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Zahlungsschwierigkeiten in SH : Mehr Geld für die Schuldnerberatung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

218.000 Schleswig-Holsteiner haben Zahlungsschwierigkeiten – aus Scham lassen sich viele erst helfen, wenn es fast schon zu spät ist.

Kiel | Das Land will seine Mittel für die Schuldnerberatung aufstocken. Das wird Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) heute auf einer Fachtagung im Kieler Wissenschaftszentrum ankündigen. In Schleswig-Holstein sind 100.000 Haushalte überschuldet. 218 .000 Menschen haben laut einer Studie der Diakonie Zahlungsschwierigkeiten – 25 Prozent mehr als noch 2004. „Das Internet hat die Wege in die Schuldenfalle kürzer gemacht“, sagt die Ministerin. „Und es ist nicht zu übersehen, dass sich in unserer Gesellschaft eine Einkommensschere geöffnet hat, bei der ein Teil der Menschen trotz harter Arbeit kaum den Lebensunterhalt bestreiten kann. Unser Sozialstaat hat deshalb die Verantwortung, zu helfen.“

Wie kann die Beratung für Menschen mit Schulden besser werden? Das ist das Thema der Fachtagung die zum zehnjährigen Bestehen der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung veranstaltet wird. „Wir glauben, dass es nicht mehr ausreicht, allein Schulden zu regulieren. Wir müssen auch das Leben der Betroffenen stabilisieren“, sagt Alis Rohlf, Leiterin der Koordinierungsstelle. In der Vergangenheit hätten meist Verfahrensaspekte im Vordergrund gestanden, etwa die korrekte Abwicklung der Insolvenz. „Doch Schulden und die damit verbundenen Sorgen machen Menschen meist handlungsunfähig, sie verlieren ihr Selbstwertgefühl. Diesen Knoten müssen wir zerschlagen und die Betroffenen, die nicht mehr an sich glauben, aufbauen.“

Schulden sind mit Scham behaftet. Tatsächlich versteckt sich der Vorwurf der Gesellschaft bereits im Wort Schulden: Schuld. Oder deutlicher: selbst schuld. „Es wäre zynisch, wenn wir die Betroffenen schlicht auf ihre Eigenverantwortung verweisen“, sagt Kristin Alheit. Und Alis Rohlf ergänzt: „Die Sichtweise der eigenen Schuld ist weit verbreitet, aber nicht zutreffend.“ Die Auslöser für eine Überschuldung seien seit Jahren unverändert: Arbeitslosigkeit, Trennung oder Krankheit. Überproportional betroffen von der Schuldenfalle sind alleinerziehende Frauen. Und: Immer häufiger sind auch junge Menschen Klienten der Schuldnerberatung. „Sie haben ein geringes Einkommen, trotzdem wird viel gekauft“, sagt Imke Nemitz, Schuldnerberaterin der Diakonie in Neumünster. Zwei Faktoren hat sie als Ursache ausgemacht: Die neuesten Geräte wie Smartphones oder Flachbildfernseher dienten als Statussymbole. Gleichzeitig sei die Finanzkompetenz nur schwach ausgebildet. „Ich habe bei Präventionsveranstaltungen in Schulen mit Jugendlichen gesprochen, die tatsächlich glaubten, sie bekämen ein Handy für einen Euro.“ Auch durch die Verlockung von Ratenzahlung, „Kaufe jetzt – zahle später“, schnappe die Schuldenfalle schneller zu.

Vom Kreis der Personen mit Zahlungsschwierigkeiten sind 117.000 absolut überschuldet – sie sind in Verbraucherinsolvenz oder haben eine Eidesstattliche Versicherung abgegeben. Doch nur 15. 000 Menschen haben 2012 eine der 35 anerkannten Beratungsstellen in Schleswig-Holstein aufgesucht. Alis Rohlf weiß, warum: „Weil sie sich schämen, zögern viele Menschen. Oft kommen sie erst, wenn es gar nicht mehr geht, Pfändungen oder Stromsperren anstehen.“

Für die Berater bedeutet das: Feuerwehr spielen. Dabei sollte Schuldnerberatung weit mehr sein: Nach einer Krisenintervention sollte eine psychosoziale Stabilisierung des Betroffenen erfolgen, die in eine Regulierungsphase mündet. „Wir wollen die Ressourcen in den Menschen wecken, sie motivieren, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.“ Das aber kostet Zeit und Geld, ebenso wie die Prävention. „Es wird unglaublich viel in Werbung investiert, um Kinder und Jugendliche zu erreichen“, so Rohlf. „Wir müssen gegenhalten, damit junge Menschen erlernen, wie man mit Geld umgeht.“

Bisher wird die Schuldnerberatung vom Land mit rund 3,6 Millionen Euro gefördert. Diese Summe soll nun um jährlich 200.000 Euro aufgestockt werden. „Ich bin der Auffassung, dass dies sehr sinnvoll ausgegebenes Geld ist“, so Ministerin Alheit. „Schuldnerberatung und Prävention sind sozialpolitische Investitionen, die Eigenverantwortung ermöglichen, statt sie nur zu fordern.“


>>>Beratung im Norden: In Schleswig-Holstein gibt es 35 anerkannte Schuldnerberatungsstellen von Diakonie, AWO, Caritasverband, dem Paritätischen, dem Roten Kreuz, der Verbraucherzentrale sowie vier Einrichtungen, die sich in direkter kommunaler Trägerschaft befinden. Finanziert wird die Beratung von Land und Kommunen. Die Koordinierungsstelle Schuldnerberatung wurde vor zehn Jahren gegründet und setzt Qualitätsstandards, die dafür sorgen, dass alle Beratungsstellen gleich gut arbeiten.

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erstellt am 11.Sep.2013 | 08:47 Uhr

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