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Gefährliche Entwicklung : Leistungsdruck macht Kinder psychisch krank

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Ärzte schlagen Alarm: Die Zahl der seelischen Erkrankungen unter Jugendlichen in Schleswig-Holstein nimmt stark zu.

Kiel | Psychische Erkrankungen beim Nachwuchs nehmen in Schleswig-Holstein spürbar zu. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich in therapeutischer Behandlung befinden, ist in den vergangenen sechs Jahren um 77 Prozent gestiegen. Suchten Ende 2010 noch 15.400 Personen einen Kinder- und Jugendpsychiater oder -psychotherapeuten auf, waren es Ende 2016 bereits 27.272. Das geht aus einer Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung hervor. Bei den auf Heranwachsende spezialisierten Therapeuten kletterte die Behandlungszahl von 12.125 auf 17.328, bei den Kinder- und Jugendpsychiatern von 3275 auf 9944.

„Dass die Behandlungsbedürftigkeit zunimmt, überrascht keinen Fachmann wirklich“, sagt Heiko Borchers, Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Er beklagt Änderungen im Schulsystem: Zum einen die verpflichtende Einschulung im Alter von sechs Jahren. Seit dem Jahr 2007 kann kein Kind mehr wegen Entwicklungsverzögerungen zurückgestellt werden. Bis dahin war das bei etwa fünf Prozent eines Jahrgangs der Fall. „Unhaltbar, weil viele Kinder damit nicht zurecht kommen und anschließend psychiatrische Diagnosen aufweisen“, findet Borchers. Ebenso kritisiert er das achtjährige Turbo-Abitur. „Pädagogisch angebracht war G8 nie“, meint der in Kiel-Gaarden niedergelassene Therapeut. „Es erzeugt Stress durch Leistungsdruck und -verengung.“ Zudem nennt Borchers auseinanderbrechende Familiensysteme und Kindesarmut als Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten und psychische Erkrankungen. 

Dr. Anja Walczak, Sprecherin des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, führt einen Teil des Behandlungsbooms  darauf zurück, dass bis zum Jahr 2014 mehr psychiatrische Praxen hinzugekommen sind. „Zuvor war der Bedarf nicht annähernd gedeckt.“ Zugleich seien Vorbehalte geschwunden, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Fragebögen, die Kinderärzte bei Regeluntersuchungen ausfüllen, seien stärker aufs seelische Befinden ausgerichtet als früher. Dennoch hat auch Walczak für einen Teil der Misere Umwälzungen in der Schullandschaft im Visier. „Die forcierte Inklusion ohne eine ausreichende Zahl von Lehrkräften“ trage zu vermehrter Behandlungsbedürftigkeit bei. Außerhalb des einstigen Schonraums Sonderschule „kommen viele Förderschüler unter Druck“, beobachtet die Medizinerin aus Preetz. „Punktuelle sonderpädagogische Betreuung in der Fläche“ werde nur „gießkannenmäßig  verteilt“. In den Klassen fehlten Lehrer für Binnen-Differenzierungen.

Bildungsministeriumssprecher Thomas Schunck hält dagegen: „Die Eltern wünschen sich eine inklusive Beschulung ihres Kindes an der Regelschule. Die Förderzentren unterstützen die Schüler dort.“ Zusätzlich habe das Land in den letzten Jahren Schulassistenten eingeführt und die Schulsozialarbeit mit mehr als 17 Millionen Euro jährlich ausgebaut. Ein vom Land in Auftrag gegebenes Gutachten empfehle, in den kommenden Jahren 493 Stellen mehr für die Inklusion zu schaffen. Dem wolle das Bildungsministerium folgen.

>>> Hier geht es zum Interview „Man sollte nicht alle Kinder psychiatrisieren“ mit der Itzehoer Kinder- und Jugendpsychiaterin Andrea Lau.

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erstellt am 20.Feb.2017 | 06:30 Uhr

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