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Gesundheitswesen Deutschland : Lieber jetzt anstrengen als später leiden

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Nicole David ist Krankengymnastin. Ihr Motto lautet: "Besser, das Kind weint jetzt, als die Eltern später".

shz.de von
erstellt am 14.Mär.2008 | 02:56 Uhr

"Ich kann nicht mehr." "Komm, noch fünf Mal und dann darfst du rückwärts durch den Tunnel." Wenn der siebenjährige Görkem Kurt und Nicole David miteinander turnen, dann geht es nicht um Medaillen, sondern um Gesundheit. Nicole David ist Krankengymnastin - oder Physiotherapeutin, wie die international gebräuchliche Bezeichnung heute lautet - und Görkem ihr kleiner Patient. Nach einem Armbruch, bei dem auch ein Nerv durchtrennt wurde, hing der rechte Arm des kleinen Jungen herunter und war nicht mehr zu gebrauchen. Heute schreibt er in schönster Schulanfängerschrift und gut lesbar seinen Namen auf den Notizblock. Die Arbeit in der Praxis Mehlert hat sich gelohnt.
Während Görkem in die große Plane springt, die in der einen Ecke des Therapiezimmers aufgehängt ist und dort seine wilden Purzelbäume - natürlich unter fachkundiger Anleitung - schlägt, streicht Inken-Susanne Goldau-Mehlert sanft über die Wirbelsäule der kleinen Lena Fischer. Das gut einjährige Mädchen ist eines von vielen Kindern in der Praxis der Krankengymnastin, das mit einem schwachen Muskeltonus zu kämpfen hat. "Die Kinder werden vom Kinderarzt zu uns überwiesen", berichtet Inken-Susanne Goldau-Mehlert. "Das ist auch ein vernünftiges Verfahren, weil die Kinderärzte viel Erfahrung darin haben zu erkennen, wo sich eine motorische Störung abzeichnet. Und dann ist es sinnvoll, so früh wie möglich zu reagieren."
Das Schild "Besser, das Kind weint jetzt, als die Eltern später", drückt die Grundlage der Arbeit im Kinderbereich der Praxis aus. "Denn je eher man einer Störung zu Leibe rückt, desto eher kann sie auch überwunden werden", weiß Inken-Susanne Goldau-Mehlert. Und ihre Erfahrung zeigt, dass so gut wie keiner die Praxis verlässt, ohne dass es ihm oder ihr besser geht. Durch die Budgetierung der Ärzte im deutschen System aber, d. h. es darf nur eine bestimmte Summe Geld ausgegeben werden und überschreitet der Arzt diese, zahlt er u. U. selbst dafür, können Ärzte nicht immer das verschreiben, was sinnvoll wäre. "Sie warten oft zu lange ab. Würde früher verschrieben, dann bräuchte man oft nur die Hälfte der Rezepte", so die Fachfrau.
Dazu gehören um die 50 Behandlungen bei Kindern, wenn die entsprechende Diagnose wie motorische Störung vorliegt, oder aber sechs bis zehn Behandlungen bei Erwachsenen. Wobei die Kinder zulassungsfrei sind. Die Erwachsenen müssen zehn Euro Rezeptgebühr bei der Krankengymnastik und einen Eigenanteil von zehn Prozent, so um die acht bis 15 Euro zahlen. Inken-Susanne Goldau-Mehlert hat sich besonders auf die Kleinen spezialisiert und bietet gegen private Bezahlung von 50 Euro für zehn Einheiten auch Babygymnastikkurse an. "Es ist erstaunlich, wie wenig Mütter heute wissen. Sie legen ihr Baby nicht auf den Bauch, wenn es das ablehnt. Sie stützen es beim Sitzen, ohne dass das Kind von selbst in diese Position kommt. Und wenn es dann ums Laufen geht, kommen die Kleinen nicht auf die Beine", so die Erfahrung der Krankengymastin.
In der Praxis wird dann mit Bällen, Reifen, Tauen, Sprungtüchern, Sprossenwand und Kreisel daran gearbeitet, die Kinder wieder ins körperliche Gleichgewicht zu bringen. "Sensomotorische Integration oder Psychomotorik" heißt dieses Angebot. Ein anderes weites Feld sind die Erwachsenen mit Rückenproblemen und die älteren Menschen, die zum Beispiel nach einem Schlaganfall wieder ins Leben zurückfinden sollen. Für diejeningen, die nicht in die Praxis kommen können, stehen Hausbesuche auf dem Plan. "Alle meine Mitarbeiter sind mindestens zweimal die Woche einen halben Tag unterwegs. Oft sind sie der einzige Kontakt der Patienten zur Außenwelt", so Inken-Susanne Goldau-Mehlert.
Aber nicht nur Ältere werden zu Hause besucht, auch in Kindergärten oder Schulen gehen die Physiotherapeuten. Neben ihrem fachlichen Können müssen die Krankengymnasten auch etwas beherrschen, was sie nicht in der Ausbildung lernen: "Gespräche zu führen, denn ganz oft liegen hinter den körperlichen Beschwerden psychische Ursachen. Da ist es ganz wichtig, mit den Menschen zu reden", unterstreicht Inken-Susanne Goldau-Mehlert.

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