Interview : Mehr Tierwohl kostet Geld

'Auf Gesprächstemperatur hochgewärmt': Bauernpräsident Werner Schwarz (links) und Stefan Johnigk von der Tierschutzorganisation 'Pro Vieh'. Foto: höfer
"Auf Gesprächstemperatur hochgewärmt": Bauernpräsident Werner Schwarz (links) und Stefan Johnigk von der Tierschutzorganisation "Pro Vieh". Foto: höfer

Bauernpräsident Werner Schwarz und Stefan Johnigk von der Tierschutz-Organisation "Pro Vieh" debattieren über die Entwicklung der Tierhaltung.

shz.de von
28. Juni 2013, 08:21 Uhr

Herr Schwarz, mit der Web-Cam, die Sie Anfang des Jahres in Ihrem Schweinestall installiert haben, wollten Sie eigentlich etwas für das Ansehen der Landwirtschaft tun. Kaum war die Transparenz da, sahen Sie sich aber als Tierschänder verunglimpft. Haben Sie nicht das Gegenteil von dem erreicht, was Sie beabsichtigt hatten?
Schwarz: Am Anfang war es eine Katastrophe, was da an Kommentaren auf der Facebook-Seite des Bauernverbandes abgegangen ist. Teilweise menschenverachtend. Die Äußerungen stammten von 20, 30 Personen, die sich immer wieder gemeldet haben. Was mir geholfen hat, das durchzustehen, war unter anderem auch ein Telefonat mit Herrn Johnigk. Mit einigem Abstand zu dem Shitstorm der Anfangsphase glaube ich, dass die Kamera doch eine Menge Positives erreicht hat. Vor wenigen Tagen hatten wir den 50 000. Klick auf die Webcam. Das finde ich absolut gigantisch. Als ich das erfuhr, saß ich gerade mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Friedrich Ostendorff zusammen - und selbst der als kritischer Begleiter sagte mir: Chapeau, Herr Schwarz, Sie haben mit der Kamera genau das Format getroffen, das notwendig war.
Haben Sie trotzdem Verständnis, wenn sich Berufskollegen von einer Nachahmung abgeschreckt fühlen?
Schwarz: Wir zeigen inzwischen auch Bilder aus einem Kuhstall im Land. Aber insgesamt gibt es eine Grundzurückhaltung. Ich hätte gedacht, dass sich die schneller überwinden lässt. Mein Argument, um Nachahmer zu überzeugen: Ich denke, dass sich so ein Shitstorm wirklich auf das erste Mal, also auf meine Webcam, konzentriert.
Johnigk: Ich bin Herrn Schwarz sehr dankbar, dass er das mit der Kamera gemacht hat. Nach der ersten Aufregung ist dies unterm Strich doch ein Beitrag zur Versachlichung der Debatte. Die Webcam zeigt eins zu eins die Normalität in der Sauenhaltung. Nichtsdestotrotz liefern die Bilder aus dem Stall uns Argumente, warum wir Verbesserungen für den Tierschutz herbeiführen wollen.
Welche Forderungen leiten Sie denn aus den Bildern ab?
Johnigk: Beispielsweise fordern wir, dass die Sauen vor dem Abferkeln ihrem Nestbautrieb vollumfänglich ausleben können müssen. Das ist den Muttertieren in einer Haltung wie Herr Schwarz sie betreibt, verwehrt und führt zu einem Verhaltensstau. Deshalb verzögert die Sau die Geburt und steht unter unnötigem Stress. Diese Verkrampfung wiederum hat negative Folgen für die spätere Säugeperiode der Ferkel. Sauen möchten sich auch während der Abferkel- und Säugeperiode frei bewegen.
Herr Schwarz, sehen Sie sich schon wieder am Pranger?
Schwarz: Nein, wir stehen nicht am Pranger, wir stehen in der Diskussion. Wir zeigen jetzt einen Status Quo, über den wir debattieren können. In der Zeit vor der Kamera gab es ja nur die beiden Extreme: Bilder aus Ställen von Berufskollegen, dies es nicht gut machen einerseits - Superwohlfühlbilder aus Luxusställen in der Schweiz andererseits. Jetzt haben wir alle den Standard vor Augen. An dem können und wollen wir gerne arbeiten. Aber mehr Tierwohl muss auch entlohnt werden, damit diese Betriebe im Wettbewerb bleiben.
Verdeutlichen Sie die Dringlichkeit mal an einem Beispiel.
Schwarz: Unsere Schweinemäster erlösen pro abgeliefertem Mastschwein, nach Abzug aller direkt zuteilbaren Kosten, fünf bis 25 Euro je nach Marktpreis. Rechnet man noch Kosten für Arbeitskraft und Ställe dazu, steht häufig ein Minuszeichen davor. Jeder Cent, der für anderes draufgeht, geht zu Lasten der Wirtschaftlichkeit.
Stimmen Sie Herrn Johnigk in der Analyse zum unausgelebten Nestbautrieb zu?
Schwarz: Ich bin nicht ganz einig mit ihm, dass nur das fehlende Nestbaumaterial zu Schwierigkeiten bei der Geburt und beim Säugen führe. Aber es wird einfacher, wenn man solche Hilfsmittel hat. Was mir in diesem Zusammenhang auch noch wichtig ist: Wir haben diese Bilder mit der Webcam nicht vor zehn, 20 oder 30 Jahren gemacht. Hätten wird das und könnten direkt vergleichen, würden alle sehen: In unserer konventionellen Haltung hat sich ganz viel entwickelt. Zum Beispiel die Fußbodengestaltung. Durch wärmeableitende Materialien wird der Körper der Sau für sie angenehm gekühlt. Bei den Ferkeln wiederum gibt es wärmekonservierende Materialien.
Johnigk: Wir haben durchaus die Situation, dass wir 60 Jahre lang die Tierhaltung nahezu einseitig nach wirtschaftlichen Kriterien betrieben haben. Man darf landwirtschaftliche Tiere jedoch nicht als Produktionsmittel ansehen, sondern muss jederzeit ihre Qualität als Lebewesen respektieren. Wenn das nicht mit wirtschaftlichen Anforderungen einhergeht, ist es Aufgabe auch der Landwirtschaft, auch des Bauernverbandes, dafür zu kämpfen, dass sich das ändert. Es gilt, die nötige Wertschätzung zurückzuerstreiten.
Schwarz: Indirekt unterstellen Sie dann ja mir und meinen Kollegen eine negative Einstellung gegenüber den Tieren. Das ist falsch. Ich habe eine Mitarbeiterin, die sich ausschließlich um den Zeitraum der Geburt kümmert. 50 bis 60 Sauen innerhalb von drei, vier, fünf Tagen kann sie sehr individuell betreuen. Wenn sie sieht, dass die Sau beim Ferkeln eingeengt ist, wird der Bügel des Ferkelschutzkorbs den Bedürfnissen entsprechend nachgestellt. Ich bin mir sicher, dass mancher Berufskollege, auch wenn er nicht so viele Tiere hält, nicht bei jeder Geburt dabei sein kann. Gleichwohl macht Herr Johnigk die Gleichung a uf: Je weniger Tiere pro Stall, desto besser fürs Tierwohl.
Johnigk: Zahlreiche Betriebe arbeiten mit Sauen wiederum in viel größerem Stil als Sie, und wir wissen aus sicheren Quellen, dass es das da nicht so gut läuft wie bei Ihnen. Da möchte ich ran. Aus Umfragen wissen wir, dass vier von fünf Bundesbürgern gesteigerten Wert auf eine artgemäße und verhaltensgerechte Haltung legen.
Warum schlägt sich das dann im Verbraucherverhalten so gar nicht nieder? Die große Mehrheit fragt nur nach dem günstigsten Preis.
Johnigk: Bei der Nahrungsbeschaffung nach Aufwand und Nutzen vorzugehen, ist uraltes menschliches Verhalten und nur mit bewusstem Gegensteuern zu überwinden. Das können und tun nicht alle. Umso mehr muss man gerade die in die Pflicht nehmen, die am meisten am Einkaufsverhalten verdienen: den Handel.
Schwarz: Eine Frage: In der Diskussion fällt immer so selbstverständlich der Begriff Tierschutz. Wer legt eigentlich fest, was das ist?
Der Gesetzgeber.
Schwarz: Das, was ich mache, ist der Standard im Rahmen der Gesetze. Was ich mit meiner Frage zeigen wollte: Der Begriff Tierschutz reduziert sich in der öffentlichen Debatte allzuleicht auf Emotionen. Dann wandern wir aber auf einem Grat, auf dem wir Landwirte nicht mehr mitgehen können.
Welche Forderung zum Tierschutz finden Sie denn zum Beispiel an den Haaren herbeigezogen?
Schwarz: Das Schwein ist ein Hartlieger und ein Liegekühler. Es legt sich auf den Boden, wenn es ihm zu heiß ist. Das weiß der Bürger heute nicht mehr. Als Landwirte arbeiten wir kontinuierlich an einer Verbesserung des Tierschutztes, allerdings auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Johnigk: Es wird viel zu einseitig an der Effizienz und der Ökonomie geforscht. Ich bin selber Biologe, habe mich viel mit Verhaltensforschung befasst. Untersuchungen, in denen das Tier dann doch mal sozusagen selbst zu Worte kommt, finden in der Praxis viel zu wenig Beachtung. Was mich ebenso ärgert, ist die falsche Prioritätensetzung der Politik beim Tierschutz. Wir stellen mit Erstaunen fest: Nicht das, was uns fachlich besonders kümmert, wird aufgegriffen. Stattdessen werden einige wenige hoch emotionale Teilaspekte in den Wahlkampf getragen.
Was zum Beispiel - und was wäre Ihnen wichtiger?
Johnigk: Den Heißbrand bei Pferden sehen wir bei Pro Vieh vergleichsweise nüchtern. Was in der politischen Diskussion hingegen völlig untergeht, ist die Notwendigkeit, Mastschweine so verhaltensgerecht aufzuziehen, dass man auf das prophylaktische Kürzen des Ferkelschwanzes verzichten kann. Das ist zwar faktisch EU-weit verboten, wird aber noch praktiziert. Die Schweinehalter drohen dabei in eine fatale Falle zu laufen, weil sie wegen dieses Verstoßes möglicherweise EU-Mittel zurückzahlen müssen. Doch statt dass die Politik die Umsetzungsprobleme der Landwirte aufgreift, wird über das Brandzeichen gezankt. Das ist ein Politikversagen.
Schwarz: Wenn es so einfach wäre: Wir legen einen Schalter um, und die Schwänze bleiben dran... Das Problem hat leider viele Ursachen. Auch mit einer geringeren Belegdichte und einer mit verschiedenen Materialien ausgestatteten Bucht sind die Schweine nicht unbedingt davor gefeit, sich die Schwänze abzubeißen. Einige Halter kriegen es zu 90 Prozent hin, das zu vermeiden, andere nur zu 30 Prozent. Das ist kein Tierschutz. Mein Rat: Gebt den Landwirten die Gelegenheit, Dinge auszuprobieren. Honoriert das, und die Tierhalter finden die richtige Lösung.
Johnigk: Das ist polarisierende Schwarzweiß-Malerei. Der angebissene Schwanz ist nur der Ausdruck von Verhaltensstörungen durch nicht tiergerechte Aufzucht. Es gibt eine Menge Ansatzpunkte: etwa in der Säugeperiode, bei der Wasserversorgung, bei der Darmgesundheit. Wir brauchen ein Anreizmodell, das den Landwirt in die Lage versetzt, neue Wege auszuprobieren. Ich bin für einen ähnlichen Denkansatz wie bei den Erneuerbaren Energien. Wir benötigen ein Tierwohl- und Nachhaltigkeitsförderungsgesetz. Es müsste über Bonuszahlungen diejenigen entlasten, die nachweislich verhaltensgerechter mit ihren Tieren arbeiten.
Wie bekommen wir denn mehr Geld ins System, damit Landwirte sich Tierschutz leisten können?
Johnigk: Über Label oder Direktvermarktung erreichen wir höchstens zwölf bis 15 Prozent der Leute offen. Wir hatten im letzten Jahr 59 Millionen Schweine am Schlachthof in Deutschland, davon nur rund 350.000 aus Biohaltung. Wenn wir dicke Bretter bohren wollen, wäre es tierschutzmäßig falsch, allein auf bio zu setzen. Vielmehr müssen wir die in die Pflicht nehmen, die den Massenmarkt mit Lebensmitteln beliefern, nämlich den Einzelhandel. Der diktiert mit dem billigsten Produkt, was gemacht werden kann und was nicht. Ein Beispiel: Wir wollten das Schnabelbeißen bei Legehennen über Verbesserungen in der Haltung beenden, hatten auch einen Partner, der dafür etwas mehr Geld hinlegen wollte. Aber beim Start des Projekts hat ein Konkurrent einfach mal die Eierpreise so weit gesenkt, dass bei unserem Partner die Luft raus war. Man kann also nicht über einzelne Unternehmen gehen, sondern muss versuchen, sie im Konsens an einen Tisch zu kriegen. Nur dann gibt es eine Chance, den Markt zu drehen.
Schwarz: Ich hoffe deshalb auf die Initiative Tierwohl. Wir befinden uns auf Ebene des Deutschen Bauernverbandes im Gespräch mit Wirtschaftsbeteiligten und Vertretern von Tierschutzorganisationen. Ich höre eine Bereitschaft des Lebensmitteleinzelhandels heraus, sich zu bewegen. Auch und gerade, weil Nichtregierungsorganisationen direkt beim Verband des Lebensmittel einzelhandels Druck machen.
Und die Idee läuft worauf hinaus?
Schwarz: Auf Bonuspunkte, die sich in der Haltung, beim Transport und in der Schlachtung mit Leistungen über dem gesetzlichen Standard erwerben lassen und die der Handel den Beteiligten der Erzeugerkette finanziell honoriert. Haltungsbedingungen, Futterkomponenten und Medikamenteneinsatz sind Beispiele für Kriterien, die darin einfließen können. Die Vergütung soll unabhängig von Preisschwankungen über einen Fonds des Lebensmitteleinzelhandels gezahlt werden. Der Fleischpreis würde sich weiter am Markt bilden. Das Bonussystem liefe parallel dazu.
Johnigk: Der Clou dabei ist, dass das Tierwohl aus einem eigenen Topf finanziert wird, unabhängig vom Marktpreis, der sich allein über Fleischqualität und Menge definiert.
Aber für den Verbraucher wird es dann teurer.
Johnigk: Nicht unbedingt beim Fleisch. Dem Einzelhandel kann es egal sein, ob er seinen Gewinn über Bier und Chips macht statt mit Schweinefleisch. Wie die das quersubventionieren, ist mir vollkommen egal, die sollen das Geld für das Tierwohl auf den Tisch legen.
Schwarz: Natürlich zahlt das irgendwann der Verbraucher. Durch tendenziell steigende Preise. Aber es geht dabei um Cent, nicht um Euro je Kilogramm.
Schleswig-Holstein ist das kleine Land des kurzen Drahts. Lässt sich zwischen Pro Vieh und dem Bauernverband hier für den Tierschutz irgend etwas modellhaft einfacher auf den Weg bringen als anderswo?
Johnigk: Nachdem wir uns auf Gesprächstemperatur hoch gewärmt haben: Ich kann mir vorstellen, dass wir gemeinsam ein paar Experimente unter dem Motto "Ein Ferkelnest für jede Sau" hinbekommen. Ein Jutehersteller will uns dabei unterstützen. Den Stoff könnten die Tiere für ihren natürlichen Nestbautrieb nutzen. Vielleicht können wir das sogar vor der einen oder anderen Webcam ausprobieren.
Schwarz: Wir haben den kleinen Schritt mit der Kamera gemacht, und in der Folge ergeben sich viele Möglichkeiten in alle Richtungen. Lassen Sie sich überraschen.

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