Zehnjähriger rennt auf See : Leichtsinn auf zu dünnem Eis

Kim-Elias Vogt (vorne) mit seinen jugendlichen Rettern: Schwester Vanessa Vogt, Marvin Klaus sowie  Celine Plechinger. Foto: Bremer
Kim-Elias Vogt (vorne) mit seinen jugendlichen Rettern: Schwester Vanessa Vogt, Marvin Klaus sowie Celine Plechinger. Foto: Bremer

Mittlerweile kann Kim-Elias unbefangen vom Unglück erzählen. Doch vor einer Woche - als der Zehnjährige aus Nordfriesland ins Eis einbrach - fürchtete er, zu sterben.

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25. März 2013, 09:11 Uhr

Karlum | Hätten die Enten nicht für einen Moment mit ihrem Schnattern aufgehört, wären seine Hilferufe nicht gehört worden. Hätte Celine wie die anderen auch ihr Handy zu Hause gelassen, hätte nicht unverzüglich die Notrufzentrale informiert werden können. Und wäre die Karlumer Feuerwehr nur drei Minuten später eingetroffen, dann wäre Kim-Elias jetzt tot. Wie so oft im Leben lag es an einer Reihe von Zufällen, dass doch noch glücklich ausging, was am vergangenen Wochenende mit Leichtsinn begann.

Weil Familie Vogt aus Karlum demnächst umziehen will, stehen Aufräumarbeiten im Garten an. Während die Mutter nur kurz in den Nachbarort fährt, um Besorgungen zu machen, räumt Tochter Vanessa Vogt (15) mit ihrem Freund Marvin Klaus (17) und ihrer besten Freundin Celine Plechinger (14) die Fläche hinter dem Haus auf. Vanessas Bruder Kim-Elias, zehn Jahre alt, ist ebenfalls im Garten. Ihm ist nicht nach Aufräumen, er langweilt sich. Als die anderen gerade eine Pause machen und ein bisschen die Enten des Vermieters ärgern, läuft Kim-Elias die rund 350 Meter zum kleinen See auf dem Feld gegenüber, ohne den anderen Bescheid zu geben. Er kennt den See, spielt dort oft, denn sein Freund aus der Nachbarschaft, der Lothar, wohnt gleich gegenüber. Es hatte geschneit, der See war zugefroren. "Ich wollte nur ein bisschen schlittern." Auf einer Eisfläche, die nach ein paar Tagen Frost erst wenige Zentimeter dick ist.

Krampfhaft an Eisdecke festgehalten

Bis in die Mitte des Gewässers schafft er es. Dann aber, beim Rückweg, kracht Kim-Elias ein. Fast in der Mitte des Sees, wo er nicht mehr stehen kann. Erst versucht der Schüler aus eigener Kraft aus dem eisigen Wasser zu kommen. Aber das Eis bricht immer wieder. Die Lederjacke saugt sich voll, zieht ihn runter. Kim-Elias gerät in Panik, schreit, weint, hält sich an der Eiskante fest, um nicht unterzugehen. "Ich dachte, ich sterbe", erinnert er sich. Seine Schreie vermischen sich mit dem Schnattern der Enten 350 Meter weiter. Vanessa hört sie dennoch raus.

Sofort ist ihr klar, dass ihr Bruder in Not ist. Mit ihren Freunden rennt sie los. Als sie ihren Bruder im Wasser sieht, springt sie hinein, versucht zu ihm zu kommen, schafft es aber nur bis auf wenige Meter an ihn heran. Vanessa: "Das war für mich ganz furchtbar, Kim weinen zu sehen, aber nicht zu ihm kommen zu können. Ich dachte, ich versage. Ich dachte, er stirbt." Auch ihr Freund zieht sich aus, springt ins Wasser. Auch er erreicht Kim-Elias nicht. Beide schaffen es aber, den Zehnjährigen zu beruhigen. Während Vanessa aus dem Wasser steigt, bleibt Marvin länger bei dem Jungen. Schließlich wählen sie mit Celines Handy die 112. Bereits drei Minuten später trifft die Karlumer Feuerwehr beim Einsatzort ein. Zu der Zeit ist Kim-Elias Gesicht schon aschfahl, der Mund blau. Der Junge weint und schreit nicht mehr, nur sein Zähneklappern ist bis ans Ufer zu hören. Kim-Elias kann kaum noch klar denken. Für einen Moment sieht er seine Oma, vor zwei Jahren verstorben, neben sich auf der Eisschicht stehen.

"Ein Grad weniger, und der Junge wäre tot gewesen"

Celine weist die ankommenden Rettungskräfte ein. Ein Hubschrauber landet auf dem Nachbarfeld. Die Feuerwehrleute der Wehr schieben eine Leiter zum Eingebrochenen aufs Eis, daran soll sich der Zehnjährige hochziehen. Der Versuch scheitert, denn Kim-Elias kann seine Hände schon nicht mehr bewegen. So klettern die Feuerwehrleute selbst mit aufs Eis, holen den Jungen raus. Kim-Elias wird ausgezogen, hingelegt und mit den Jacken der Brandschützer sowie Decken gewärmt. Die Körpertemperatur des Karlumers beträgt nur noch 27 Grad. "Ein Grad weniger, und der Junge wäre tot gewesen", weiß Hermann Wannagat, Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Karlum.

Durch eine Fehlinformation wird anfangs noch davon ausgegangen, dass ein weiteres Kind, Lothar, unter dem Eis ist. Taucher werden angefordert. Dann aber kann Entwarnung gegeben werden. Kim-Elias war allein am See. Mit dem Hubschrauber wird der Karlumer in die Diako nach Flensburg gebracht. Der unterkühlte Marvin wiederum kommt mit dem Krankenwagen nach Niebüll. "Dass am Ende alles so gut glimpflich ausgegangen ist, ist den drei Jugendlichen zu verdanken", lobt Wehrführer Wannagat. "Sie haben sich vorbildlich verhalten, alles richtig gemacht."

Wenn Kim-Elias - inzwischen wieder aus dem Krankenhaus raus - von dem Unglück erzählt, dann mischt sich etwas Stolz in seine Berichterstattung. Lediglich ein blauer Fleck auf der Brust sei ihm von dem Einbruch geblieben. Sonst nichts, noch nicht einmal eine Erkältung. Es sei schade, dass er von dem Hubschrauberflug fast gar nichts mitbekommen habe, sagt er mit kindlichem Grinsen. "Aber ich werde so etwas nie wieder machen."

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