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Strukturwandel in SH : Leerstände in Schleswig-Holsteins Innenstädten

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Leerstehende Läden bieten landauf, landab in den Städten ein trauriges Bild. Einkaufszentren und Internet machen dem stationären Handel zu schaffen. Aber es gibt noch weitere Gründe für Leerstände.

shz.de von
erstellt am 17.Nov.2014 | 07:11 Uhr

Kiel | „Zu vermieten“ steht auf einem Schild, dazu eine Telefonnummer - leerstehende Geschäftsräume trüben landesweit in Schleswig-Holstein das Bild von Innenstädten. Kleine und mittelgroße Städte sind betroffen, aber auch Kiel und Lübeck. Die Hansestadt hat sogar eine Leerstandsquote von zehn Prozent, sagt der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes, Dierk Böckenholt. Erhebliche Probleme mit Quoten von mehr als zehn Prozent haben auch Städte wie Marne in Dithmarschen oder Bredstedt in Nordfriesland. „Wir erleben momentan einen enormen Strukturwandel“, sagt Böckenholt.

Einkaufsparks auf der „grünen Wiese“ machen dem Innenstadt-Handel das Leben schwer, natürlich das Internet, aber auch hohe Mietforderungen und ein Überangebot an Ladenflächen. „Wir haben im Land eine sehr hohe Verkaufsflächendichte von 1,8 Quadratmetern je Einwohner“, sagt Böckenholt. 1,5 Quadratmeter sind Bundesschnitt, rund ein Quadratmeter haben Frankreich und Italien. Fünf Prozent Leerstand sind normal, zehn eher bedenklich. Da verstärkt junge Leute vom Land wegziehen, sinkt dort die Kaufkraft. Die Attraktivität kleiner Städte leidet: Handel ist nicht nur Kaufen, sondern auch Kommunikation und Erlebnis. „Als Folge von demografischer Entwicklung, Strukturwandel im Handel und zunehmendem Standortwettbewerbs nehmen in vielen Ortskernen von Klein- und Mittelstädten Versorgungsfunktionen ab“, sagt der Hauptgeschäftsführer der IHK Kiel, Jörg Orlemann. „Insbesondere die Zunahme der Verkaufsflächen sowie der Trend zu großflächigen Verkaufseinrichtungen am Rande und im Umland von Städten hat zu einer Frequenz- und Umsatzverschiebung zulasten des innerstädtischen Handels geführt.“ Leerstände sind eine Folge.

Da die Umsätze im Einzelhandel mit seinen rund 115.000 Beschäftigten im Land stagnieren, fehlen vielen Inhabern auch Investitionsmittel. Erschwerend wirkt, dass der Anteil des Einzelhandels am privaten Konsum sinkt. Urlaub, Freizeit, Smartphone- und PC-Kosten schlagen stärker zu Buche. „Als Brandbeschleuniger wirkt der Online-Handel“, sagt Böckenholt. Dessen Anteil am Einzelhandelsumsatz werde voraussichtlich bis 2020 von 9 auf 20 Prozent steigen. Oft informieren sich Kunden beim Fachhändler und kaufen dann im Internet. Der umgekehrte Weg könnte dem stationären Handel enorm helfen. Mit unverwechselbaren Angeboten, dem Zusammenschluss zu kostensparenden Verbundgruppen oder eigenen Online-Shops können Händler dem Ausbluten von Innenstädten begegnen, sagen Experten.

Gute Erreichbarkeit der Läden samt günstigen Parkgelegenheiten für Autos sollten hinzukommen. „City-Maut oder Tourismusabgabe sind zusätzliche Belastungen, die für viele nicht verkraftbar sind“, sagt Böckenholt. Wichtig ist das Engagement der Kaufleute für ihre Einkaufsgegend. So hat ideenreicher Einsatz dazu geführt, dass die Holtenauer Straße in Kiel oder die Hüxstraße in Lübeck attraktive Ziele für Kauflustige wurden. „Die Innenstadt als ein Shopping Center - das kann ein erfolgversprechender Ansatz sein“, sagt IHK-Mann Orlemann. Er lobt zum Beispiel das Flächenmanagement, das in Itzehoe Verwaltung, Handel und Immobilieneigentümer gemeinsam betreiben. „Wir fordern auch die Landesplanung auf, die Innenstädte stärker in den Blick zu nehmen und ihnen nicht durch immer wieder neue Ausnahmegenehmigungen für die 'grüne Wiese' das Leben noch schwerer zu machen“, sagt Orlemann.

Eine lange gehegte Befürchtung bestätigt sich offenkundig nicht: Dass unter dem Designer Outlet Center Neumünster die Innenstädte des ganzen Großraums leiden werden. „Das DOC stellt für uns keine wesentliche Beeinträchtigung dar“, sagt Rendsburgs Bürgermeister Pierre Gilgenast. Vorgänger Andreas Breitner (beide SPD) kämpfte vor Jahren vehement gegen das Center für preisgesenkte Markenkleidung.

Flensburgs Innenstadt ist zum Einkaufen attraktiv, aber Leerstände gibt es auch. „Das hängt von der Lage ab, in 1B-Lagen wird es schon schwieriger“, sagt Wirtschaftskoordinatorin Sigrid Giemsa. Hauseigentümer und Gewerbetreibende fördern die Vermarktung gemeinsam - auch in Richtung Dänemark. Dafür zahlen im engeren City-Bereich die Eigentümer 15 Euro monatlich je laufendem Meter Ladenfront.

Unübersehbar sind zum Teil noch Folgen aus dem Hertie-Aus im Jahr 2009. In Itzehoe, Husum und Elmshorn sorgten ortsansässige Kaufleute für neue Nutzungen der Häuser, in Rendsburg etwa steht das Gebäude noch trostlos leer in der Einkaufszone. Aber es gibt Hoffnung. „Ich bin da sehr zuversichtlich“, sagt Bürgermeister Gilgenast unter Hinweis auf zwei am Grundstück interessierte Investoren. „Ich glaube, dass eine Vorentscheidung noch in diesem Jahr fällt.“ Wird am Hertie-Standort neu gebaut, kann das die ganze Umgebung beleben. Wer derzeit vom Theater kommend in die Einkaufszone geht, passiert gleich mehrere leerstehende Läden. „Aber Rendsburg hat keine Kaufkraft verloren“, sagt der Bürgermeister. In der Stadt habe sich viel zum Schiffbrückenplatz am anderen Ende der Einkaufszone verlagert. Mit fünf Prozent Leerstand ist Rendsburg noch im Soll. „Aber die Leerstände lasten auf dem Gesamtbild“, sagt Gilgenast.

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