Landesbauerntag : Landwirte leiden unter Datenflut

Auf dem Landesbauerntag in Rendsburg ging es am Freitag um die Zukunft der Landwirtschaft. Foto: dpa
Auf dem Landesbauerntag in Rendsburg ging es am Freitag um die Zukunft der Landwirtschaft. Foto: dpa

Papierkrieg statt Trecker fahren: Immer mehr Zeit müssen Landwirte am Schreibtisch verbringen. Ministerpräsident Torsten Albig kritisiert in Rendsburg auf dem Landesbauerntag die ausufernde Bürokratie.

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02. September 2012, 02:59 Uhr

Rendsburg | Sichtlich um gemeinsames Vorgehen bemüht, bescheinigte Ministerpräsident Torsten Albig bei seiner ersten Rede als Regierungschef beim Landesbauerntag den 1200 anwesenden Landwirten: "Ohne starke Bäuerinnen und Bauern gibt es kein starkes Schleswig-Holstein. Wir setzen auf Dialog und Teilhabe." Applaus erntete er für die Aussage: "Die ideologischen Keulen der Vergangenheit gehören auf den Sperrmüll."
Bauernpräsident Werner Schwarz, der den Bauerntag in der Deula-Halle am Norla-Gelände eröffnete, kritisierte die "immer höheren rechtlichen Anforderungen der Politik an die Landwirtschaft, verbunden mit Investitionen, die betrieblich nicht zu rechtfertigen sind". Schwarz, der seit kurzem auch Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes ist, gab für seinen Berufsstand ein Bekenntnis zu den Herausforderungen des Marktes ab: "Der Markt soll das Angebot bestimmen. Das tut er. Die Landwirtschaft nimmt die Herausforderungen des Marktes an."
Bekenntnis zur Produktion gesunder Lebensmittel
Mahnend sagte Werner Schwarz, die sichere Versorgung mit Lebensmitteln sei zu selbstverständlich geworden. Mit Blick auf die extrem schlechte Ernte in den USA sollten alle in Demut dankbar für Lebensmittel und nachwachsende Rohstoffe sein. Die Menschen wollten nicht nur satt werden, sondern auch gesund bleiben. Dies sei den Bauern täglich vor Augen. Den überaus zahlreich vertretenen Politikern aus Kiel, Berlin und Brüssel versicherte er das Bekenntnis der Landwirtschaft zur Produktion gesunder Lebensmittel.
Mit Blick auf die vielen Themen aus der Landwirtschaft, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden und vom Verbraucher häufig sehr sensibel aufgenommen werden, forderte Schwarz mehr Aufklärung der Bevölkerung. Von den Politikern forderte er, Lösungen gemeinsam mit den Bauern zu finden. "Es ist eine Grundsatzfrage, wie man in der Gesellschaft miteinander umgeht." Die Datenflut, die der Landwirtschaft abverlangt werde und von den Behörden erfasst, bearbeitet und kontrolliert werde, sei nicht nachvollziehbar.
"Eine Branche mit Zukunft"
Die gewollte Energiewende bringe dem Netzbetreiber eine Rendite von über neun Prozent. Für die vom Trassenausbau betroffenen Grundeigentümern verlange man Verständnis, dass sie mit einem einmaligen Betrag entschädigt würden. "Das passt nicht zusammen", erklärte Werner Schwarz.



Landfrauen-Präsidentin Marga Trede nannte die Landwirtschaft "eine Branche mit Zukunft". Die Strukturen in den Dörfern sollten geachtet werden. Auch Ministerpräsident Albig hob die Bedeutung des ländlichen Raumes hervor. Er sagte, das Land hätte nur Erfolg, wenn der ländliche Raum an der Seite der Städte steht und die Städte den ländlichen Raum achteten. Gern hörten die Bauern seine Ausführungen zum Verständnis von Bürokratie: "Mit zu viel Bürokratie kann man einen ehrlichen Beruf fast ersticken. Wir wollen Bauern und keine Bürokraten auf unseren Feldern." Den immer stärker werdenden Trend zur Regionalität nannte Albig "einen guten Weg". Er wolle mit den Bauern gemeinsam qualitativ gute Erzeugnisse. Dazu bräuchten man Bio- und konventionelle Produkte gleichzeitig.
Mehr Gerechtigkeit im EU-System
Der Bauerntag erlebte eine Premiere: Erstmals wurde mit der Familie Klaus-Otto Kung aus Luhnstedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) der Ausbildungsbetrieb des Jahres ausgezeichnet. Bauernverband, Kammer, Gewerkschaft und Landjugend entschieden sich für den Beitrieb, der demnächst in der vierten Generation ausbildet und auf dessen Hof schon etwa 60 junge Menschen ausgebildet wurden. Begeistert erklärte Klaus-Otto Kung: "Es bringt immer wieder Spaß, junge Menschen auf die richtige Bahn zu bringen. Wer eine gute Ausbildung in der Landwirtschaft hat, ist auf dem Arbeitsmarkt heiß gefragt", warb Kung für eine Ausbildung in seinem Berufszweig.

Georg Häusler, Kabinettchef des EU-Agrarkommissars Dacian Ciolos, war aus Brüssel angereist und erklärte den Anwesenden, dass die gemeinsame Agrarpolitik die Ungleichgewichtung bei 27 Mitgliedstaaten beseitigen solle. Es müsse mehr Gerechtigkeit ins System gebracht werden. Besonders bei den neuen Bundesländern sei es ein sensibles Thema, dass Obergrenzen für die finanziellen Beihilfen eingeführt würden. Von der Landwirtschaft forderte er künftig stärkere Flexibilität. Mittel bis langfristig werde der Grenzschutz in Europa verloren gehen.

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