Schlachtbank Düppel : Krieg um Schleswig: Arte zeigt dänische Serie „1864“

Szene aus „1864“: Der gebrochene und sadistische Sohn des Freiherrn, Didrich (Pilou Asbæk, r.), quält den jungen Zigeuner Djargo (Jordan Haj).
Szene aus „1864“: Der gebrochene und sadistische Sohn des Freiherrn, Didrich (Pilou Asbæk, r.), quält den jungen Zigeuner Djargo (Jordan Haj).

Dänemark annektiert in nationalistischer Euphorie Schleswig und riskiert einen vernichtenden Krieg, der das Land bis heute prägt. Arte zeigt das viel diskutierte dänische Drama „1864“ erstmals im deutschen Fernsehen.

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11. Juni 2015, 15:22 Uhr

Schleswig/Kopenhagen | Die Ausstrahlung der achtteiligen Mammut-Serie „1864“ war der mediale Höhepunkt der dänischen Erinnerungen an die nationale Schicksalsschlacht von 1864. Mit dem Zusatz im Titel „Liebe und Verrat in Zeiten des Kriegs“ läuft das Geschichts-Drama seit diesem Donnerstag an um 20.15 Uhr in deutscher Synchronisation auf Arte.

Das Epos über den Deutsch-Dänischen Krieg ist bei den nördlichen Nachbarn die kostspieligste Fernsehproduktion aller Zeiten. Rund 23 Millionen Euro wurden ausgegeben, der größte Teil davon stammt aus einer Sonderbewilligung des Parlaments. Die Erstausstrahlung im Herbst 2014 stellte bei den Dänen einen Quotenrekord auf – die erste Folge sahen 68 Prozent. Das allein zeigt die Wichtigkeit der verlorenen Schlacht im dänischen Selbstverständnis.

Aus Sicht der Deutschen mit der Schuld an zwei Weltkriegen gilt ihr Kampf um Schleswig im Jahr 1864 gerade einmal als Randnote der Geschichtsschreibung. Nur wenige Straßennamen in Kiel oder Berlin erinnern hierzulande noch an die blutigen Schlachten in Jütland. Preußen entschied sie auch dank seiner modernen Krupp-Kanonen und seines schnell wachsenden Eisenbahnnetzes für sich. Für die Dänen ist es bis heute der letzte Krieg in Europa, in dem sie aktiv eine Rolle spielten. 1864 wird die schwerste Demütigung für die ehemalige europäische Großmacht, die sich dauerhaft ins nationale Selbstverständnis eingegraben hat.

Die Erzählung von Ole Bornedal stützt sich auf die Kriegswehen der einfachen Menschen, an deren Schicksal der Zuschauer Anteil nehmen soll. Die Brüder Peter (Jens Sætter-Lassen) und Laust (Jakob Oftebro) sind Bauernsöhne, deren inniges Verhältnis durch ihre gemeinsame Liebe zu Inge (Marie Tourell Søderberg) ins Wanken gerät.

In dieser ländlichen Welt zwischen den Kriegen überwiegt zunächst die szenische Darstellung intakter Natur. Auch wenn die Kriege in Körper und Seele nachwehen, so ist doch der Geist der Aufklärung auf dem Vormarsch in die bäuerlichen Stände, was sich in Peters pastoralem Interesse für Ornothologie zeigt. Doch in Kopenhagen spielen sich ganz andere Szenen ab, die im Kontrast zu dieser Lebenswirklichkeit wie blankes Theater inszeniert werden.

Die Schuldfrage für das folgende Massaker wird überraschend klar beantwortet und in einer Art, wie sie vielen Dänen zuvor unbekannt war: Ministerpräsident Monrad (ein Psychopath in dritter Generation) und die Kopenhagener Eliten werden im Rausch über die gewonnene Schlacht gegen Preußen von 1851 Drahtzieher einer nationalistischen Hybris. Dänemark, das „auserkorene Land“, will sich als erstes Schleswig einverleiben, was einen Bruch des Londoner Protokolls bedeutet. Die logische Kriegserklärung Preußens wird in diesen Kreisen förmlich herbeigesehnt. Kopenhagen läuft selbstverschuldet in ein militärisches Desaster, das nicht mal der Soldat Johan (Søren Malling), der zugleich Seher und Wunderheiler ist, in seinem Ausmaß lindern kann. Sogar Gott – so scheint es – hat sich von diesen Dänen abgewandt.

Mitten in die Gegenwart schlägt „1864“ den Bogen mit einer anfangs etwas gewollt wirkenden Rahmenerzählung, die den Zuschauern die aktuelle Relevanz des Themas näherbringen soll. Teenager Claudia lebt im Dänemark des Jahres 2014. Ihr Bruder ist als Soldat „irgendwo in der Wüste“ gefallen. Die rebellische Jugendliche freundet sich mit einem alten Mann an, der ihr von Laust, Peter und Inge erzählt. Das ist der Ausgangspunkt der Zeitreise, bei der es um die besagte Dreiecksgeschichte im Krieg geht.

Für die monumentalen Kampfszenen mit Hunderten Statisten, Truppen auf beiden Seiten und einem riesigen Schlachtfeld verlegten die „1864“-Macher das Set nach Tschechien.

Die Erwartungen in Dänemark waren riesig, doch sie wurden zum Teil nicht erfüllt und zum Teil auch auf den Kopf gestellt. Die aus hiesiger Sicht unvorstellbare Einschaltquote – auch wenn sie am Ende auf „nur“ 47 Prozent sank – zeigt die ungebrochene Wichtigkeit dieses Themas in der dänischen Gesellschaft. Die Kritik fiel teils heftig aus. Kein Wunder, denn selten ist eine dazu noch öffentlich finanzierte Nationaldichtung vernichtender ausgefallen.

Neben der Empörung über die so einfach abgehandelte Schuldfrage und dem Vorwurf politischer Stimmungmache, die vor allem am rechten Rand emporschossen, wurde die Serie aufgrund einiger eher unwichtiger historischer Ungenauigkeiten verlacht. Ein wilder Kampf um die Deutungshoheit brach los. Viel besser war dagegen das Echo in Großbritannien, wo das grandiose Kriegs-Drama vor kurzem ausgestrahlt wurde.

Wie sagte der Premier Viscount Palmerston im britischen Humor doch so schön (auch im Film)? „Nur drei Menschen haben die schleswig-holsteinische Geschichte begriffen – Prinzgemahl Albert, der ist tot; ein deutscher Professor, der ist wahnsinnig geworden; und ich, nur habe ich alles darüber vergessen.“

Während die Ausstrahlung der 60-minütigen Episoden sich in Dänemark über acht aufeinanderfolgende Sonntage erstreckte, kann der Arte-Zuschauer sich über drei Blöcke am 11. (Folgen 1 bis 3) , 18. (Folgen 4 bis 6) und 25. Juni (Folgen 7 bis 8) freuen. Jeweils beginnend um 20:15 Uhr.
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