"Kellerkind" in Bad Segeberg : Landrätin räumt Fehler ein

Im Keller dieses Haus in Bad Segeberg  wurde im Juni 2012 das verwahrloste Kind entdeckt.
Im Keller dieses Haus in Bad Segeberg wurde im Juni 2012 das verwahrloste Kind entdeckt.

War alles nur Pech oder haben die Behörden versagt? Im Fall des Segeberger "Kellerkindes" lässt das Innenministerium jetzt prüfen, ob es Rechtsverstöße gab.

Avatar_shz von
11. November 2012, 03:15 Uhr

Bad Segeberg | In der Affäre um das Segeberger Kellerkind wird das Kieler Innenministerium jetzt mögliche Rechtsverstöße des Segeberger Jugendamtes prüfen lassen. Das Ministerium habe das Gutachten, das bisher nur mit geschwärzten Passagen vorlag, vollständig angefordert und werde es vom Sozialministerium auswerten lassen, sagte ein Sprecher. "Sollten gravierende Rechtsverstöße begangen worden sein, wird man schauen, wie damit umzugehen ist."
Nachdem vor wenigen Tagen das ungeschwärzte Gutachten des Soziologen Reinhart Wolff in der Presse öffentlich geworden war, zeigte sich, dass auch Passagen unleserlich gemacht worden waren, in denen es um Fehler des Jugendamtes ging und nicht um sensible Sozialdaten der betroffenen Familie. Damit besteht der Verdacht der Vertuschung.
"Das Schwärzen musste schnell gehen"
Landrätin Jutta Hartwieg (SPD) hat unterdessen erklärt, dass möglicherweise zu viel unkenntlich gemacht worden sei. "Das Schwärzen musste schnell gehen. Vielleicht hat die Präzision gelitten. Aber für unser Haus kann ich wirklich sagen, speziell das Team, dass das vorgenommen hat, da gab es wirklich kein einziges Motiv, um etwas zu verbergen."
Zuvor hatte der Hauptausschuss des Segeberger Kreistages als Auftraggeber des Gutachtens gegen die Schwärzungen protestiert. Er soll die Arbeit der Landrätin politisch kontrollieren. Doch erst nach Intervention von Innenminister Andreas Breitner (SPD) und Datenschützer Thilo Weichert beugte sich die Landrätin dem Druck, händigte dem Hauptausschuss die komplette Version aus.
Halbherziges Handeln
Im Juni 2012 hatten Polizisten einen dreijährigen Jungen nackt und eingesperrt in einer verdreckten Kellerwohnung in Bad Segeberg entdeckt. Ein Handwerker hatte sein Wimmern gehört und die Beamten gerufen. Die Familie des Jungen ist den Sozialbehörden seit vielen Jahren bekannt. Sie wurde seit 2005 betreut und regelmäßig besucht. Dennoch fiel nicht auf, dass es den Keller gab. Ob das Kind regelmäßig in dem Kellerraum eingesperrt wurde und wie lange es dort sein musste, ist bis heute unklar.
Das Gutachten zeigt, dass die Mitarbeiter des Jugendamtes oft nur halbherzig gehandelt haben: Sie "zögern, den kinder- und jugendhilferechtlich verankerten Schutzauftrag entschlossen umzusetzen", heißt es. Bei der Segeberger Familie sollen sich Jugendamt, Familienhilfe und Familiengericht jeweils auf den anderen verlassen haben. Ständig sei die Strategie gewechselt worden. Mal habe man mehr durchgegriffen, mal auf die Mitarbeit der Familie gesetzt, die dem Jugendamt bereits 2008 nicht mehr die Tür öffnete. Schläge, sogar mit einem Knüppel, waren aktenkundig und obwohl die Fürsorge für alle Kinder dem Jugendamt schon 2010 gerichtlich übertragen worden war, blieben drei der fünf Kinder weiter in der Familie.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen