"Königin des Kondoms" : Kubas Beate Uhse ist eine Deutsche

Kampf dem Machismo: Monika Krause-Fuchs hat dafür Leib und Leben riskiert. Foto: sh:z
Kampf dem Machismo: Monika Krause-Fuchs hat dafür Leib und Leben riskiert. Foto: sh:z

Monika Krause-Fuchs kämpfte 30 Jahre für die sexuelle Befreiung in dem karibischen Inselstaat. Heute lebt die ehemalige Vertraute der Castros in Glücksburg.

shz.de von
24. März 2011, 07:06 Uhr

glücksburg | Ein Leben wie ein großes Abenteuer. Unterdrückung und Befreiung, Macht und Repressalien, Anerkennung und Angst prägen über Jahrzehnte das turbulente Dasein von Dr. Monika Krause-Fuchs. Alle Höhen und Tiefen hat die zierliche, temperamentvolle Frau, die am 8. April ihren 70. Geburtstag feiert, im Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen erlebt und erlitten. Nicht in Deutschland, sondern in Kuba, wo sie über drei Jahrzehnte im innersten Kreis der Familie Castro lebt und arbeitet.
Als "Königin des Kondoms" ist Monika Krause-Fuchs in Dokumentationen und Büchern weltbekannt geworden. Dieser Titel war als Schimpfwort gemeint von gewissen kubanischen Kreisen. "Ich habe es einfach als Ehrentitel gesehen - und mir im Kampf für die Frauen gesagt: Jetzt erst recht", betont Monika Krause-Fuchs. Seit einigen Jahren lebt die in Mecklenburg Geborene in Glücksburg an der Flensburger Förde. Auch hier sprüht sie vor Energie, besonders wenn es gilt, auf die Unterdrückung von Frauen aufmerksam zu machen.
Flucht vor dem DDR-Regime
Schon der Weg nach Kuba war eine dramatische Flucht - vor dem DDR-Regime. "Für einen Menschen, der frei denken möchte, war diese Enge, dieser Druck und diese Kontrolle in der DDR unerträglich", erinnert sich Monika Krause-Fuchs. Da kommt der junge Kapitän Jesus Jimenez mit besten Kontakten zu höchsten kubanischen Kreisen und mit seinem Schiff "Sierra Maestra" 1961 - kurz vor dem Mauerbau - genau zur rechten Zeit nach Rostock. Schnell heiraten die beiden. Es folgen Verschmähungen des Regimes und Anfang 1962 eine Ausreisegenehmigung ohne Wiederkehr. In nur drei Tagen muss sich Monika Krause-Fuchs für immer von ihrem gesamten Leben verabschieden.
Dem Schock des Abschieds folgt der Schock der Ankunft in Kuba. Unerträgliche Schwüle, Dreck, Gestank und Kakerlaken prägen die ersten Eindrücke. Wie auch der große Empfang zu Ehren ihres Mannes, des großen Kapitäns. Ihm gilt die gesamte Aufmerksamkeit. Die junge Ehefrau fühlt sich als "Anhängsel". Nach einiger Zeit verziehen sich die Männer in den größten und schönsten Raum des Hauses, um über große Politik zu diskutieren. Die Frauen sprechen in einem kleinen Raum über Babys und Kindererziehung. Monika Krause-Fuchs geht zu ihrem Mann, der ihr deutlich macht, dass sie in dieser Runde nichts zu suchen hat.
Kuba: Fast so viele Abtreibungen wie Geburten
Die Lage der kubanischen Frauen ist zu dieser Zeit verheerend. Im ganzen Land kein einziges Buch über Sexualkunde, keine Aufklärung, keine Verhütung, keine Familienplanung, keine Selbstbestimmung. Dafür Männer, die mit ihrer Potenz prahlen, wenn ihre Frauen möglichst oft schwanger werden. Da der Kinderwunsch nicht Grund dafür ist, gibt es offiziell fast genauso viele Abtreibungen wie Geburten. "Durch diese enorme körperliche Belastung starben bei der Geburt oder bei der Abtreibung viele Frauen, und auch viele Neugeborene", erinnert sich Krause-Fuchs.
Wenige Jahre nach ihrer Ankunft in Kuba wird die Absolventin eines Lateinamerikanistik-Studiums von Vilma Espin Castro, Schwägerin von Fidel Castro und Ehefrau des heutigen Regierungschefs Raul Castro, beauftragt, ein nationales Programm für Sexualerziehung, -beratung, -therapie und Familienplanung zu konzipieren und umzusetzen. Monika Krause-Fuchs gründet das Nationale Zentrum für Sexualerziehung und wird dessen Direktorin.
Beratungsstellen und Aufklärungsbücher
In den ersten Jahren gibt es für dieses viel Geld, die Beate Uhse Kubas leistet ganze Arbeit. Sie baut ein Netz von Beratungsstellen auf, bringt Zehntausende Aufklärungsbücher ins Land, kämpft auf großen Kongressen, mit ihren im ganzen Land diskutierten Fernseh- und Radioauftritten gegen die sexuelle Unterdrückung der kubanischen Frauen. Diese feiern die junge Deutsche als Verbündete und Befreierin. "Die Erfolge, der große Zuspruch aus der Bevölkerung waren beflügelnd", erinnert sich die 69-Jährige, die in diesen Jahren selbst zwei Jungen zur Welt bringt.
Doch mit jedem Jahr gibt es für ihre revolutionären Ansichten im revolutionierten Kuba weniger Geld. Dafür mehr Kritik an ihrer mutigen Arbeit. Wie früher in der DDR schnüren sich Kontrollen und Repressalien des sozialistischen Castro-Regimes wie Krakenarme immer enger um die Hälse von frei denkenden Menschen. "Viele verschwanden über Nacht aus Führungspositionen", sagt Monika Krause-Fuchs. Die Angst wächst, auch die der tapferen Frau aus Deutschland. Denn sie bricht ein Tabu nach dem anderen, kämpft gegen Teenager-Schwangerschaften. Und auch für die Entkriminalisierung der Homosexuellen - in Kuba eine Todsünde. Fidel Castro dreht bei ihren Reden seine Finger immer kräftiger um seinen Bart, sein Zeichen von größtem Missfallen. Auch Vilma Castro, die für die junge Deutsche zur Mutterfigur, zur Versorgerin mit bestem Essen und bester Medizin geworden ist, übt zunehmend Kritik. Als "Sexbesessene" und "Jugend-Verderberin" wird Monika Krause-Fuchs beschimpft.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Subventionen für den sozialistischen Brückenkopf wird der kubanische Alltag zum großen Elend. 1990 schnappt sich die geschiedene Deutsche ihre Söhne und rettet sich unter einem Vorwand nach Hamburg. Wieder ein großer Bruch, wieder eine andere Kultur, wieder ein Neuanfang, der mit ihrem heutigen Ehemann ein Happy-End nimmt. Den Kampf für die Rechte der Frauen treibt die Frau mit einer faszinierenden Lebensgeschichte weiter an. "Der Machismo ist in Deutschland noch immer ziemlich ausgeprägt. Gerade in jüngster Vergangenheit beobachte ich Rückschritte mit Blick auf die Gleichberechtigung. Es besteht enormer Handlungsbedarf", sagt Monika Krause-Fuchs.
(wer, shz)

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