"Santiano" : Küsten-Pop auf medialer Sturmfahrt

Santiano: kein altbackener Fiddelfolk, sondern kernige maritimer Popmusik.
Santiano: kein altbackener Fiddelfolk, sondern kernige maritimer Popmusik.

Eigentlich hätten "Santiano" ein Shanty-Chor werden sollen. Die meisten Fans werden froh sein, dass es anders gekommen ist.

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25. März 2012, 03:19 Uhr

Flensburg | "Ruhm ist nix für Feiglinge", postet Björn Both auf Facebook. Die fünf Nordlichter, die derzeit als nautische Popcombo "Santiano" für Furore sorgen, sind im Stress. Gestern Abend schnackten sie bei Tietjen und Hirschhausen, am Abend davor waren sie in Berlin zu Gast bei der Echo-Verleihung und am Mittwoch drehten sie mit RTL. Vor sieben Wochen kam "Bis ans Ende der Welt" auf den Markt und spülte die fünf unerschrockenen Barden unvermittelt ins Rampenlicht der allgemeinen medialen Begeisterung.
Björn Both schlägt den akustischen Bass bei "Santiano", und mit seinem grobgestrickten Rollkragen-Pullover unter dem graumelierten Bart sieht er auf den Videos tatsächlich wie ein echter Seebär aus. Er ist der Dithmarscher in der Band; drei kommen aus Flensburg, einer aus Schleswig. Der aus Yorkshire stammende Pete Sage wird hier als Flensburger gewertet.
Wiedererkennungseffekt garantiert
Dass diese fünf Mannsbilder, die in ihrer bisherigen künstlerischen Laufbahn durchaus nicht immer auf Rosen gebettet waren, jetzt in den Charts vor Kollegen wie Bruce Springsteen, Adele oder Madonna stehen, ist schon eine kleine Sensation. Welchen empfindlichen Nerv haben sie mit ihrer Musik getroffen? Ganz klar, der Titelsong spricht unmittelbar an und animiert zum Mitsingen, und zumindest die Älteren haben früher selbst die "Kaperfahrt" bei den Pfadfindern oder im Singkreis geschmettert. Und natürlich kennt man "David’s Song" von den Engtanz-Partys der 80er. Der Wiedererkennungseffekt ist also garantiert, etwa bei "Whiskey in the Jar", das nicht weit vom zeitlosen Dubliners-Sound entfernt ist.
Doch in Zeiten von Facebook und You Tube muss man auch optisch gut rüberkommen. Und das tun Axel und Andreas, Björn, Pete und Timm allemal. Wenn man sie im Video auf einem der Flensburger Museumssegler sieht, wie sie an Tampen ziehen, prüfend in die Takelage schauen und das Ruder fest in den Händen halten, dann weiß man zwar, dass es nur Dreharbeiten sind. Aber es wirkt trotzdem authentisch - weil es passt. Pete Sage ist seit eh und je dem Flensburger Museumshafen eng verbunden, Andreas Fahnert und Axel Stosberg haben seit ihrer Kindheit den Geruch des Hafens verinnerlicht. Schiffe, Wind und Meer sind Teil des Lebens dieser fünf Kerle.
Initialzündung nach ein paar Bier
Aber was ist mit der Musik, wie kommt man auf die Idee, eine fast ausgestorbene Songgattung wiederzubeleben? War es wirklich so, dass man auf einer Party nach ein paar Bieren zur Gitarre griff, die alten Seemannslieder hervorkramte und zufällig der befreundete Produzent in der Nähe war? Ja, so ähnlich war es wohl. Die Initialzündung ging jedoch von Jörg Hellwig aus, Managing Director von Koch Universal Music aus München, der von dem Erfolg eines maritimen Musikprojektes in Frankreich wusste und etwas Ähnliches gern in Deutschland lancieren wollte. Und zum Glück kannte er Hardy Krech und Mark Nissen von Elephant Music, ein kreatives Produzentenduo aus Flensburg.
Wie in Frankreich sollte der neue Seemannspop zunächst mit einem Shantychor umgesetzt werden. Es gab ein Vorsingen in Bremerhaven, das jedoch nicht sehr erfolgreich war. Erst da erinnerten sich Krech und Nissen an ihre Freunde und Kollegen in Flensburg, die das doch vielleicht viel besser können. Das war die Geburt von Santiano.
Kein Shanty, sondern maritimer Pop
Genau genommen war es die Wiedergeburt. Denn der Song ist alles andere als neu. "Natürlich kenne ich Santiano", sagt Lucie Morin, Französin und Mitarbeiterin beim Festival Folk-Baltica. "Ich habe es wie alle anderen französischen Kinder in der Schule gelernt. Es ist ein Lied des Liedermachers Hugues Aufray." Darum ist "Santiano" auch kein Shanty, sondern eher maritimer Pop. Dafür sorgt schon der flotte Grundbeat, der jedes Gefühl nach altbackenem Fiddlefolk sofort vertreibt.
"Die Bandverpackung war wichtig", sagt Jörg Hellwig, "der energetische Stilmix." Selten habe man so unterschiedliche Publikumsschichten mit einer Produktion erreicht, sagt der Medienprofi. "Die Band wirkt nicht glatt gebügelt, sondern kernig."
Flensburger Band-Wurzeln
Und es gibt eine musikalische Basis. Andreas Fahnert und Hardy Krech rockten früher gemeinsam bei der Flensburger Band "Toy", Timm Hinrichsen und Mark Nissen bei "Jack McTiger & the New Deal". Pete Sage gehört zur Achim-Reichel-Band, spielte aber auch schon für Mike Oldfield. Björn Both ist parallel als "Sangit" mit "Shamanian voice ’n’ strings" unterwegs, und Axel Stosberg ist zwar Schauspieler, hat aber immer auch gesungen, beispielsweise in der Brecht-Weill-Revue in Flensburg.
Zu den prominenten Fans von "Santiano" zählt NDR-Anchorwoman Bettina Tietjen. "Ich finde es gut, wenn Herren im besten Alter noch Karriere machen - das lässt mich hoffen. Außerdem mag ich Seemannslieder und finde, dass das eine tolle Art ist, die wieder populärer zu machen."

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