Ladendiebe greifen immer öfter zu

Einzelhändler wehren sich gegen Bagatellisierung / Justizminister tagen

Kay Müller von
26. Juni 2014, 06:30 Uhr

Ladendiebe und unehrliche Mitarbeiter haben 2013 bundesweit für mehrere Milliarden Euro Waren geklaut und so die Branche massiv geschädigt. Das geht aus einer Studie des Handelsforschungsinstituts EHI hervor. Am häufigsten werden kleine, teure Waren wie Parfums, Brillen oder Smartphones gestohlen. Die Warenverluste summierten sich 2013 auf 2,1 Milliarden durch Ladendiebe und 1,2 Milliarden durch Mitarbeiter und Lieferanten. Das sind laut Studie fast 100 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Vor allem professionell organisierte Banden, die bei jeder Tat hohe Schäden verursachen, bereiteten den Einzelhändlern Sorgen.

In Schleswig-Holstein beträgt der Schaden laut Monika Dürrer vom Einzelhandelsverband Nord 155 Millionen Euro pro Jahr, davon allein 76 Millionen durch Diebstahl. Das seien keine Bagatellen. Viele Einzelhändler kalkulieren den Verlust bereits in die Preise ein. Jeder ehrliche Kunde zahlt so für die Diebe mit – und für Sicherheitsanlagen der Ladenbesitzer. Schon jetzt setzten drei Viertel Überwachungskameras ein.

Die Zahl der im Norden bekannt gewordenen Ladendiebstähle ist laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2013 im Vergleich zum Vorjahr erneut gestiegen: von 481 auf 523. Die Aufklärungsquote lag bei über 90 Prozent. Monika Dürrer weist jedoch auf die hohe Dunkelziffer hin: „Geschätzt wird nur jeder zweite Fall zur Anzeige gebracht.“ Viele Händler seien frustriert. Dürrer: „Wegen der schnellen Einstellung von Verfahren verzichten viele Händler auf eine Anzeige. Der bürokratische Aufwand ist zudem höher als die Aussicht, den Dieb zu erwischen.“

Niedersachsens Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) hat das Thema auf der heutigen Konferenz der Justizminister von Bund und Ländern auf die Tagesordnung gesetzt. Ihr Vorschlag: Die Entkriminalisierung so genannter Bagatelldelikte soll Justiz und Polizei entlasten und eine effektivere Bekämpfung schwerer Straftaten ermöglichen – sprich: notorische Ladendiebe sollen nicht mehr zwangsläufig im Gefängnis landen.

Monika Dürrer hält davon nichts: „Sich an jemand anderes Eigentum zu bereichern ist und bleibt eine Straftat und nicht bloß eine Ordnungswidrigkeit. Sie muss konsequent verfolgt und bestraft werden.“

Schleswig-Holsteins Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) gibt sich zurückhaltend: Sie teilt die Auffassung, dass bei Bagatelldelikten ein Freiheitsentzug möglichst zu vermeiden sei, so ihr Sprecher Oliver Breuer. Die Ministerin sei allerdings skeptisch, ob eine vollständige Entkriminalisierung solcher Taten der richtige Weg ist. Und: „Bei erwachsenen Tätern sind kurze Freiheitsstrafen schon jetzt nur ausnahmsweise zulässig.“ Kommentar Seite 2

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