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Axel Schimpf im Interview : Marine-Inspekteur: "Rituale dulden wir nicht"

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Marine-Inspekteur Axel Schimpf spricht im Interview über das neue Image der "Gorch Fock" und die schwierige Nachwuchsgewinnung.

shz.de von
erstellt am 03.Aug.2013 | 06:51 Uhr

Herr Schimpf, die "Gorch Fock" ist nach turbulenten Zeiten wieder in ruhigerem Fahrwasser unterwegs. Derzeit ist sie in Flensburg zu bewundern. Ist das Schiff wieder der Stolz der Deutschen Marine?
Für mich sind in erster Linie die Soldaten der Stolz der Deutschen Marine. Die ihre Aufgaben hochprofessionell und engagiert erfüllen, und das unter teilweise schwierigen Bedingungen. Sie machen damit den guten Ruf unserer Marine aus. Und dazu zählen natürlich auch unsere Kameradinnen und Kameraden auf der "Gorch Fock". Sie haben Großartiges geleistet, um das Schiff aus unruhigem Fahrwasser in den vergangenen beiden Jahren wieder herauszubringen.
Es gab tragische Todesfälle, Berichte über Missstände an Bord und nicht zuletzt ausufernde Reparaturkosten. Wie groß waren ihre Sorgen, dass die "Gorch Fock" ausgemustert wird?
Da meine Grundeinstellung grundsätzlich positiv ist, war es für mich zwar ein Problem - aber eines, das durchaus bewältigt werden konnte.
Lässt sich das überarbeitete Ausbildungskonzept schon abschließend beurteilen?
Insgesamt ist das neue Ausbildungskonzept sehr positiv aufgenommen worden. Das ist durch den Erfahrungsbericht der letzten Ausbildungsreise bestätigt worden. Aber darauf ruhen wir uns natürlich nicht aus, sondern entwickeln es dort, wo es geboten und sinnvoll ist, immer weiter.
Wie ist die Stimmung an Bord, speziell bei der Stammbesatzung, die sich am Pranger fühlte?
Die Stimmung ist insgesamt gut und man schaut nach vorne. Einige persönliche Eindrücke habe ich bei der Kieler Woche gewinnen können. Was ich dort an Bord gesehen und gehört habe, hat mir gut gefallen.
Sind Rituale an Bord noch erlaubt?
Rituale waren noch nie erlaubt. Die dulden wir auch nicht in unserer Marine. Bestimmte Bräuche - so nenne ich sie mal - wie Äquatortaufen oder Polarkreistaufen sind seinerzeit mit der "Gorch Fock" in die Kritik geraten, obwohl sie sehr streng geregelt waren. Wir haben sie abgeschafft.
Das heißt, es hängen auch keine Wäscheleinen mehr mit Damenschlüpfern als Trophäen im Maschinenraum?
Nein.
Hat sich der Umgangston an Bord der "Gorch Fock" verändert?
Der Umgangston ist angenehm.
Kritiker bemängeln, dass der heutige Führungsnachwuchs zu weich sei. Den Übungsmast auf dem Gelände der Marineschule bezeichnen sie spöttisch als Klettergerüst. Wie stehen sie zu diesen Vorwürfen?
Wer sind denn diese Kritiker? Das sind Menschen, die unter anderen Bedingungen aufgewachsen sind und Verantwortung getragen haben. Die Entwicklung ist weiter gegangen. Wir sind in einer völlig anderen Zeit angekommen. Der Übungsmast wird allgemein sehr positiv bewertet und gut angenommen. Es geht darum, Bewegungsabläufe zu üben und erste Trittsicherheit zu gewinnen. Wir nehmen die Kritik zur Kenntnis, aber ich sage: Wir wissen es besser.
An diesem Freitag werden die neuen Kadetten vereidigt. Hat die Marine Probleme, genügend qualifizierte Offiziersanwärter zu finden?
Gerade im Bereich des Offiziersnachwuchses ist die Lage ausgesprochen positiv. Viele Abiturienten finden die Marine attraktiv. Wir haben eine gute Auswahl. Das ist in anderen Bereichen schwieriger.
Warum ist es bei den Unteroffizieren und Mannschaftsdienstgraden so ein großes Problem?
Bei den Unteroffizieren brauchen wir in erster Linie Fachunteroffiziere. Das sind junge Menschen, die bereits eine Ausbildung haben. Die sind auf dem Markt umworben, eben auch von der Industrie. Es geht darum: Wer bietet was? Da vergleichen die jungen Leute. Und dieser Vergleich geht nicht immer zugunsten der Marine aus.
Liegt es daran, dass bei der Marine die Tage auf See sehr stark zugenommen haben?
Negativ auf die Attraktivität wirkt sich natürlich aus, dass wir eine hohe Belastung durch Abwesenheit und in Teilen fehlende Planungssicherheit haben. Viele können sich unter dem Arbeitsplatz Bord auch nicht allzu viel vorstellen. Da arbeiten wir dran, auch wenn die Rekrutierungszahlen aus dem ersten Halbjahr ermutigend sind. Wir wollen mehr Transparenz schaffen und eine Imagekampagne anschieben.
Wie sieht die aus?
Wir werden noch diesen Monat eine Personaloffensive starten, von der wir uns sehr viel versprechen. Mit dieser Werbekampagne ist zwischen dem 12. August und 26. September das persönliche Erleben an Bord möglich - Marine zum Anfassen sozusagen. Die jungen Leute sind zwei bis drei Tage an Bord. Das Gespräch mit Besatzungsangehörigen soll ihnen ein ehrliches und realistisches Bild vom Marine-Alltag vermitteln. Die 800 Plätze für eine Mitfahrt sind bereits jetzt schon abgefragt und vergeben. Wir haben aber noch weitere attraktive Angebote, um die Marine kennen zu lernen. Es lohnt sich, sich zu bewerben.
Zum Alltag gehören die internationalen Missionen, und die werden nicht weniger. Wie wollen sie die Belastung reduzieren, wenn gleichzeitig die Marine verkleinert wird?
Was die Personalreduzierung angeht, sind wir im Vergleich zu den anderen Teilstreitkräften deutlich weniger stark betroffen. Unsere Zukunft liegt in sogenannten Mehrbesatzungskonzepten. Wir lassen die Einheiten vor Ort in den Operationsgebieten und lassen nur noch die Besatzungen rotieren, so wie wir das bei der Unifil-Mission schon machen. Wir verlieren dabei nicht mehr die vielen Tage für den Transit.
Können Sie den Personalmangel in genauen Zahlen ausdrücken?
Das tue ich insofern ungern, weil wir zwei unterschiedliche Blickwinkel haben. Wir haben noch alte Strukturen mit sehr mannschaftsintensiven Systemen. Wir entwickeln uns aber aus den alten Strukturen in neue Strukturen, die deutlich weniger mannschaftsintensiv sind. Damit schaffen wir ein völlig anderes Bild. Aber es stimmt, dass wir Sorgen haben. Wir haben jede Menge Vakanzen, die dazu führen, dass die Belastung für den Einzelnen an Bord höher ist.
Hat sich das Anforderungsprofil für Marine-Offiziere vor dem Hintergrund der Auslandsmissionen entscheidend verändert?
Das Anforderungsprofil verändert sich ständig, so wie auch die Herausforderungen, denen sich das Führungspersonal zu Hause und weltweit zu stellen hat. Interkulturelle Kompetenz ist zum Beispiel ein Bereich, der mehr und mehr an Bedeutung gewinnt und für den wir unseren Offizieren das entsprechende Rüstzeug vermitteln müssen. Auch die Menschenführung wird in unserer komplexen, hochtechnisierten Welt immer anspruchsvoller. Insofern schreiben wir unsere Ausbildung kontinuierlich fort.

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