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Schleswig-Holstein zu Fuss : Landschaft voller Gegensätze

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Auf einer Wanderung im Himmelmoor bei Quickborn kann man erkennen, wie der Mensch die Natur zerstört hat und versucht, sie wieder aufzubauen.

Quickborn | Das Himmelmoor: Eine Landschaft in dunklen Brauntönen. Zumindest im Zentrum, dort, wo der Abbau des Torfs noch immer seine Spuren hinterlässt. Auf unserer Wanderung erleben wir, wie der Mensch die Moore zerstört – und wie er versucht, sie wiederherzustellen. Vor allem aber entdecken wir die wilde Seite dieser sagenumwobenen Kulisse: Verwunschene Birkenwälder und glitzernde Teiche, Wollgras und grundlose Sümpfe. Und eine spannende Tierwelt, die das einst verlorene Paradies langsam wieder entdeckt.

Im Torfwerk bei Quickborn beginnen wir unsere Wanderung. Voll beladen stehen die Loren der Feldbahn vor den Förderbändern. Aufgeschüttet zu großen Hügeln wartet der Torf auf den Abtransport. Zum Moor ist es von hier aus nicht weit. Ein paar hundert Meter durch ein lauschiges Birkenwäldchen, und schon sind wir mitten drin. Von einem Aussichtshügel bestaunen wir das fast unwirkliche Panorama: Vor uns liegt ein großer, verzweigter Moorsee. Aus dem spiegelblanken Wasser ragen die Stümpfe abgestorbener Bäume, dazwischen grüne Inselchen aus Binsen und Gräsern. Durch den Anstau von Wasser soll hier das abgetorfte Moor renaturiert werden. Schon jetzt ist eine faszinierende Landschaft entstanden. Eine Krickente zieht ihre V-förmige Kiellinie ins schwarzblaue Wasser. Am Ufer patrouillieren mit knatternden Flügeln zwei Mosaikjungfern. Bis zu elf Zentimeter misst die Spannweite dieser hübschen Libellen. Ein Neuntöter schaut aus einer Birke dem Treiben interessiert zu. Als fetter Happen kämen die Insekten ihm gerade recht.

Zwischen feuchten Wiesen geht’s weiter. Wir sind jetzt auf dem „Inneren Moorweg“, der den Kern des Moores umrundet. Die wunderschöne Wanderstrecke führt uns zum Waldrand. Dort biegen wir ab in Richtung Hochmoor. Der Weg wird schmaler und feuchter und wandelt sich schließlich zu einem abenteuerlichen Pfad. Bei jedem Schritt federt das Moor unter den Stiefeln. Wir laufen an einer Abbruchkante entlang, zwischen festem Torf und grundlosem Sumpf. Spätestens jetzt zahlt das feste Schuhwerk sich aus, sonst bekämen wir nasse Füße. Vorbei an gespenstischen Wurzeltellern und überhängenden Bäumen windet sich der wilde Trampelpfad durch das Moor. Eine Sumpfmeise turnt zwitschernd durchs Geäst und sammelt Insekten von den toten Zweigen. Dicht am Boden huscht ein Zaunkönig vorbei und versteckt sich hinter dem nächsten Baumstumpf. Dann öffnet sich der Wald, und die braune Einöde liegt vor uns.

Wie ein frisch gepflügter Acker wirkt die riesige Abbaufläche. Schwarz-brauner Torf, so weit das Auge reicht. Irrwitzig verbogene Schienen verlaufen auf Dämmen hinaus ins Moor. Wie soll da noch ein Zug fahren? Doch, es geht! Mit quietschenden Rädern, schwankend und rüttelnd, knattert über die alten Gleise eine Torfbahn heran, im Schlepp eine Reihe hölzerner Loren. Der Zugführer lehnt entspannt auf der kleinen Lok. Bei einem einsamen Bagger, weit draußen im Moor, wird das urige Gespann beladen. Seit fast hundert Jahren wird im Himmelmoor industriell Torf abgebaut. Sieben Mitarbeiter sind im Torfwerk heute beschäftigt, aber im Jahr 2020 ist Schluss mit dem Abbau. Dann erhält die Natur das gesamte Moor zurück.

Wir setzen unsere Wanderung fort, zwischen dem Abbaugebiet und alten, vernässten Handtorfstichen. Rechts von uns nichts als der blanke, trockene Torf. Links dagegen fällt der Blick auf einen üppigen Lebensraum: In kleinen Moorteichen wächst die Sumpfcalla, und an den toten Birken wuchern prächtige Baumpilze. Dicht am Ufer raschelt etwas durchs Gras. Eine Kreuzotter mit ihrem dunklen Zickzack auf dem Rücken fühlt sich gestört. In den naturnahen Ecken des Himmelmoors sind die scheuen Giftschlangen noch heimisch. Trillernd balzt am Himmel ein Brachvogel. Der Abend naht, und die letzte Etappe liegt vor uns. Auf dem „Äußeren Moorweg“, entlang des Flüsschens Bilsbek, erreichen wir durch Wald und vernässte Torfstiche das Ende unserer Tour – nach einer Wanderung durch eine Landschaft voller Gegensätze.

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erstellt am 30.Mai.2014 | 18:31 Uhr

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