auch schon einmal angesprochen wurde, oder ob das Kind weiß, ob es einem Freund oder einer Freundin passiert ist.

Ruhe bewahren und kommunizieren nennt Susanne Günther als oberste Gebote. Die Kinder vorsorglich lieber selbst mit dem Auto bis vor die Schultür zu fahren, sieht sie nicht als Lösung und bestätigt die Einschätzung der Polizeibeamtin: „Das Ziel der Erziehung ist ja die Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben. Dazu gehört auch, wo immer es geht, ein selbst zu bewältigender Schulweg.“ Selbstständigkeit aber sei nicht mit Überwachung, sondern mit Stärkung zu erreichen. „Das“, so Günther, „gilt für alle Lebensbereiche.“ Kopflose Angst oder gar, wie gerade geschehen, hetzjagd-ähnliche Warnungen via sozialer Netzwerke vor vermeintlichen Sexualstraftätern helfen den Polizei-Ermittlern nicht, können sogar kontraproduktiv sein; und derjenige, der sie verbreitet, kann sich selbst strafbar machen.

Das rät die Polizei:
Schauen Sie sich mit Ihrem Kind auf dem Schulweg und in der näheren Umgebung nach „Rettungsinseln“ um: Ein Geschäft, in dem es die Kassiererin ansprechen kann, eine Straße, in der viele Menschen sind, oder ein Haus, an dem es klingeln kann. Besprechen Sie dies auch bei Elternabenden.

Üben Sie mit Ihrem Kind, wie es sich in bedrohlichen Lagen verhalten soll, damit es im Notfall richtig reagieren kann. So sollte es frühzeitig andere Erwachsene ansprechen oder auch laut um Hilfe schreien. Versucht der Täter Ihr Kind anzufassen, dann sollte es dorthin laufen, wo Menschen sind.

Kinder müssen lernen: Gerade auch fremden Erwachsenen gegenüber dürfen sie „nein“ sagen. Sie sind nicht verpflichtet, mit Fremden zu reden oder Auskünfte zu geben. Ängstigen Sie Ihr Kind nicht, aber sagen Sie ihm immer wieder, dass es ohne Ihre Genehmigung weder mit Fremden mitgehen noch in deren Autos einsteigen darf. Ihr Kind sollte Ihnen darüber berichten, wenn es zum Mitgehen oder Mitfahren aufgefordert worden ist oder dies trotz Ihres Verbots getan hat.

Für die ermittelnden Beamten seien Fälle, in denen Kinder bedrängt werden, hochsensibel, sagt Anett Dittmer und berichtet von den Erfahrungen einer Ermittlerin: „Kinder haben eine ganz andere Wahrnehmung als Erwachsene und bewerten Dinge auch anders. Da Kinder das Alter von Menschen sowie deren Größe noch nicht gut schätzen können, gibt es häufiger keine verlässliche Täterbeschreibung. Kinder entwickeln mitunter Unsicherheiten und Ängste, wenn sie zu viel Beängstigendes hören. Es kommt vor, dass sie diese Angst äußern, in dem sie eine Sache erfinden, um letztendlich Schutz zu bekommen.“

In diesem Sinne kindgerecht berichteten der fünf Jahre alte Junge und das sechs Jahre alte Mädchen, die jüngst in Lübeck-Groß Steinrade mit Lollies zur kranken Mutter gelockt werden sollen, diffus von zwei Männern mittleren Alters.

Auch die ganz normale kindliche Phantasie muss berücksichtigt werden. Mit lügen habe das nichts zu tun, unterstreicht Anett Dittmer. „Wenn Kinder etwas erzählen, versuchen Freunde oftmals gleichzuziehen oder ein anderes Kind zu übertreffen, sodass Geschichten entstehen. Insbesondere an Schulen entwickelt sich eine große Dynamik. Die Ermittler haben anschließend großen Zeitaufwand, den Wahrheitsgehalt der Angaben zu prüfen.“

Die beste Prävention beschreibt Susanne Günther vom Kinderschutzbund schlicht mit „reden, reden, reden – so, wie man es ohnehin in allen Belangen tun sollte“. Eltern, die dabei Hilfestellung brauchen, finden diese unter anderem in Erziehungsberatungsstellen und Kinderschutz-Zentren.

Krankenkasse - Ist der Schulweg Elternsache?
Wie kommt Ihr Kind morgens zur Schule? Das wollte die Techniker Krankenkasse 2010 und 2014 von deutschen Eltern wissen und beauftragte das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Forsa mit entsprechenden Umfragen.

Bundesweit ergab sich 2010 dabei folgendes Bild: 31 Prozent der Kinder gingen zu Fuß, 25 Prozent nutzten einen Schulbus, 20 Prozent fuhren mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zwölf Prozent nahmen das Fahrrad und elf Prozent wurden per Auto gebracht.

2014 ergab sich, dass bundesweit 32 Prozent der Kinder öffentliche Verkehrsmittel nutzten und 25 Prozent einen Schulbus, 19 Prozent fuhren mit dem Rad, zu Fuß gingen 14 Prozent und 7 Prozent der Schulkinder wurden mit dem Auto gebracht. Über diese Zahlen hinaus wurde vergangenes Jahr speziell nach den nördlichen Bundesländern gefragt (Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zusammen genommen) und teils erhebliche Abweichungen registriert. Im Norden nutzen 21 Prozent öffentliche Verkehrsmittel, 33 Prozent einen Schulbus, 19 Prozent fuhren mit dem Rad, 8 Prozent liefen zur Schule und 2 Prozent werden mit dem Auto gebracht.

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erstellt am 27.Sep.2015 | 13:46 Uhr

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