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Zu wenig Therapeuten : Lange Wartezeiten für psychisch Kranke

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Zahl der stationären Klinikaufenthalte steigt immer weiter an. Vor allem auf dem Land wächst der Bedarf an psychologischer Unterstützung.

shz.de von
erstellt am 27.Jan.2014 | 12:04 Uhr

Der Weg führt in die Klinik. Immer mehr Menschen werden in Schleswig-Holstein wegen psychischer Leiden und Verhaltensstörungen vollstationär behandelt. Laut neuen Zahlen des Statistikamtes Nord ist 2012 im Vergleich zu 2011 die Zahl der Fälle um zwei Prozent, im Vergleich zu 2007 sogar um neun Prozent angestiegen. In Hamburg gab es im Vergleich zu 2007 sogar ein Plus von 19 Prozent.

„Es ist ganz gruselig, dass es immer mehr stationäre Aufenthalte gibt, anstatt eine vernünftige ambulante Versorgung zu schaffen“, sagt Wolfgang Faulbaum-Decke, Geschäftsführer der gemeinnützigen Brücke Schleswig-Holstein, die psychisch Kranken und deren Angehörigen Hilfen anbietet. Es sei leider leichter, sich in Deutschland in ein Krankenhaus einweisen zu lassen, als eine psychotherapeutische Versorgung zu Hause zu bekommen. Dabei sei nachgewiesen, dass gerade dies die beste therapeutische Intervention gewährleiste.

In anderen EU-Ländern setze man seit langem mehr auf ambulante Angebote, weil man dort erkannt habe, dass der Mensch in seinem Lebensumfeld Hilfe brauche, statt in der „Laborsituation“ einer Klinik. „Allerdings“, so Faulbaum-Decke: „Es gibt bei uns zu wenig Therapeuten.“

Und die, die es gibt, haben lange Wartezeiten. „Im Schnitt sind es zwölf Wochen bis zu einem Erstgespräch, 20 Wochen bis zum Beginn der Behandlung“, sagt der Geschäftsführer der Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein, Michael Wohlfarth. In manchen Regionen warten Patienten auch ein Jahr oder länger. „Manche Menschen lassen sich deswegen irgendwann stationär einweisen“, so Wohlfarth. Laut Krankenhausplan hat Schleswig-Holstein an 13 Standorten 427 Planbetten für 3635 psychosomatische Patienten. Die mittlere Verweildauer beträgt 38,6 Tage.

Der Bedarf an Hilfsleistungen wird weiter steigen – da sind sich die Fachleute einig. Denn durch verdichtete Arbeit, schnellere Lebensabläufe und weniger Ruhephasen würden Menschen anfälliger. Dazu habe das Problembewusstsein zugenommen. „Was früher ein undefinierter Rückenschmerz war, wird jetzt als psychosomatische Erkrankung diagnostiziert“, sagt Jessica ten Have von der DAK. Im Vergleich zu 2012 sei 2013 die Zahl der Tage, die Versicherte wegen psychischer Erkrankungen nicht zur Arbeit gingen, bundesweit um fünf Prozent gestiegen.

Gerade auf dem Land steige die Nachfrage nach Hilfen – und gerade dort fehlten sie oft. In der Vergangenheit sei angenommen worden, dass es auf dem Land um Faktor neun geringere Krankheitshäufungen gebe, sagt Michael Wohlfarth. Er gehe aber höchstens von Faktor drei aus.

Das Land hat 5,5 Millionen Euro aus Zensusmitteln zur Verfügung gestellt, um fünf neue psychosomatische Tageskliniken einzurichten. „Unser Ziel ist die Stärkung einer wohnortnahen Versorgung“, sagt Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD). Wie wichtig eine bessere Versorgung ist, sagt Wolfgang Faulbaum-Decke: „Wenn jemand mit schweren Depressionen erstmal 60 Minuten fahren muss, um eine Therapie zu bekommen, dann hat er den Großteil der Krankheit schon überwunden. Denn viele schaffen es ja nicht mal mehr, das Haus zu verlassen.“

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