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Nord-Ostsee-Kanal : Lotse im NOK: "Der beste Job in der Seefahrt"

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Riesige Stahlkolosse manövriert Martin Finnberg durch den Nord-Ostsee-Kanal. Der Lotse steht jeden Tag auf einer anderen Brücke.

shz.de von
erstellt am 02.Aug.2013 | 01:20 Uhr

Kiel | Langsam schiebt sich der 168 Meter lange Stahlkoloss voran in den Nord-Ostsee-Kanal. Nur minimal justiert Martin Finnberg den Hebel für die Geschwindigkeit. Sanft gleitet das Containerschiff in geringem Abstand an den Schleusenwänden entlang. Die Fahrt mit dem mehr als 25 Meter breiten Containerschiff "Independent Concept" aus der Schleusenkammer in Kiel-Holtenau ist Maßarbeit - für den 45-Jährigen aber Routine. Finnberg ist Lotse auf der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraße der Welt.
Nach ein paar Minuten hat das unter der Flagge Liberias fahrende Schiff die noch aus Kaisers Zeiten stammende Schleusenanlage verlassen und seine Reisegeschwindigkeit erreicht. Mit 8,1 Knoten, das entspricht einem Tempo von 15 Kilometern pro Stunde, fährt das Schiff durch den Nord-Ostsee-Kanal (NOK). Mehr erlaubt die Schifffahrtsverwaltung aus Sicherheitsgründen nicht. Im schlimmsten Fall drohen ähnlich wie im Autoverkehr Tickets. "Ich selbst habe bisher nur einen Drohbrief erhalten", sagt Finnberg in Anspielung auf eine Mahnung, die er mal bekommen hat.

Finnberg liebt die Abwechslung

Seit elf Jahren lotst der dreifache Familienvater Schiffe durch den Kanal oder die Kieler Förde. Vorher befuhr er als Kapitän für die Reederei Hamburg-Süd die Weltmeere. In den alten Job zurück möchte er nicht: "Das ist für mich der beste Job in der Seefahrt, den man kriegen kann." Finnberg liebt die Abwechslung. Jeden Tag steht er auf einer anderen Brücke.
Finnberg ist stellvertretender Ältermann der Lotsenbrüderschaft NOK II, also Vizechef der Vereinigung der hiesigen Lotsen. Sein Zuständigkeitsbereich auf dem Kanal reicht von den Schleusen in Kiel-Holtenau bis zur Lotsenstation Rüsterbergen hinter Rendsburg bei Kanalkilometer 55. Dort ist für die Lotsen Schichtwechsel. Rund drei Stunden braucht die "Independent Concept" bis dorthin.

"Wenn wir Fehler machen, ist es meist schon zu spät"

Weil das Schiff zu den größeren Gefährten auf dem Kanal gehört, hat Finnberg zwei Kanalsteurer als Helfer. "Der Kanal ist eng. Wenn wir Fehler machen, ist es meist schon zu spät, denn dafür ist kein Platz", sagt Finnberg. Besondere Konzentration verlangten Fahrten bei Nebel, weil er sich dann einzig auf Radar und Funk verlassen müsse. Über den Funk erfährt er aber auch bei klarer Sicht wie an diesem Tag, wo sich welche Schiffe im Kanal treffen werden.
Während Kanalsteurer Michael Kerbs am Ruder steht, zieht das vorauslaufende Traditionsschiff "Franzius" kurz vor der Levensauer Hochbrücke die Aufmerksamkeit des Lotsen auf sich. Per Funk nimmt Finnberg Kontakt zu dem Segler auf, um einen "typischen Kanalunfall" auszuschließen, wie er sagt. Weil die Schifffahrtsstraße nur rund 100 Meter breit ist, entfaltet ein großes Schiff wie die "Independent Concept" große Sogwirkung. Durch den Sog können passierte kleinere Schiffe schnell in Gefahr geraten, am Achterschiff herangezogen zu werden. Folge wäre eine Havarie. Deshalb weist er die Besatzung der "Franzius" an, sich bereits vor der Engstelle des Kanals unter der mehr als 100 Jahre alten Eisenbahnbrücke von dem Containerschiff überholen zu lassen.

Schiffe werden immer größer

Doch die Kanalsteurer als Unterstützung entspannen die Situation nicht nur für Finnberg, sondern auch für die Brückenbesatzung des Containerschiffs. Der polnische Kapitän Roman Wesolowski nutzt die Kanalpassage, um sich an seinem Schreibtisch seinen Papieren zu widmen, andere Offiziere sind gleich ganz von der Brücke verschwunden. Einmal in der Woche passiert das Schiff den Kanal auf seiner regelmäßigen Route zwischen Dünkirchen an der französischen Atlantikküste und dem russischen St. Petersburg.
"Mit knapp 170 Metern Länge ist sie ein typisches Feederschiff", sagt Finnberg. Diese Schiffe transportieren die mit riesigen, weit über 300 Meter langen Schiffen aus Fernost nach Hamburg gebrachten Container weiter in den Ostseeraum. Knapp 16 000 Schiffe befuhren im ersten Halbjahr den Kanal. Das waren zwar weniger als im Vorjahreszeitraum. Doch die Schiffe, die durch diese Passage ihren Weg im Vergleich zur Route um Dänemark herum um gut 400 Kilometer verkürzen, werden immer größer und können immer mehr Ladung transportieren. "Vor fünf, sechs Jahren war das typische Feederschiff etwa 130 Meter lang, heute sind es knapp 170 Meter", sagt Finnberg.

Existenzängste bei jungen Lotsen

Finnberg und seine rund 150 selbstständigen Kollegen der Lotsenbrüderschaft werden pro Schiff bezahlt. Die einzelnen Passagen werden streng nach Reihenfolge verteilt, dem sogenannten Bört. Das erfordert Flexibilität, schließlich weiß Finnberg heute noch nicht genau, wann er morgen wieder arbeiten muss. Am Ende des Monats verdienen aber alle Lotsen das gleiche. Ist der Kanal wegen defekter Schleusen für dicke Pötte unpassierbar, wie zuletzt im März für acht Tage, spüren die Lotsen dies am eigenen Geldbeutel. Seit Jahrzehnten ist die Wasserstraße sanierungsbedürftig.
"Einige junge Lotsen haben deshalb Existenzängste", sagt Finnberg. Ein Kollege sei darum in diesem Jahr an die Weser gewechselt. "Die Politik ist vom seit Mitte der 1990er Jahre stark wachsenden Verkehrsaufkommen im Kanal überholt worden." Notwendige Sanierungen seien zu lange aufgeschoben worden. "Es lief ja immer irgendwie." Dem aktuellen Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) wolle er aber keinen Vorwurf machen. "Ich weiß nicht, wer schuld an der Entwicklung ist. Die Politik muss irgendwie die letzten 20 Jahre aufholen. Seit Anfang der 90er Jahre wurde der Kanal richtig auf Verschleiß gefahren."

In der Lotsenstation wartet ein warmes Essen

Das geschieht bereits. Aktuell werden die beiden großen Schleusenkammern in Brunsbüttel soweit fit gemacht, dass sie die Bauzeit der für 375 Millionen Euro geplanten fünften Schleusenkammer über durchhalten. Sie soll 2021 fertig sein und in Brunsbüttel für Entlastung sorgen. Doch soweit fährt Finnberg nicht. Nach drei Stunden ist für ihn am späten Nachmittag in Rüsterbergen Endstation.
Ein orangefarbenes Lotsenboot geht längsseits und bringt einen neuen Lotsen an Bord. Finnberg verlässt das Containerschiff auf selbem Wege. In der Lotsenstation wartet ein warmes Essen auf ihn. Wenig später biegt bereits die 88 Meter lange "Novatrans" um die Ecke, ein niederländisches Küsten-Motorschiff mit dem Ziel Fredericia in Dänemark. Das mit Holzpellets beladene Schiff ist für Finnberg der zweite Lotsenjob an diesem Tag und gleichzeitig sein Rückfahrticket nach Kiel.

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