Ferdinand-Tönnies-Symposium : Leben oder Tod - wer darf entscheiden?

Am 7. und 8. Mai findet das siebte Ferdinand-Tönnies-Symposium in Husum statt. Foto: sh:z
Am 7. und 8. Mai findet das siebte Ferdinand-Tönnies-Symposium in Husum statt. Foto: sh:z

Was bedeuten die Möglichkeiten der Gentechnik konkret für unser Leben? Eine Frage, mit der sich Experten Anfang Mai in Husum beschäftigen wollen.

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17. April 2011, 02:27 Uhr

Husum / Berlin | Leben oder Tod - wer darf entscheiden, wenn es um die Entstehung neuen Lebens geht? Selten wurde in Deutschland erbitterter über diese Frage gestritten, als nach dem PID-Urteil des Bundesgerichtshofes vom Juli 2010. Am 7. und 8. Mai wird sich auch das siebte Ferdinand-Tönnies-Symposium in Husum mit dieser Frage beschäftigen und die gesellschaftlichen Folgen von Gen-, Nano- und Computertechnologie ins Blickfeld rücken.
Dürfen Eltern ihren erst mehrere Tage alten Nachwuchs genetisch untersuchen lassen und sich gegen seine Einpflanzung in den Mutterleib entscheiden, wenn sie mit der Qualität der Zeugung nicht zufrieden sind? "Ja", sagten die Karlsruher Richter vor einem knappen Jahr und traten damit einen Welle der Entrüstung los. Doch die Juristen argumentierten unangreifbar: Das deutsche Recht verbiete die Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht, das Embryonenschutzgesetz kenne die genetische Untersuchung von Eizellen außerhalb des Mutterleibes nicht einmal. Mithin verbiete es die Technik auch nicht.
Nun muss ein neues Gesetz her
Eine Feststellung, die viele Politiker überraschte, wähnten sie doch ein Verbot der PID seit Jahren sicher im Embryonenschutzgesetz verankert. Zu selbstverständlich schien der Verstoß der Technologie gegen deutschlandweit gültige ethische Werte. Nun muss ein neues Gesetz her. Vergangenen Donnerstag haben Gegner und Befürworter der PID im Bundestag eindringlich für ihre gegensätzlichen Positionen geworben. Drei Gesetzesentwürfe liegen auf dem Tisch. Debattiert wird ohne Fraktionszwang, die Abgeordneten sind keiner Parteilinie, sondern einzig ihrem Gewissen verpflichtet.
Um Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versammeln sich bisher 192 PID-Gegner. Sie warnen vor einem Dammbruch, den die neue Technologie bringen könnte, und beschwören das Horrorszenario "Designer-Baby auf Bestellung". Die PID diskriminiere Menschen mit Behinderungen, kritisieren sie darüber hinaus. Sei denn ein Leben mit Einschränkungen nicht wert, gelebt zu werden?
Beide Argumentationslinien sind für 36 Parlamentarier nicht akzeptabel
Das, sagt dagegen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), sei doch gar nicht die Frage. Es gehe vielmehr darum, was die Eltern wollen. "Warum sollten wir nicht respektieren, wenn sie ihren Kindern ein Leben ohne Leid ermöglichen möchten?", fragt die Bundesjustizministerin und spricht sich für eine - begrenzte - Zulassung der Präimplantations-Technologie aus. Dieser Entwurf wird von 215 Parlamentariern unterstützt. Danach sollen Untersuchung und Auswahl von Embryonen erlaubt werden, wenn Eltern wegen einer eigenen schweren Erbkrankheit mit einer Tot- oder Fehlgeburt rechnen müssen oder wenn das Kind später selbst unter einer schweren Erbkrankheit leiden müsste. Im Übrigen, warnt Leutheusser-Schnarrenberger, stehe ein PID-Verbot ohne Ausnahme im Widerspruch zur bestehenden Rechtslage und sei allein deshalb bedenklich. Der Gesetzgeber dürfe "nicht das Drama eines Schwangerschaftsabbruchs abwarten", bestätigt auch Wirtschaftsstaatssekretär Peter Hintze (CDU). Er nennt die PID unter strengen Auflagen "eine Entscheidung pro Kind genetisch belasteter Eltern".
Beide Argumentationslinien sind für 36 Parlamentarier nicht akzeptabel. Eine Zulassung der PID unter Auflagen bringe letztlich eine Ausweitung der zugelassenen Fälle, befürchtet etwa der SPD-Abgeordnete René Röspel. "Ein komplettes Verbot würde dagegen heißen, dass Frauen Fehl- oder Totgeburten erleiden müssten." Auch das gehe nicht an. Ihm komme es deshalb allein darauf an, "ob ein Leben gelebt werden kann". Fehl- und Totgeburten oder den sehr frühen Tod des Kindes innerhalb des ersten Lebensjahres sollten Eltern danach jedenfalls per PID ausschließen können.
Der Streit um die Präimplantationsdiagnostik - er spaltet Politik und Gesellschaft. So kam nicht einmal der Deutsche Ethikrat im Vorfeld der parlamentarischen Diskussion zu einer einheitlichen Position. Und im Parlament haben 178 Abgeordnete die eigene Linie bisher noch nicht gefunden. Damit ist die Entscheidung über den Umgang mit der PID-Technologie in Deutschland völlig offen. Doch der ehrgeizige Zeitplan bleibt: Vor der Sommerpause im Juli will der Bundestag das neue Gesetz in zweiter und dritter Lesung beschließen.
(net, shz)

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