Sicherheitseuro beim Fußball : "Man darf die Fans nicht verteufeln"

Fans von Holstein Kiel feiern ihren Verein. 'Wir haben jetzt keine Probleme mit den Fans', sagt Geschäftsführer Wolfgang Schwenke. Foto: Holstein Kiel
Fans von Holstein Kiel feiern ihren Verein. "Wir haben jetzt keine Probleme mit den Fans", sagt Geschäftsführer Wolfgang Schwenke. Foto: Holstein Kiel

Fans sollen künftig einen Euro für die Sicherheit im Fußballstadion zahlen - wenn es nach Hessens Ministerpräsident geht. Schleswig-Holsteins Fußballvereine sind nicht begeistert.

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06. Dezember 2012, 09:49 Uhr

Der Vorschlag des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, einen von den Fans freiwillig gezahlten Zuschlag in Höhe von einem Euro für die Finanzierung von Sicherheitsmaßnahmen im Fußballstadion einzusammeln, findet im Norden kaum Zustimmung. Die vier großen regionalen Fußballvereine sehen die Fans dadurch benachteiligt und sich selbst in der Verantwortung. Wolfgang Schwenke, Geschäftsführer von Holstein Kiel, sagte: "Dieser Lösungsvorschlag ist uns zu einfach, die Vereine müssen selbst aktiv werden. Es gibt ja schließlich auch andere Wege, für Sicherheit zu sorgen."
Aber den Zeitpunkt, um wirkungsvolle Richtlinien festzulegen, habe man leider verpasst, sagte Schwenke weiter. "Man darf jetzt aber nicht den Fehler machen, die Fans zu verteufeln." Schwenke weiß wovon er spricht. Im Juni 2010 waren Holstein-Fans in Krawalle nach dem Landespokalfinale gegen den VfB Lübeck verwickelt. Im Anschluss fuhr der Verein eine harte Linie gegen die eigenen Fans und sprach viele Stadionverbote aus. "Zu Beginn haben sich viele Fans mit den Ausgeschlossenen solidarisiert, aber einige Spiele später gingen sie auch wieder ins Stadion. Das war zwar ein wirtschaftlicher Verlust für uns, aber jetzt haben wir keine Probleme mit den Fans. Wir als Verein müssen dieses harte, aber richtige Verhalten vorleben, dann sorgen die Fans auch untereinander für Ordnung", meint Schwenke.

Der Fan trägt immer die Kosten

Holstein Kiels Pressesprecher Patrick Nawe ist auch nicht mit dem Vorschlag einverstanden. Die Fans würden sowieso schon eine Menge auf sich nehmen um ihr Team spielen zu sehen, sagt er. Fahrtkosten, Hotelübernachtungen und Ticketpreise seien eben auch in der Regionalliga nicht unbedingt billig. "Ein Euro ist vielleicht nicht viel, aber zusammen mit den anderen Kosten wird es bald schwer die Spiele zu besuchen", findet Nawe.
Auch in Flensburg und Neumünster erhält Bouffiers Vorschlag keine Rückendeckung. "Ich finde den Vorschlag nicht gut", sagt Karl Carstensen, Schatzmeister des ETSV Weiche-Flensburg und gleichzeitig Geschäftsführer der Liga GmbH Regionalliga Nord. "Die Kosten muss immer der kleine Fan tragen, das ist ungerecht. Auch bei uns haben sich schon die Fans in zwei Gruppen gespalten." Detlev Klusemann, erster Vorsitzender des VfR Neumünster, sieht das ähnlich. "Die Fans werden ganz sicher nichts freiwillig zahlen, vor allem wenn sie gar nicht wissen, wofür das Geld letztendlich eingesetzt werden soll. Da lohnt es sich doch eher woanders zu sparen, zum Beispiel bei den Polizeiaufgeboten."

"Worthülsen und typisches Politikergehabe"

Am Sonnabend waren in Flensburg weit über 200 Beamte der Landes- und Bundespolizei beim Spiel des ETSV Weiche-Flensburg gegen Holstein Kiel im Einsatz - einige Bundespolizisten sorgen laut Einsatzleitung jedes Wochenende bei Fußballspielen für Ordnung. Während des Spiels am Sonnabend gab es keine Ausschreitungen. Die Fans der beiden Vereine waren im Voraus nicht als "rivalisierende Fangruppierungen" bekannt. Insgesamt waren 500 Holstein-Fans aus Kiel angereist, das Stadion war ausverkauft. "Ein wenig Geld für die Förderung von Sicherheitsmaßnahmen ist ja vielleicht nicht schlecht", meint Klusemann, "aber entscheidend ist doch, dass man an die Menschen rankommt und sich austauscht."
Der VfR-Vorsitzende, der Sicherheit im Stadion zu seinem Lieblingsthema erklärt hat, hält Bouffiers Ideen für "Worthülsen" und "typisches Politikergehabe". Es sei eben nicht zu Ende gedacht worden und habe die Ungleichheiten innerhalb der unteren Ligen missachtet. Auch Wolfgang Schwenke stellt sich auf die Seite der Fans. "Die Fans investieren wirklich viel, um zu den Spielen zu kommen", sagt er. Außerdem seien ja nicht alle gewalttätig oder anderweitig gefährlich. "99 Prozent der Fans machen nichts falsch", bekräftigt Klusemann. Deshalb sei Bouffiers "Sicherheitseuro" auch nicht fair und führe längerfristig eher zu wirtschaftlichen Schäden für die Vereine - vor allem in den unteren Ligen.
In Kiel orientiert man sich wie im Fußball am System der gelben und roten Karten: "Jeder hat eine zweite Chance verdient", sagt Schwenke, "aber bei Wiederholungstätern habe ich auch kein Problem damit, lebenslange Stadionverbote auszusprechen." Manchmal müsse man eben mal hart durchgreifen, pflichtet ihm der Neumünsteraner Klusemann bei. Die Probleme der Menschen, die immer wieder für Gewalt beim Fußball sorgen, lägen meist sowieso nicht im Stadion. "Das sind eben hauptsächlich gesellschaftliche Probleme", sagt Klusemann. "Vielleicht sollte die Politik lieber mal da anpacken".

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