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Impfmüdigkeit : Masern breiten sich wieder aus – auch in SH

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bis 2015 sollten die Masern ausgerottet sein. Doch die Krankheit ist wieder auf dem Vormarsch. Ein Grund könnte Impfmüdigkeit sein.

shz.de von
erstellt am 26.Jan.2014 | 14:49 Uhr

Kiel | Bislang galt der Norden als Insel der Glückseligen. Die Infektionskrankheit Masern war im Prinzip ausgerottet. Zwei Fälle meldete das Kieler Institut für Infektionsmedizin im Jahre 2012 – zu einem Zeitpunkt, als in Süddeutschland die Renaissance des Virus unübersehbar war. Knapp 70 Fälle gab es 2012 allein in Bayern. Auch in der Bundeshauptstadt waren Masern plötzlich wieder ein Thema. Kein Wunder, dass auch Schleswig-Holstein sich von diesem Trend nicht abkoppeln konnte. Nach zwei Fällen 2012 waren es 2013 immerhin schon 18. „Von einer Epidemie kann man da sicher noch nicht sprechen, aber wir müssen achtsam sein“, warnt Professor Helmut Fickenscher, Chef der Kieler Uni-Infektiologie. „Noch sind das Einzelfälle – aber das Potenzial, das sich daraus entwickeln kann, ist bedrohlich“.

Deutschlandweit steckten sich im vergangenen Jahr 1774 Menschen mit den Viren an, allein in Bayern waren es 788. Damit erlebte die Bundesrepublik nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) die stärkste Krankheitswelle seit sieben Jahren.

„Wenn ich mir die Entwicklung in Deutschland anschaue, erreichen wir nicht das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Masern bis zum Jahr 2015 zu eliminieren“, erklärte kürzlich Annette Mankertz vom RKI. „Würden wir es schaffen, dass sich 97 Prozent aller Deutschen zwei Mal impfen lassen, dann wären wir das Problem los.“

In Süd- und Nordamerika hat das bereits geklappt. „Aus deren Sicht sind wir ein Entwicklungsland, das ist schon fast peinlich“, meint der Kieler Ordinarius Fickenscher. Noch wird gerätselt, warum hierzulande die Krankheit immer wieder aufflackert. Einige Experten sehen die Ursache in einer wachsenden Impfmüdigkeit. Weil Menschen die Gefahren von Infektionskrankheiten – egal ob Masern, Kinderlähmung oder Windpocken – nicht mehr in ihrem unmittelbaren Umfeld erleben, werden sie gleichgültig. 43 Prozent der Bürger wissen nicht, gegen welche Krankheiten sie geschützt sind, ergab kürzlich einen Umfrage. Nur gut die Hälfte achtet auf eine regelmäßige Auffrischung. Am häufigsten wird noch die Tetanusimpfung aufgefrischt (47 Prozent) , bei Diphtherie sind es nur 20 Prozent.

Geht es um ihre Kinder, sind die Deutschen allerdings genauer. Die Mehrheit der Eltern nimmt die Impfempfehlungen für ihren Nachwuchs ernst. Der Anteil der rigorosen Impfgegner – unter anderem kommen sie aus dem Umfeld antroposophischer Einrichtungen – ist gering. Als Grund für den Impfverzicht nennen sie meist Angst vor zu großen Risiken und Nebenwirkungen. Diese Sorge ist jedoch nach Ansicht von Fachleuten unbegründet. Die Impfstoffe seien sicher und die Ständige Impfkommission – sie empfiehlt, welche Impfung wann erfolgen soll – „arbeitet seriös und ist unabhängig“, so Fickenscher.

Einen unzureichenden Impfschutz haben häufig auch Migranten und Flüchtlinge. „Wer jetzt aus Syrien zu uns kommt, hat sich meist um die Impfung seiner Kinder nicht kümmern können“ , erklärt Fickenscher. Ähnliches gelte für Romakinder sowie Menschen ohne Aufenthaltsstatus. „Wer hier illegal lebt, meidet den Kontakt zu Behörden und zu Ärzten “.

Dabei ist eine Infektion mit Masern-, Windpocken- und Polioviren alles andere als ungefährlich. „Leider ist der Irrglaube, das seien harmlose Kinderkrankheit, immer noch weit verbreitet“. Das Risiko ernsthafter Komplikationen und dauerhafter Schädigungen sei erheblich.

Was viele nicht wissen: Es sind nicht nur Kinder, die sich anstecken, sondern Jugendliche und Erwachsene ohne ausreichenden Impfschutz. 2013 waren laut RKI bundesweit 39 Prozent der an Masern Erkrankten über 20 Jahre alt. Deshalb rät die Impfkommission allen nach 1970 Geborenen, die sich nicht erinnern können, die Krankheit gehabt zu haben oder geimpft zu sein, die Immunisierung nun nachzuholen.

Von einem Impfzwang – wie er kürzlich diskutiert wurde – hält der Kieler Professor übrigens nichts. „Bei uns gilt das Grundgesetz. Zwangsimpfungen sind Spezialitäten von Diktaturen, die DDR war dafür ein Beispiel“. In Westdeutschland wurde die letzte verpflichtende Impfung 1983 abgeschafft – die gegen Pocken.

Versteckt wird allerdings auch in der Bundesrepublik Druck ausgeübt. Klinikpersonal, das sich nicht gegen Hepatitis B impfen lässt, verliert den Versicherungsschutz in der Unfallversicherung. Und wer in Schleswig-Holstein sein Kind in einer öffentlichen Kita anmelden will, muss nachweisen, dass es gegen Masern und andere Infektionskrankheiten geimpft ist. Damit wolle man verhindern, dass Impflücken entstehen, erklärt Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD).

Um dem Ziel, die Masern auszurotten, näher zu kommen, ist vor allem Aufklärung wichtig, so die allgemeine Überzeugung. Das allein reicht jedoch nicht. Genauso notwendig sind Transparenz und Kontrolle. Solange bei Eltern der Verdacht besteht, dass handfeste wirtschaftliche Interessen den Impfkalender der Babys bestimmen, wird Deutschland „Entwicklungsland“ bleiben. Nicht die betrieblichen Fehltage der Eltern, die ihre kranken Kita-Kinder zu Hause einhüten müssen, dürfen entscheidend sein und auch nicht der Einfluss der Impfstofflobby, sondern einzig und allein das Wohl der Bürger.

Empfehlungen der Ständigen Impfkommission

Nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) sollte die erste Masernimpfung, meist in Kombination mit dem Schutz vor Mumps und Röteln (MMR), vom 11. bis 14. Lebensmonat erfolgen. Eine zweite Impfung folgt  zwischen dem 15. und dem 23. Lebensmonat - um Kinder zu erreichen, deren Immunsystem nach der ersten Impfung keinen ausreichenden Schutz aufbaut. Die Folgen einer Maserninfektion  sind oft erheblich. Hirnhautentzündungen können bleibende Schäden verursachen. Tödlich endet die am meisten  gefürchtete  Masernkomplikation  SSPE, die erst vier bis acht Jahre nach der Maserninfektion einsetzt. Vorteil beim Impfen: Man schützt nicht nur sich selbst, sondern auch die,  die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können.

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