LKA Kiel : Kriminelle peppen Medikamente zu Drogen auf

Arzneimittel sollen gesund machen, einige werden nur für den Missbrauch geschaffen.
Arzneimittel sollen gesund machen, einige werden nur für den Missbrauch geschaffen.

Das Kieler Landeskriminalamt warnt vor schweren gesundheitlichen Folgen von Designer-Medikamenten. Auf dem Markt sind auch Betäubungsmittel für Elefanten.

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12. Juni 2015, 10:20 Uhr

Kiel | Das Landeskriminalamt Kiel warnt vor einem neuen Drogen-Trend: Dem Rausch durch Designer-Medikamente. „Seit gut zwei Jahren tauchen Arzneimittel auf, die allein für den Missbrauch geschaffen wurden“, sagt Dr. Folker Westphal vom Sachgebiet Betäubungsmittel im Kieler Landeskriminalamt (LKA). Sie seien weder zugelassen noch klinisch erprobt. „Testobjekte sind hier die Konsumenten“, so der Experte.

Wie bei herkömmlichen Drogen sind Stoffe mit euphorisierender oder entspannender Wirkung gefragt. Zugegriffen wird auch bei Mitteln, die Sinnestäuschungen verursachen. „Für Designer-Medikamente werden kleine chemische Änderungen an herkömmlichen Wirkstoffen vorgenommen“, erklärt Westphal. So sollen neue Effekte erzielt werden. Vielfach wird aber auch einfach der Medikamentenwirkstoff in Reinform verkauft.

Die Täter schrecken dabei vor nichts zurück, werfen sogar Betäubungsmittel für große Wildtiere wie Löwen oder Elefanten auf den Markt. Dazu zählt zum Beispiel Carfentanil. „Aus 0,1 Gramm lassen sich 10.000 Verkaufseinheiten produzieren“, so Westphal. „Die Gefahr einer Überdosierung mit schweren gesundheitlichen Folgen ist enorm.“

In Europa sind Drogenfahndern bei Schlafmitteln wie etwa den Benzodiazepinen bislang sieben Designer-Abkömmlinge in die Hände gefallen. Bei den Aufputschmitteln waren es unter anderem drei Ritalin-Abkömmlinge. Beliebt bei den Konsumenten ist auch Ketamin (zehn Abkömmlinge). Das Narkosemittel hat eine stark bewusstseinsverändernde Wirkung, ermöglicht außerkörperliche Erfahrungen.

Hergestellt werden die Designer-Medikamente dort, wo man bereits Know-how mit der Fälschung von Arzneimitteln gesammelt und eine illegale Industrie hochgezogen hat – wie in China oder Indien. Inhaltsstoffe, Dosierung, Reinheit? „Eine ordentliche Qualitätskontrolle darf nicht erwartet werden“, sagt Westphal.

Die Designer-Medikamente verschärfen ein Problem, mit dem die Polizei seit 2008 konfrontiert wird: Designer-Drogen. Zu den bekanntesten zählen „Räuchermischungen“ und „Badesalze“. „Im vergangenen Jahr haben wir bei unseren Ermittlungen neben herkömmlichen Drogen immer auch Designer-Drogen sichergestellt“, sagt Rainer Bretsch, Leiter des Dezernates zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität im LKA. „Das Angebot eines vermeintlich legalen Rauschmittels hat eine enorm große Nachfrage produziert.“

Und die soll nun durch Designer-Medikamente weiter angefacht werden. Sie werden auf den gleichen Internet-Plattformen angeboten. Und wie Designer-Drogen kommen sie in poppig-bunten Tütchen, haben also ein harmloses Erscheinungsbild. „Das gehört zum Geschäftsmodell“, warnt Folker Westphal. Dabei seien die Risiken extrem hoch. „Der Konsument weiß nicht, was er da bekommt.“ Laut Bundesgesundheitsministerium starben seit 2010 bundesweit 20 Menschen nach dem Konsum von Designer-Drogen, rund 500 mussten wegen schwerer Vergiftungen behandelt werden. Zahlen für Designer-Medikamente gibt es noch nicht.

Verbote durch das Betäubungsmittelgesetz hebeln die kriminellen Produzenten aus, indem ihre Synthese-Chemiker immer wieder einzelne Moleküle abwandeln. So kommen in Deutschland etwa vier veränderte Verbindungen pro Monat auf den Markt, 101 waren es im vergangenen Jahr europaweit.

Im Vergleich zum Auftauchen von anderen Drogen wie seinerzeit Heroin findet die gesellschaftliche Debatte über die Gefahren aber eher am Rande statt. „Es gibt keinen Aufschrei“, sagt Ermittler Bretsch. „Dabei sind schwere Schäden wie Psychosen ein großes Problem.“

Die Hoffnung der Polizei ruht nun darauf, dass der Gesetzgeber ein Stoffgruppen-Verbot einführt. Österreich, die Schweiz und England sind diesen Weg bereits gegangen. Folker Westphal: „Molekül-Veränderungen wären dann nutzlos.“ Und es gäbe noch einen Vorteil: Der „Drogen-Hammer“ könnte die Designer-Medikamente gleich mit erfassen.

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