Ausgrabung : Mit Pinsel auf Walfang in Groß Pampau

Vorsichtige Bergung: Wolfgang Höpfner hebt einen der ausgehärteten Schwanzwirbel aus dem Boden.
Foto:
1 von 5
Vorsichtige Bergung: Wolfgang Höpfner hebt einen der ausgehärteten Schwanzwirbel aus dem Boden.

Ein etwa elf Millionen Jahre alter Wal liegt im Herzogtum Lauenburg. Langsam und vorsichtig legen Paläontologen das Skelett frei.

shz.de von
09. Juni 2014, 07:30 Uhr

Groß Pampau | Vorsichtig und gefühlvoll zieht der Baggerfahrer immer wieder eine nur wenige Millimeter starke Schicht mit seiner Baggerschaufel des beinahe schwarzen Glimmertons ab. Mit Argusaugen folgt Gerhard Höpfner der mächtigen Baggerschaufel Stück für Stück, als er plötzlich eine kaum zu erkennende Farbveränderung im Boden entdeckt und das Manöver der tonnenschweren Maschine sofort stoppt. Denn Höpfner weiß, was hier im Glimmerton steckt: Ein vermutlich elf Millionen Jahre altes Wal-Skelett, das jetzt nach und nach wieder zum Vorschein kommt.

In der Kies- und Tongrube der Firma Ohle & Lau zwischen Groß Pampau, Wotersen und Kankelau im Kreis Herzogtum Lauenburg sind Höpfer als Grabungsleiter des Lübecker Museums für Natur und Umwelt sowie seine ehrenamtlichen Helfer bereits seit Oktober damit beschäftigt, das Skelett des Wals zu bergen. „Das ist hier im wahrsten Sinne des Wortes eine Fundgrube“, schwärmt Andreas Malchow, der jede freie Minute in der Grube verbringt. Er war im Oktober über einen klitzekleinen Knochensplitter gestolpert. Eigentlich hatte er Muscheln und Schnecken gesucht, deren Fossilien in dem Glimmerton beinahe zu Hauf liegen. Doch sofort ist dem Hamburger Architekten klar, dass er hier etwas Besonderes unter den Füßen hat. Seit 30 Jahren gilt die Grube als reichhaltiges Vorkommen für historische Funde.

So groß wie der Wal, der zurzeit aus dem Ton geholt wird, war noch keines der bisher gefundenen Tiere. Eine Sensation. 15 Meter lang wird der Wal zu Lebzeiten gewesen sein. Er war damals in der Ur-Nordsee unterwegs. Das Tier starb, trieb an der Meeresoberfläche, gaste aus und explodierte schließlich. Der Kadaver sank auf den damals etwa 50 Meter tiefen Grund. Das war vor elf Millionen Jahren. „Wenn man bedenkt, dass sich in 10.000 Jahren sieben Millimeter Sediment am Grund ablagern, kann man sich vorstellen, wie lange das Skelett unbedeckt am Boden gelegen haben muss“, sagt Malchow. Einige Rippen sind armdick, der Unterkiefer einen Meter lang, die Schwanzwirbel 20 Zentimeter stark.

Im Laufe der Jahrmillionen bedeckten immer mehr Sedimente das Skelett, in der Eiszeit drückten es 1000 Meter Eis auf den Boden. Die Nordsee in ihrer heutigen Form gibt es erst seit rund 8300 Jahren, früher reichte sie bis ins 120 Kilometer von der jetzigen Küste entfernte Groß Pampau.
In diese Historie bietet die Tongrube einen spektakulären Einblick. Seit 1984 wurden in Groß Pampau schon neun Wal-, Hai- und Delfinskelette geborgen und anschließend für das Lübecker Museum präpariert. Eigentlich sollte es drei Monate dauern, die Knochen zu bergen, schätzten die Experten im Oktober. Doch noch immer sind sie mit den Grabungsarbeiten beschäftigt. Warum, wird bei einem Ortstermin mit dem Grabungsleiter und seinen Helfern deutlich.

Es ist Sonnabend, neben Gerhard Höpfner sind auch sein Bruder Wolfgang sowie Malchow und Kurt Goldschmidt nach Groß Pampau gekommen, um den zwei Tage zuvor von der Baggerschaufel angekratzten Knochen zu bergen. Direkt nebenan finden sie einen weiteren Schwanzwirbel. Alle 25 Zentimeter drückt Malchow eine dünnen Stahlnadel in den Ton. „Man hört schon am Klang, wenn man auf einen Knochen trifft“, berichtet er. Sondierung heißt dieser Teil der Grabung.

Wenn beim Sondieren ein typisches Knochen-Geräusch erkannt wird, kommen kleine Kellen und Schaufeln zum Einsatz, um der Geräuschquelle auf den Grund zu gehen. Oft sind es nur Muscheln und Schnecken – aber manchmal auch neue Teile des Wal-Skeletts. Die werden dann ganz behutsam freigelegt, um sie mit Polyurethan (PU) übergießen zu können. Das festigt die porösen Knochen, die ohne diese Spezialbehandlung nicht zu bergen wären.

Wenn Gerhard Höpfner die Fotos aus seinem Wohnzimmer und den beiden Gästezimmern zeigt, reihen sich dort die bereits gesicherten Knochen aneinander. „Ein beeindruckendes Bild“, schwärmt der Grabungsleiter. Im August wollen die Paläontologen ihre Funde in der Grube präsentieren und dann auch ein 200 Seiten umfassendes Buch über die Grabungsgeschichte der 150 Einwohner zählenden Gemeinde vorstellen.

„Wir können hier einen Blick in die Geschichte werfen, weil wir es mit einer geologischen Besonderheit zu tun haben“, erklärt Höpfner. Ein Salzstock im Boden drückt den Glimmerton vom früheren Meeresgrund nach oben und spült so die Skelette höher. Höpfner: „Eigentlich liegen die Wal-Skelette in 120 Metern Tiefe, hier holen wir sie bei 33,50 Metern über Normal Null aus der Erde.“ Eine einmalige Situation. „Und dann ist da noch Grubenbesitzer Wolfgang Ohle, der uns hier super unterstützt“, dankt der Grabungsleiter dem Unternehmer, der den Glimmerton unter anderem zur Deponieabdichtung verkauft. Höpfner ist überzeugt, dass in der Grube in den kommenden Jahrzehnten noch mehr Skelette als das Dorf Einwohner hat gefunden werden.

Mittlerweile ist klar, dass es sich um das Skelett eines Bartenwals handelt. Doch da sind auch noch kleine Fossilien, die nicht zu dem großen Puzzle passen. Erst die von schon 170 verschiedenen Muschel- und Schneckenarten, dann ein – wie sich erst beim Reinigen zeigte – Schildkrötenpanzer, auch dies eine Sensation, denn so einen Panzer hat man noch nie gefunden. Doch vor allem sind da auch noch die Knochen, die wohl einem Zahnwal zuzuordnen sind. Den aufzuspüren hat aber gerade keine Priorität. „Wir wollen den Bartenwal vervollständigen“, sagt Höpfner. Es fehlen sowohl Oberkiefer als auch Schädel und weitere Knochen.

So werden die Hobby-Geologen noch weitere Stunden in der Grube verbringen, um alle Teile des Skeletts zu sichern. „Die meisten Fundstücke lagen in einer Achse dicht zusammen, aber den Unterkiefer haben wir ein ganzes Stück abseits gefunden“, erzählt Malchow. Die Grabungsstelle in der Tongrube umfasst eine Fläche mit einem Durchmesser von 20 Metern. „Wir haben die Knochen in unterschiedlichen Höhen von knapp einem Meter gefunden, wir reden also von etwa einer Million Jahren Unterschied in der Erdgeschichte“, sagt Höpfner. Heimatkunde, die er auch an die Mädchen und Jungen der Müssener Grundschule weitergibt. Vor Ort in der Grube – und im Lübecker Museum.

Am Sonntag sind die Schwanzwirbel gesichert. Beim Abtragen des Tons in einem Umkreis von rund drei Metern um deren Fundstelle finden Höpfner und seine Helfer keine neuen Stücke. „Wir warten jetzt, dass wir mit Hilfe des Baggers wieder großflächig den Boden bewegen können“, berichtet der Grabungsleiter. Sobald er dann eine Farbveränderung im Ton entdeckt, heißt es wieder Handarbeit, um auch die letzten fehlenden Knochen bergen zu können. Der Wal soll nach der Präparierung ebenfalls einen Platz im Museum für Natur und Umwelt finden.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen