Widerstandskampf : Meyers lange Flucht in ein paar Wochen Widerstand

Detailreiche Erinnerungen: Meyer erzählt im heimischen Wohnzimmer von seinen Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs. Foto: Dewanger
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Detailreiche Erinnerungen: Meyer erzählt im heimischen Wohnzimmer von seinen Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs. Foto: Dewanger

Im Film "Tage des Zorns" erzählt Regisseur Ole Christian Madsen die Geschichte des dänischen Widerstands gegen die Nationalsozialisten. Hier stellen wir Karl Otto Meyer und Jens Jessen vor - zwei Widerstandskämpfer aus der dänischen und der deutschen Minderheit.

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22. August 2008, 05:20 Uhr

In den späten Stunden des 4. Mai 1945 durfte er endlich seinen richtigen Namen verraten - das erste Mal nach langen Monaten der Flucht. "Ab sofort heiße ich nicht mehr Knud Hansen, sondern Karl Otto Meyer", sprach der Deserteur aus Norddeutschland. Danach blickte er in verblüffte Gesichter, denn selbst seinen Verbündeten im dänischen Widerstand, denen er eigentlich vertraute, hatte er sich lediglich mit falschem Namen vorgestellt. Vertrauen war eine brüchige Kette im von den Nationalsozialisten besetzten Dänemark. Und Karl Otto Meyer war ein deutscher Deserteur - dieses Vergehen wurde mit dem Tode bestraft.
Meyer ist eine Ikone der dänischen Minderheit in Deutschland, der gebürtige Deutsche saß von 1971 bis 1996 für den SSW im Landtag, war zudem noch zwei Jahrzehnte lang Chefredakteur der Flensborg Avis. Der 80-Jährige erzählt lebendig und linear von seiner Flucht nach Dänemark und seiner kurzen Zeit im dänischen Widerstand - erstaunlich, denn sein Leben wurde in der Zeit von September 1944 bis zur Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 komplett auf den Kopf gestellt.
"Ich war ständig unterwegs, an zehn Orten in fünf Monaten", erzählt Meyer. In dieser Zeit nahm er drei gefälschte Identitäten an, in den letzten Kriegstagen war er der Widerstandskämpfer Knud Hansen im südfünischen Oure - ein vermeintlich gescheiterter Gymnasiast, der durch die Arbeit auf einem Bauernhof geläutert werden sollte.
Begonnen hatte Meyers Flucht am 15. Januar 1945 in Flensburg. Sein Vater Otto räumt abends den Schnee beiseite, als Karl Otto, 16 Jahre alt, ihm sagt: "Vater, ich gehe jetzt und komme erst wieder, wenn der Krieg vorbei ist." Sein Vater wünscht ihm alles Gute, dann geht der Sohn im Schnee davon - die Mutter soll von seiner Flucht nichts wissen. "Sie hat sich wahnsinnige Sorgen gemacht", sagt Meyer.
Es hatte schon länger gegärt in dem jungen Mann, wie in vielen seiner Pfadfinder-Mitstreiter der dänischen Minderheit. "Unsere Führung hatte empfohlen, dass wir uns wie loyale Staatsbürger verhalten sollten. Viele junge Mitglieder der Minderheit wollten das aber nicht, weil dieser Staat ein Unrechtsstaat war."
Im Oktober 1944 wird Meyer zum Reichsarbeitsdienst im Wehrmachtseinsatz eingezogen. Sechs Wochen ist er zur militärischen Ausbildung in Polen, dort sieht er, wie polnische Bürger geschlagen werden, weil sie ihren Hut nicht vor den deutschen Offizieren ziehen. "Karl Otto, diese Sache kannst du nicht mitmachen", habe er gedacht. Meyer kehrt zurück und entscheidet sich, zu desertieren, trotz der möglichen, lebensbedrohlichen Folgen, auch für seine Familie.
Zwei Fluchthelfer, ein Lehrer und ein Sekretär, bringen ihn über die Grenze nach Dänemark. Eine gewagte List hilft dabei, die Helfer kommen mit Fahrrädern zum Grenzübergang Krusau, Meyer zu Fuß. Er versteckt sich und nachdem Lehrer und Sekretär ihre Pässe vorgezeigt haben und am Grenzgebäude entlang zu ihren Rädern zurückkehren, tauscht Meyer mit einem der beiden die Rollen. Zwei Fahrräder queren schließlich unbehelligt die Grenze, auf einem sitzt Meyer.
In Dänemark angekommen, will er sich dem Widerstand anschließen, nicht untätig sein. Deshalb lehnt er den Vorschlag, sich als Schüler in einer Nørre Søby auf Fünen zu verstecken, ab.
Der Deserteur will zurück an die Front, aber auf die dänische, auf die, wie er findet, richtige Seite.
Zunächst muss Meyer allerdings warten. Er erhält gefälschte Papiere, in denen er als Knud Magnussen ausgewiesen wird. Die Iniatialen K und M werden bewusst gewählt, für den Fall, dass seine Wäsche, wie damals nicht unüblich, mit seinen Initialen bestickt wurde. So also wird Karl Meyer, der Deserteur zu Knud Magnussen, dem Landwirtschafts-Helfer. Er findet bei einem Bauern in der Region eine Anstellung, hilft mit dessen drei Söhnen auf dem Hof. Schnell beginnt das Gerede: "Der hat doch drei Söhne", heißt es, "warum braucht er noch eine Kraft?" Gefährlicher Neid, denn jetzt ist Knud Magnussen im Gespräch.
Als - reiner Zufall - der dänische Widerstand in der Nähe einen deutschen Lauschposten sprengen will und der Anschlag misslingt, wird es für den deutschen Flüchtling zu gefährlich. "Es wimmelte plötzlich in dem Ort von Soldaten", erinnert sich Meyer.
Zunächst verbarrikadiert er sich in seinem Zimmer auf dem Hof, in der Hoffnung, unentdeckt zu bleiben. Als ihn aber der Sohn eines dänischen Nazis aus dem Ort warnt und mit Nachdruck zum Verschwinden rät, verlässt Meyer Nørre Søby.
Wieder erhält der Flüchtling eine neue Identität, aus Knud Magnussen wird Magnus Knudsen. Die Initialen auf der Wäsche passen jetzt nicht mehr, aber das ist egal, denn wenn ein Knecht kurz nach einem versuchten Anschlag auf eine deutsche Einrichtung überstürzt den Ort verlässt, dann wird sein Name schnell unter den deutschen Besatzern bekannt sein.
Es folgt eine Odyssee von Hof zu Hof, und von Pastorat zu Pastorat. "Wenn du nicht weißt, wo du hinsollst, dann suche nach der nächsten Kirche", hatten seine Mitstreiter ihm geraten.
Derweil bleibt die erhoffte Nachricht von der Einberufung in den Widerstand aus. In der Partisanen-Führung in Odense hat es einen Wechsel gegeben, die alte ist abgetaucht, die neue zweifelt an der Integrität eines Deserteurs, eines deutschen zudem.
Meyer landet in Vormark, wieder auf einem Bauernhof. Dort trifft er "einen Jürgensen", auch er ist Mitglied der dänischen Minderheit, auch er ist über die Grenze nach Dänemark geflohen. Die beiden verbringen einen Tag gemeinsam, dann zieht Jürgensen weiter. Wenig später klingelt auf dem Hof das Telefon: Jürgensen ist geschnappt worden. Wieder schnappt die Angst ohne Vorwarnung zu. "Ich wusste, dass die Deutschen ihn foltern würden, um an Informationen über andere Deserteure zu gelangen." Meyer überlegt fieberhaft, was er Jürgensen erzählt hat, in diesen wenigen Stunden, die sie gemeinsam verbracht haben.
Er entscheidet sich, zu bleiben, darauf zu hoffen, dass Jürgensen nicht genug weiß - über Meyer und Knudsen. Doch die neue Identität hält trotzdem nicht lange - wenn auch aus einem anderen Grund. Eine dänische Behörde hat zwei verschiedene Angaben über Knudsens Geburtsort vorliegen. Meyer soll auf dem Amt erscheinen - und flieht am Abend vorher.
"Ich hatte eine letzte Adresse, die sollte ich aufsuchen, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gebe", sagt Meyer. So landet er in Oure und stellt sich mit einer Kronen-Münze in der linken Hand beim Bauern Eskild Thomsen vor. Die Krone ist das Erkennungszeichen, Thomsen der Anführer einer kleinen Partisanen-Gruppe. Meyer, der mittlerweile den Namen Knud Hansen trägt, ist endlich im Widerstand angekommen.
Er hilft beim Verteilen der Waffen, absolviert Schießübungen und wartet auf den Einsatzbefehl - der aber nie kommt.
Am Abend des 4. Mai 1945 hören die Partisanen im englischen Radioprogramm, dass die deutschen Truppen in Dänemark am nächsten Morgen kapitulieren werden.
Der Krieg ist vorbei, Knud Magnussen, Magnus Knudsen und Knud Hansen sind nur noch nutzlose Identitäten - und Karl Otto Meyer darf endlich wieder seinen richtigen Namen tragen.

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