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Zwischen den Kulturen : Minderheiten öffnen sich für Gemeinsamkeiten

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Die Mehrheit übersieht oft die Ressourcen, die die Minderheiten der Gesellschaft bieten. Denn diese sind imstand dazu, sich beider Kulturen zu bedienen.

shz.de von
erstellt am 21.Mär.2008 | 03:53 Uhr

Daher sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, die Minderheiten in grenzüberschreitende Projekte mit einzubinden, meint der Vorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen. Hinrich Jürgensen war einer der ersten Landwirte in Dänemark, die ihren Schwerpunkt auf Ökologie setzten. Heute betreibt er neben der Landwirtschaft auch ein Geschäft mit ökologischen Produkten. Des Weiteren ist er auch Vorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), der Hauptorganisation der deutschen Minderheit in Dänemark.
"Meine Schulbildung und kulturelle Erziehung haben meine Eltern bestimmt. Sie haben so entschieden, daher war es für mich auch ganz selbstverständlich, als ein Teil der deutschen Volksgruppe aufzuwachsen", erzählt Hinrich Jürgensen. Als er als junger Mann gefragt wurde, wie es sei, Mitglied der deutschen Volksgruppe zu sein, antwortete er stets, es sei, als säße man zwischen zwei Stühlen und gleichzeitig als würde man gegen den Strom schwimmen - und damit ging es ihm richtig gut!
"Man ist ja weder ganz deutsch, noch rein dänisch"
"Man ist ja weder ganz deutsch, noch rein dänisch. Jedes Mal, wenn man sich mit etwas beschäftigt, dann dreht es sich um eine Wahl, und während es immer sehr einfach ist, mit der Mehrheit zu gehen, so stärkt es einen doch, wenn man gegen den Strom schwimmt", erklärt er. Einige fürchten um die Zukunft der Minderheit, weil sich viele junge Leute nach ihrer deutschen Schulbildung am Ende doch gegen Deutsch entscheiden, oder sich eher zu Europäern machen als zu Deutschen oder Dänen. Diese Angst teilt Hinrich Jürgensen nicht.
"Wenn sich einige nach der Schule entschließen, der Minderheit den Rücken zu kehren, ist das in Ordnung. Sie werden ja trotzdem einiges über die deutsche Kultur wissen, und damit ist das Ziel unserer Schulen erfüllt. Aus meiner eigenen Jugend kenne ich auch einen Teil, der fortgezogen ist, weil ihnen hier alles zu klein war. Seitdem sind viele wieder zurückgekehrt und tragen zur aktiven Arbeit der Minderheit bei. Sie haben erst in der Fremde gemerkt, was ihre wahre Identität ist", sagt der BDN-Vorsitzende.
Bewegung zwischen zwei Kulturen
Der doppelte kulturelle Hintergrund und der Zwang, sich zu entscheiden, melden sich bei Hinrich Jürgensen auch, wenn sich die beiden Länder auf dem Sportplatz gegenüberstehen. "Im Grunde genommen ist dies ja eine schöne Situation. Ich kann ja nur gewinnen", sagt er mit einem breiten Grinsen. Wie die Sympathien allerdings verteilt sind, hängt bei ihm meist davon ab, welche Mannschaft am attraktivsten spielt und dem Publikum ein schönes Sporterlebnis bietet.
Sich zwischen zwei Kulturen zu bewegen, ist seiner Meinung nach eine Gesellschaftsressource, die die Mehrheit der Bevölkerung sowohl in Dänemark als auch in Schleswig-Holstein noch gar nicht begriffen hat. Wenn Führungskräfte von deutschen und dänischen Kommunen sich treffen, um über die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu sprechen, sollte es nach Ansicht von Jürgensen eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Mitglieder der Minderheiten mit am Tisch sitzen. Stattdessen jedoch setzen sich die Vorsitzenden der großen Parteien zusammen. Sollten die Minderheiten doch einmal dabei sein, haben diese dann in der Regel einen reinen Beobachtungsstatus, und dürfen erst nach großem Kampf mitreden.
"Wir haben die gleichen Probleme"
"Die Mitglieder der Minderheiten haben sehr gute Kontakte auf der jeweils anderen Seite der Grenze. Daraus ziehen die Leute viel zu wenig Nutzen", klagt Jürgensen. Daher freut er sich besonders darüber, dass Bürgermeisterin Tove Larsen auf die deutschen Einrichtungen aufmerksam macht, wenn es darum geht, Arbeitskräfte aus Deutschland für die Apenrader Kommune zu gewinnen. Eine erfreuliche Entwicklung für ihn ist auch, dass in den vergangenen Jahren gute Beziehungen zwischen der deutschen Volksgruppe in Nordschleswig sowie der dänischen Minderheit in Südschleswig aufgebaut wurden. Dies sei eine Entwicklung, die nicht von einem Tag auf den anderen geschehen sei, sondern vielmehr auf die gute Chemie zwischen dem damaligen SSF-Vorsitzenden, Heinrich Schultz, und BDN-Vorsitzenden, Heinrich Hansen, zurückzuführen sei.
"Je mehr wir einander kennenlernen, desto mehr erkennen wir, dass wir die gleichen Probleme haben. Wie für die dänische Minderheit bezahlt auch für uns die dänische Regierung den größten Teil der Zuschüsse. Berlin hat seit 1997 seine Zuschüsse quasi eingefroren und nicht weiter erhöht, was in der Realität einer Senkung gleich kommt. Im vergangenen Jahr glückte es uns jedoch, die geplante Senkung auf 50 000 Euro in einen Extra-Zuschuss in der gleichen Höhe umzuwandeln. Das reicht jedoch lange noch nicht, wenn man bedenkt, dass alleine die Gehälter rund 80 Prozent des Budgets ausmachen. Außerdem gibt es kaum Geld, um die Gebäude instand zu halten. Das ist besonders schlimm, weil viele unserer Gebäude aus den 1950er und 1960er Jahren stammen. Daher sind Renovierungen wirklich sehr wichtig", konstatiert Hinrich Jürgensen trocken.
Während die Organisationen in Südschleswig oftmals laut über das Wirtschaftliche diskutieren, weil diese selbstständig wirtschaftende Einheiten sind, unterliegen alle Einrichtungen der deutschen Volksgruppe in puncto Finanzen der Hauptorganisation des BDN. "Das bedeutet noch lange nicht, dass nicht ausgiebig diskutiert wird. Die Organisationen präsentieren ihre Einstellungen und versuchen diese durchzuringen, aber letzten Endes ist es doch der Vorstand, der die Entscheidungen trifft. Und das ist nicht immer einfach, wenn es nicht genügend Geld gibt, um alle Wünsche erfüllen zu können", meint Jürgensen.

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