Verband deutscher Sinti und Roma : „Mit den Leuten will ich nichts mehr zu tun haben“

Fordern die Ablösung des Vorstandes des Landesverbandes der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein: Mirano Wiegand (l.) und Tino Laubinger.
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Fordern die Ablösung des Vorstandes des Landesverbandes der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein: Mirano Wiegand (l.) und Tino Laubinger.

Unter den Sinti und Roma im Norden ist ein Riesenstreit ausgebrochen. Während der Landesvorsitzende des Verbandes Deutscher Sinti und Roma gerade wiedergewählt wurde, verlangt ein Sinti-Rat dessen Rückritt.

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17. November 2013, 09:37 Uhr

Kiel | Das Ergebnis war eindeutig. Mit 100 Prozent der Stimmen haben die Mitglieder des Landesverbandes der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein ihren Vorsitzenden Matthäus Weiß wiedergewählt. Alle Parteien im Landtag beglückwünschen den 64-Jährigen und seinen Vorstand zur Wiederwahl – dabei gibt es Streit in den eigenen Reihen. Rund 5000 Sinti und Roma gibt es in Schleswig-Holstein, aber nur etwa 70 sind im Landesverband Mitglied.

„Wir fordern den Rücktritt des Vorstandes um Matthäus Weiß“, sagt der Vorsitzende des selbst ernannten Sinti-Rates in Schleswig-Holstein Mirano Wiegand. Er vertritt nach eigener Aussage über 60 Familien mit mehreren Hundert Mitgliedern in Schleswig-Holstein, die mit der Arbeit des Landesverbandes unzufrieden sind. „Matthäus Weiß kümmert sich nur um die Interessen der Sinti und Roma in Kiel, er sollte aber für das ganze Land da sein“, sagt der zweite Vorsitzendes des Sinti-Rates, Tino Laubinger aus Neumünster. Er habe etwa noch nie einen Sozialarbeiter, der für die Integration der Sinti und Roma sorgen soll, an einer Schule in seiner Stadt gesehen. „Die Mittel, die der Landesverband vom Land bekommt, kommen nur einer kleinen Gruppe von Sinti und Roma zugute, es sollten aber alle davon profitieren“, sagt Laubinger. Das stehe im Übrigen auch so in der Satzung des Landesverbandes. Viele Sinti und Roma seien nicht darüber informiert, dass sie Mitglied in einem Verband werden müssten, um von Landesmitteln profitieren zu können.

Weiß und sein Vorstand würden den Menschen nicht genug bei der Wohnungssuche helfen, die für viele Sinti und Roma immer noch ein Problem sei, weil viele Vermieter keine „Zigeuner“ in ihren Wohnungen haben wollten, sagt Laubinger. Dazu unterstütze der Verband die Sinti und Roma nicht genügend bei Ämtergängen. Und der Sinti-Rat kritisiert, dass Weiß seine engste Familie im Landesvorstand versammelt habe – etwa, dass seine Frau Anna das Büro führt. „Wir haben nichts gegen den Verband, wir wollen nur einen anderen Vorstand“, sagt Wiegand. Nur weil sie im Verband ignoriert worden seien, suchten sie jetzt den Weg in die Öffentlichkeit. „Wir wollen keine dreckige Wäsche waschen.“ Der Konflikt mit Weiß sei nichts Persönliches, schließlich sei man über ein paar Ecken verwandt. Und doch benutzt Wiegand den Begriff „Diktatur“ wenn er über Weiß’ Arbeit im Landesverband spricht.

Matthäus Weiß versucht ob dieser Vorwürfe gelassen zu bleiben. Nur Mitglieder des Landesverbandes könnten auch den Vorstand wählen, das habe er den Mitgliedern des Sinti-Rates „tausendmal“ erklärt. Er sei gerade in einem demokratischen Verfahren im Amt bestätigt worden. Das meiste, was die Vorsitzenden des Sinti-Rates erzählten, sei schlicht nicht wahr. Er sei auch nie, wie Wiegand und Laubinger behaupten, zu einem Sinti-Rat eingeladen worden, um zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. „Diesen Leuten geht es doch nur ums Geld.“ Rund 180.000 Euro an Landesmitteln habe der Landesverband zur Verfügung, über 70 Prozent gingen in die Arbeit der Mediatoren und Sozialarbeiter – „im ganzen Land“, wie Weiß bekräftigt. Die Geschäftsführung bekommt laut Jahresbericht rund 35.000 Euro. Der Rest ginge für laufende Kosten der Geschäftsstelle drauf. „Wir können nicht überall sein, wir sind darauf angewiesen, dass die Leute zu uns kommen, wenn sie Hilfe brauchen. Dann sind wir für alle da“, sagt Weiß. Das gelte für die Hilfe bei der Wohnungssuche genauso wie für Rechtsberatung.

Für die Minderheitenbeauftragte der Landesregierung, Renate Schnack (SPD), bleibt der Landesverband der erste Ansprechpartner, der alle Sinti und Roma im Norden zu vertreten habe. „Von der Kritik habe ich gehört, das muss die Minderheit aber unter sich regeln. Ich fordere die Kritiker auf, sich im Landesverband zu engagieren, und die Unklarheiten zu beseitigen.“ Es sei möglich, auch noch mehr Hilfe in der Fläche des Landes zu organisieren, aber die Integration der Sinti und Roma in die Mitte der Gesellschaft sei ein langer Prozess.

Fünf Euro koste der Beitrag zum Landesverband im Monat. Jeder, der die Arbeit unterstützen wolle, sei eingeladen mitzuwirken, sagt Matthäus Weiß. Wer das nicht wolle, dem sei es freigestellt, einen eigenen Verein zu gründen. Den Mitgliedern des Sinti-Rates habe er im Übrigen genau das geraten, denn er vertrete die Interessen aller Sinti und Roma, aber eben nicht die des Rates, so Weiß. „Denn diese Menschen haben so viele Lügen erzählt. Mit den Leuten will ich nichts mehr zu tun haben.“

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