Segeberger Kellerkind : Landrätin kam ohne Gutachten nach Kiel

Die Segeberger Landrätin Jutta Hartwieg (SPD) wehrt sich gegen Zensurvorwürfe im Fall des sogenannten 'Kellerkindes'. Foto: dpa
Die Segeberger Landrätin Jutta Hartwieg (SPD) wehrt sich gegen Zensurvorwürfe im Fall des sogenannten "Kellerkindes". Foto: dpa

Anhörung zum Segeberger Kellerkind: Die FDP kritisiert Verzögerungen bei der Aufklärung des Falles. Das fragliche geschwärzte Gutachten wird derzeit erneut gekürzt.

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17. November 2012, 12:38 Uhr

Kiel | Die Segeberger Landrätin Jutta Hartwieg (SPD) hat in der Affäre um das Kellerkind die Schwärzung von Passagen im Gutachten erneut verteidigt. Vor einer Woche hatte sie in einem Interview noch erklärt, durch die Eile habe die "Präzision vielleicht gelitten". Davon wollte sie am Donnerstag bei ihrer Anhörung vor dem Sozialausschuss des Landtags nichts mehr wissen: "Ich habe nie zugegeben, es sei in dem Gutachten zu viel geschwärzt worden", erklärte sie. Im Gegenteil: "Wir stehen zu der Kurzfassung."
Das ungeschwärzte Gutachten war an die Presse gelangt - und hatte belegt, dass auch Passagen unleserlich gemacht worden waren, in denen es um Fehler des Jugendamtes ging und nicht um die sensiblen Sozialdaten der betroffenen Familie. Seitdem steht die Landrätin unter Verdacht, sie habe Versäumnisse vertuschen wollen. Katja Rathje-Hoffmann, CDU-Kreistagsabgeordnete in Segeberg und sozialpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, erneuerte im Ausschuss ihren Zensurvorwurf. Die Landrätin habe noch immer nicht dargelegt, warum auch Passagen zur fachlichen Arbeit gestrichen worden seien.

Schwärzungen zum Personaldatenschutz

Jutta Hartwieg rechtfertigte auch diese Schwärzungen. Neben der Familie hätten die Mitarbeiter des Jugendamts geschützt werden müssen, das nenne sich Personaldatenschutz. Aus der Affäre zieht sie zunächst diese Konsequenz: "Wir überlegen, Gutachten künftig mit einem Wasserzeichen und dem Namen des Empfängers zu versehen, damit sie nicht an die Öffentlichkeit gelangen." Die Bürger müssten sich darauf verlassen können, geschützt zu werden. "Eine Gesellschaft ohne Vertrauensschutz wäre eine totalitäre."
Der Sozialausschuss konnte noch nicht über mögliche Fehler des Segeberger Jugendamts sprechen, da ihm das Gutachten noch nicht vorlag. Zunächst solle es noch durch einen neutralen Experten gekürzt werden, um die Sozialdaten zu schützen", erklärte Hartwieg.

Noch keine inhaltliche Diskussion möglich

"Eine inhaltliche Diskussion ist somit noch nicht möglich", merkte der Ausschuss-Vorsitzende Peter Eichstädt (SPD) an. Die sozialpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, Anita Klahn, erklärte nach der Sitzung: "Der Erkenntnisgewinn der heutigen Beratung ist gleich Null." Ihre Fraktion habe bereits im September um Einsicht in das Gutachten gebeten, was die Landrätin auch gestern nicht ermöglicht habe. "Durch die Verzögerung drängt sich der Verdacht auf, dass es kein echtes Interesse an einer umfassenden Aufarbeitung gibt."
Wolfgang Baasch, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, sagte: "Fest steht, dass auf Seiten der Behörden Fehler gemacht wurden." Deren Analyse könne helfen, die Arbeit der Jugendämter besser zu machen. "Für eine Skandalisierung, wie das die Opposition schon seit Wochen versucht, eignet sich dieser schwierige Fall aber nicht."
Jutta Hartwieg will beim Jugendamt das Sechs-Augen-Prinzip etablieren, hat das Personal aufgestockt und versucht, ehrenamtliche Familienpaten zu gewinnen. Das Kellerkind war im Juni entdeckt worden. Der dreijährige Junge lebte nackt in einem verdreckten Keller.

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