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Kommentar : Mehr Zeit für Eltern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Staat sollte Familien unterstützen, statt sich auf Sozialleistungen zu konzentrieren. Kommentar von Jürgen Liminski

shz.de von
erstellt am 13.Dez.2013 | 07:03 Uhr

Es ist ein allgemeines Phänomen. Mangelnde Elternkompetenz wird in allen Industriestaaten beklagt. Die Ursachenforschung ist aber auch beklagenswert. Zum einen, weil sie kaum stattfindet, zum anderen weil sie mit Vorurteilen belastet ist.

Man traut den Eltern nichts mehr zu, „professionelle Hände“ sollen die Erziehung übernehmen. Sicher ist die Gesellschaft komplexer, der Wertekonsens schmaler, die „Miterzieher“ Medien, Schule, Straße einflussreicher und es daher zweifellos schwieriger geworden, Kinder zu erziehen. Das entledigt die Eltern nicht der Pflicht, sich schlau zu machen und bewusster die Erziehung anzugehen.

Aber eine Ursache ist auch klar: Viele Eltern stehen heute unter enormem wirtschaftlichen Druck. Experten schätzen die Zahl auf zwanzig Prozent. Die Investition in Kinder ist teuer – und weitgehend privat. Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Zahl der Kinder, die in Armut leben, um das 16-fache gestiegen. Auch heute ist das Existenzminimum für Kinder anders als bei Erwachsenen nicht steuerfrei. Viele Eltern müssen zu zweit arbeiten, um nicht zu verarmen. Das kostet Zeit. Und Zeit ist für die Erziehung mindestens so notwendig wie Wissen.

Zeit ist das, was Kinder sich von ihren Eltern am meisten wünschen. Sie bedeutet Präsenz. Natürlich ist die Präsenz vor dem Fernseher meistens verlorene Zeit. Denn Zeit und Präsenz sind nur die Voraussetzung für alles andere: Antwort geben, sich austauschen, sich kümmern, Anteil haben, in den Arm nehmen, gemeinsam lachen und weinen. Der große Pädagoge Pestalozzi hat schon vor zweihundert Jahren die Erkenntnisse seiner Forschung in drei Z zusammengefasst: Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit. Wenn man den Eltern mehr (bezahlte) Zeit ließe und ihre Erziehungsleistung anerkennen würde, liefe manches besser in den Familien. Natürlich gibt es Versagen von Eltern. Aber solange Vater Staat und Mutter Partei nicht nach menschlichen, sondern nur nach arbeitsmarktpassenden Lösungen für Familien suchen, sollten sie sich über höhere Sozialkosten nicht wundern.

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