Ausflaggung der "MS Deutschland" : Meuterei auf dem Traumschiff

Die 'MS Deutschland' liegt in London vor spektakulärer Kulisse - umrahmt von den Wolkenkratzern des Bankenviertels Canary Wharf. Foto: rtn
1 von 2
Die "MS Deutschland" liegt in London vor spektakulärer Kulisse - umrahmt von den Wolkenkratzern des Bankenviertels Canary Wharf. Foto: rtn

Ob von Bord gejagt oder im Zorn selbst gegangen: Der Kapitän der "MS Deutschland" hat in London für einen Eklat gesorgt. Er protestiert gegen die Ausflaggung des Traumschiffs.

Avatar_shz von
29. Juli 2012, 12:27 Uhr

London/Neustadt | Das Gerangel um die Ausflaggung des berühmten ZDF-Traumschiffs "MS Deutschland" schlägt weiter hoher Wellen. Zwar holt die Reederei Peter Deilmann aus Neustadt (Ostholstein) die schwarz-rot-goldene Flagge nicht wie geplant noch in diesem Monat ein, sondern vermutlich erst Mitte August. Der Mannschaft - allen voran dem Kapitän Andreas Jungblut - gefällt das trotzdem nicht. Jungblut unterbrach in dieser Woche seinen Urlaub, reiste nach London, wo das Schiff gerade als schwimmende Botschafterin Deutschlands während der Olympischen Spiele festgemacht hat, und versicherte der Besatzung, er werde weiter dagegen angehen, dass das Schiff unter maltesischer Billig-Flagge fährt. Im Namen der 260 Crew-Mitglieder schrieb Jungblut einen Brief an Joachim Gauck. Darin heißt es laut "Bild"-Zeitung: "Sehr geehrter Herr Bundespräsident, die Crew der ,Deutschland meint, dass unser Schiff sehr wohl unter deutscher Flagge wirtschaftlich fahren kann ... Man wechselt die Flagge nicht wie ein Unterhemd."
Was dann passierte, darüber gibt es unterschiedliche Schilderungen. Die eine lautet so: Die Reederei jagte Jungblut als unerwünschte Person von Bord - und das, obwohl der Kapitän seit 27 Jahren für Deilmann über die Weltmeere schippert, davon 13 Jahre als "Deutschland"-Kapitän. "Andreas Jungblut ist ganz klar gesagt worden: Sie verlassen jetzt das Schiff", berichtet Karl-Heinz Biesold, zuständig für Schifffahrt bei der Gewerkschaft Verdi.
Bundespräsident vor maltesischer Flagge? - "Peinlich"
Die zweite Version - diesesmal aus Sicht der Reederei - lautet indes so: Der Kapitän habe die Frage, warum er nicht seinen Urlaub genieße, als unfreundlichen Rauswurf aufgefasst und sei erregt von Bord gegangen. "Geschäftsführung und Eigner würden sich wünschen, zu einer sachlich-konstruktiven Argumentation zurück zukehren", so Reedereisprecherin Kornelia Kneissl.
Das ist der vorläufige Höhepunkt eines seit Anfang Mai schwelenden Flaggen-Streits, der Kreuzfahrtfans mobilisierte und in den sich zuletzt sogar das Bundeswirtschaftsministerium einmischte. Die Reederei gab dem öffentlichen Druck nach und verschob die Ausflaggung des Luxus-Kreuzers zumindest für die Dauer der Olympischen Spiele in London. "Es wäre peinlich gewesen, wenn der Bundespräsident auf der MS Deutschland unter maltesischer Flagge Gäste Deutschlands offiziell empfangen hätte", sagte Wirtschafts-Staatssekretär Hans-Joachim Otto. Er appellierte an die Reederei, sich zum Standort Deutschland zu bekennen und das Schiff nicht auszuflaggen, "das den Namen dieses Landes trägt". Doch die Reederei bleibt hart. Sie will das Schiffsregister definitiv wechseln, weil die Bundesregierung die Schifffahrtshilfen gekürzt habe.
Appell ans Heimatgefühl
Dabei hat das letzte große Kreuzfahrtschiff unter deutscher Flagge zahlreiche Fans, die dafür kämpfen, dass der Heimathafen weiterhin Neustadt in Holstein bleibt. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer (38) meldete sich zu Wort: "Ich appelliere an das Heimatgefühl und den Nationalstolz der Reederei: Das Traumschiff muss deutsch bleiben!" Und der Landtagsabgeordnete Hartmut Hamerich hatte in Kiel die sozialen Folgen der Ausflaggung thematisiert: "Die CDU lehnt niedrigere Sicherheitsstandards und Dumpinglöhne im internationalen Seeverkehr ab", sagte er. Es könne doch kein Gast erholsame Ferien und eine schöne Kreuzfahrt genießen, wenn er wisse, dass das Personal unterbezahlt und Sicherheitsstandards aus Kostengründen nach unten geschraubt worden seien.
Wie auch immer der Streit ausgeht - die "Traumschiff"-Illusion in der ZDF-Serie läuft weiter: Das seien interne Angelegenheiten der Reederei, sagte ein ZDF-Sprecher. "Für den Sender ist die MS Deutschland einfach ein Drehort, der entsprechend dargestellt werden kann."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen