Zukunftspläne für die Gedenkstätte : KZ-Außenlager Ladelund: Dunkle Geschichte mit hellem Ausgang

Eine Skulptur erinnert an den NS-Terror, dem in Ladelund innerhalb von nur sechs Wochen über 300 Menschen zum Opfer fielen.
Eine Skulptur erinnert an den NS-Terror, dem in Ladelund innerhalb von nur sechs Wochen über 300 Menschen zum Opfer fielen.

Der kleine Ort Ladelund im Kreis Nordfriesland hat eine bewegte Historie. Nur wenige kennen die Geschichte der KZ-Außenlager Ladelund. Seit 1950 existiert die Gedenkstätte, die jetzt modernisiert werden soll.

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25. Januar 2015, 08:51 Uhr

Ladelund | Es ist kalt, nebelig und still an diesem Morgen im Januar. In Ladelund im Kreis Nordfriesland, etwa 30 Kilometer von Flensburg entfernt, ist es wie im Märchen. Wiesen, Felder, Bäume und Sträucher sind in Eiskristalle gehüllt, ab und an kann man eine Krähe krächzen hören, wenige sind unterwegs. Knapp 1400 Menschen leben hier auf dem Land zwischen Nord- und Ostsee, doch kaum jemand außerhalb des Ortes weiß mehr über die bewegte Historie des kleinen Dorfes nahe der dänischen Grenze. Denn hier lassen sich gleich zwei Geschichten erzählen.

Die KZ-Gedenkstätte Ladelund. Hier ist die Ausstellung beheimatet.
Hencke
Die KZ-Gedenkstätte Ladelund. Hier ist die Ausstellung beheimatet.

Wer vor der alten Kirche rechts abbiegt, kommt nach wenigen Metern auf einen kleinen Parkplatz. Dort wartet Raimo Alsen auf Besucher. Er ist Leiter der wohl ältesten KZ-Gedenkstelle in Deutschland, ganz sicher jedoch in Schleswig-Holstein. Dass es in Ladelund eine Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme bei Hamburg gab, ist noch lange nicht allen bekannt. Wenn es nach Raimo Alsen geht, soll sich dies möglichst bald ändern.

Ladelund war eine von insgesamt 86 Außenlagern des KZ Neuengamme. Es bestand nur für sechs Wochen. Vom 1. November 1944 bis zum 16. Dezember 1944. Trotzdem starben innerhalb der kurzen Zeit insgesamt 301 der 2000 Häftlinge. Unter katastrophalen Bedingungen wurde an der Grenze zu Dänemark und die nordfriesische Küste entlang ein Panzerabwehrgraben geschaufelt, da waren die Alliierten im Westen Deutschlands bereits über die Reichsgrenze vorgestoßen. Die „Riegelstellung“ sei eine der letzten – und wohl eine der sinnlosesten – Verteidigungsanlagen gewesen, die je gebaut wurde, sagt Alsen.

Als die Häftlinge in Viererreihen aus Viehwaggons am Achtruper Bahnhof stiegen, mussten sie die acht Kilometer nach Ladelund zu Fuß zurücklegen. Bei Ankunft am Bahnhof waren die ersten Gefangenen bereits tot. Unter der Kommandantur des Tyrannen Hans Griem, einem Mann der Totenkopf-SS, wurden viele der Gefangenen zu Tode geschunden, erschlagen oder erschossen. „Er galt als Trinker und Sadist. Griem ist für seine Morde nie verurteilt worden,“ sagt Alsen. Er sei kurz vor Anklageerhebung in Hamburg-Bergedorf im Jahr 1971 gestorben.

Unter den 301 Toten waren auch 110 Männer aus Putten in den Niederlanden. Insgesamt wurden 589 Männer aus Putten nach Neuengamme deportiert, nur 48 kehrten nach dem Krieg in die Heimat zurück. Der Grund für die hohe Zahl an Niederländern aus Putten war ein dort verübter Anschlag von Widerstandskämpfern auf einen Geländewagen der Wehrmacht. Die Nationalsozialisten statuierten ein Exempel, verhafteten fast alle Männer des Ortes zwischen 17 und 50 Jahren und deportierten sie.

Die Toten in Ladelund wurden von dem überzeugten Nationalsozialisten Johannes Meyer, damals Pastor in der Gemeinde, begraben. Sie wurden ordentlich und mit einem christlichen Begräbnis beigesetzt, die Namen wurden verzeichnet. Die Lager- und Arbeitsbedingungen wurden von Meyer in der Kirchenchronik festgehalten.

Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Ladelund, Raimo Alsen, an der zentralen Gedenkstätte. In dem Dokumentenbuch sind die Namen der Toten und die Grabstellen verzeichnet.
Gerrit Hencke
Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Ladelund, Raimo Alsen, an der zentralen Gedenkstätte. In dem Dokumentenbuch sind die Namen der Toten und die Grabstellen verzeichnet.

Direkt nach dem Krieg habe der zweite, positivere Teil der Geschichte Ladelunds begonnen, sagt Alsen. Meyer, der eventuell seine Hände reinwaschen wollte, schrieb Briefe an die Angehörigen der Toten. Er berichtete über die christliche Bestattung und gestand die Schuld seines Volkes. Der Pastor bat um Vergebung für die Gräueltaten des NS-Regimes. „Meyer bekam damals viele Antworten. Viele drückten Dankbarkeit aus. Für viele war es wichtig zu wissen, wo der Sohn, Mann, Vater oder Bruder liegt“, sagt Alsen. Dennoch sei seine Person eine umstrittene Figur in der Geschichte Ladelunds.

1950 kamen die ersten 130 Niederländer, um die Gräber ihrer Angehörigen in Ladelund zu besuchen. „Damals waren die Deutschen noch so verhasst, dass sie lieber in Tondern übernachteten als hier im Dorf“, sagt der 29-Jährige. Seither sei das Gräberfeld der zentrale Ort der Gedenkstätte. Noch heute kommen Gruppen aus den Niederlanden nach Ladelund, um am Volkstrauertag ihrer Angehörigen zu gedenken. Dadurch seien in den Jahren enge Freundschaften zu Anwohnern in Ladelund entstanden, sagt Alsen. Denn natürlich würden die Besucher heute hier am Ort übernachten. 2013 starb der letzte Überlebende des Lagers, Jannes Priem. „Er kam regelmäßig nach Ladelund und hat seine Geschichte erzählt“, sagt Alsen.

In den 1980er Jahren wurde von dem Flensburger Gymnasiallehrer Jörn-Peter Leppien die Ausstellung in ihrer heutigen Form erarbeitet. Zunächst Wanderausstellung, ist sie seit der Errichtung des Dokumentenhauses 1990 fester Bestandteil. Und heute? „Wir schätzen die Arbeit von Leppien sehr, nach 25 Jahren müssen wir allerdings einsehen, dass der Zahn der Zeit an der Ausstellung nagt“, sagt der 29-Jährige. Neue Möglichkeiten durch Einsatz von modernen Medien und die Veränderungen in der Gesellschaft würden eine Überarbeitung der Ausstellung nötig machen. „Mit einer Ausstellung in der jetzigen Form, kann man das Thema Schulklassen nur noch schwer vermitteln“. Für die Erzählung der Geschichte seien daher moderne Formen wichtig, damit die NS-Epoche nicht noch weiter in die Ferne rückt.

Die Ausstellung soll moderner werden.
Hencke
Die Ausstellung soll moderner werden.
 

Raimo Alsen hat daher große Pläne für die durch die Kirche getragene Gedenkstätte in Ladelund. „Schade ist, dass Ladelund an Spurenarmut leidet.“ Die letzten Baracken des Lagers wurden in den 1970ern abgerissen, heute ist dort ein Acker mit Gedenkstein. Auch die Verteidigunsgräben sind – bis auf ein rekonstruiertes Stück – verschwunden. „Wir müssen der Spurenarmut entgegenwirken und ein spannendes Stück Geschichte erzählen.“ So sollen Schulklassen künftig über Ladelund in ihrem Geschichtsunterricht lernen.

Ein Gedenkstein erinnert an das Lager, in dem 301 von 2000 Häftlingen ums Leben kamen.
Hencke
Ein Gedenkstein erinnert an das Lager, in dem 301 von 2000 Häftlingen ums Leben kamen.
 

Auch Besucher aus den Niederlanden und Dänemark müssen künftig besser angesprochen werden. „Bislang gibt es die Ausstellung nur in deutscher Sprache. Wir wollen in Zukunft zumindest Englisch und – sofern umsetzbar – auch Dänisch und Niederländisch anbieten.“ Weiterhin sei geplant, die Außenanlagen sinnvoller miteinander zu verbinden, sodass sie „für sich stehen“, wenn die Gedenkstätte geschlossen hat.

Ein Wunsch von Raimo Alsen ist die Einbindung der Dorfbewohner. „Wir brauchen Zeitzeugen, die uns mit ihrer Geschichte oder Fotos von damals weiterhelfen können.“ In Ladelund, wo 1933 bei den Wahlen 84 Prozent die NSDAP gewählt haben, hätten die Leute Berichten nach viel vom Lager mitbekommen. Der 29-Jährige erhofft sich daher, mehr Material aus dieser Zeit zu bekommen.

Eine Skulptur erinnert an den NS-Terror, dem in Ladelund innerhalb von nur sechs Wochen über 300 Menschen zum Opfer fielen.
Hencke
Eine Skulptur erinnert an den NS-Terror, dem in Ladelund innerhalb von nur sechs Wochen über 300 Menschen zum Opfer fielen.
 

Bei der Umsetzung der Pläne helfen neben vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern auch die 500.000 Euro Fördergelder, die erst kürzlich von der Bundesregierung, dem Land Schleswig-Holstein und der Kirche bewilligt worden sind. Das Projekt kann also beginnen. Auch die neue Kuratorin Angelika Königseder soll bei der Gestaltung der „neuen“ Ausstellung helfen. Bereits am 27. Januar wird sie anlässlich zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ einen Vortrag in Ladelund halten.

Bisher gibt es drei halbe Stellen in der Gedenkstätte. „Wir sind auf die Hilfe von Ehrenamtlichen angewiesen, die zum Beispiel am Wochenende die Aufsicht führen oder auch mal eine Führung übernehmen.“ Wer sich für Geschichte interessiere, würde in Ladelund viel lernen. Dass nach der grausamen Epoche in der Geschichte Ladelunds nun eine positive Aufarbeitung erfolgt, zeige, dass man „an der Geschichte nicht verzweifeln müsse“, zitiert Alsen einen ehrenamtlichen Mitarbeiter. Er und sein kleines Team stehen vor großen Herausforderungen und freuen sich. „Ladelund hat eine spannende Geschichte und es macht Spaß hier etwas zu bewegen.“

Weitere Infos zur Geschichte, aktuelle Nachrichten und Öffnungszeiten der Gedenkstätte gibt es im Internet.

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