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Land führt keine Statistiken : Kranke Lehrer sind ein Staatsgeheimnis in SH

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Paukenschlag im Kieler Bildungsministerium: Das musste auf eine kleine Anfrage einräumen, dass keinerlei Zahlen zu Krankenständen der Lehrer erhoben werden. Unhaltbar finden Gewerkschaften und Opposition.

shz.de von
erstellt am 07.Jun.2015 | 10:17 Uhr

Der Krankenstand der Lehrer im Norden wird behandelt wie ein Staatsgeheimnis. „Zur Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage werden derzeit keine statistischen Erhebungen angestellt“, lautet die Antwort des Kieler Schulministeriums auf eine kleine Anfrage der CDU-Bildungsexpertin Heike Franzen. Für die Unionspolitikerin ist das ein Skandal: „Offenkundig will die Ministerin lieber nicht wissen, wie viel Unterricht an den Schulen tatsächlich ausfällt. Anders ist die Geheimniskrämerei nicht zu erklären.“ Für jedes Kind müssten die Schulen die Zahl der Fehltage im Zeugnis detailliert ausweisen. „Aber die konkrete Erfassung von Unterrichtsausfall aufgrund der Abwesenheit von Lehrkräften wird durch SPD-Bildungsminister seit Jahrzehnten verhindert“, empört sich die CDU-Frau.

Auch die Lehrergewerkschaft GEW in Schleswig-Holstein findet das Nichtwissen des Kieler Ministeriums „höchst sonderbar“, wie Sprecher Bernd Schauer erklärt. „Wir fordern seit Jahren, endlich den Krankenstand zu erheben. Wer die Fakten nicht kennt, kann nicht gegensteuern, um die Lage zu verbessern.“ Jeder größere Arbeitgeber mache das dem Ministerium vor. Allerdings vermutet auch Schauer, dass es sich bei dem „Nicht-Wissen“ des Ministeriums eher um ein „Nicht- Wissen-Wollen“ handelt. „Bislang zumindest hat die Landesregierung wenig bemüht, Licht ins Dunkel zu bringen.“ Datenschutzrechtliche Bedenken – wie GEW-Kollegen in anderen Bundesländern – hat Schauer nicht. „Es geht hier ja nicht darum, zu vergleichen, ob in der Schule A in Kiel Lehrer öfter krank sind als in Schule B, sondern um landes- oder kreisweite Entwicklungen zu identifizieren“.

Nach dem Motto „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ verfahren allerdings auch viele andere Bundesländer. „Ab 1990 wurde die routinemäßige Erhebung der Fehltage in allen Bundesländern eingestellt“, heißt es im Fehlzeiten-Report 2001, in dem der Krankenstand im öffentlichen Dienst unter die Lupe genommen wurde. Offizielle Daten liegen seitdem nur noch rudimentär vor.

In Niedersachsen fehlen beispielsweise 2012 die Lehrer im Schnitt 10,1 der insgesamt 195 Unterrichtstage im Jahr, dass entspricht einer Fehlquote von 5,2 Prozent. Der dortige Rechnungshof veranschlagt die Kosten auf mehr als eine viertel Milliarde Euro pro Jahr. In Sachsen meldeten sich Lehrer im gleichen Jahr aus gesundheitlichen Gründen an 13,5 Tagen ab und in Mecklenburg-Vorpommern waren Lehrer im Schnitt vier Wochen krank. Dabei stieg die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage von 16,2 Tagen im Schuljahr 2005/6 auf 18 Tage im Schuljahr 2011/12.

Den Vogel schießen bislang allerdings die Berliner Lehrer ab, die fast acht Wochen pro Jahr krank gemeldet sind, wie die dortige Bildungsverwaltung im vergangenen Jahr bekannt gab. Mit durchschnittlich 39 Krankheitstagen stehen die Pädagogen sogar noch schlechter da, als die Mitarbeiter der Straßenreinigung und der Müllabfuhr, die fast regelmäßig die Krankenliste anführen. In den Schulen – das zeigen die vereinzelten Studien– sind Sonderschullehrer am häufigsten krank und Gymnasiallehrer am wenigsten. Ob dabei der Frauenanteil in der Lehrerschaft eine Rolle spielt – Frauen melden sich im Zweifelsfall krank, wenn ihre Kinder mit Fieber im Bett liegen – ist ungeklärt.

Als Grund für die insgesamt steigenden Fehlzeiten führen Arbeitsmediziner und Gewerkschaften die Überalterung der Lehrerschaft an: Jüngere Lehrer meldeten sich zwar wegen ihrer eigenen Kinder öfter, aber kürzer krank, während ältere Kollegen bei weniger Krankschreibungen deutlich länger der Arbeit fern bleiben. Auf jeden Fall nimmt bundesweit die Zahl der Langzeitkranken überproportional zu, während Fehlzeiten unter drei Tagen nur gut ein Viertel der gelben Scheine ausmachen, die die Pädagogen beim Schulleiter vorlegen.

Bundesweit wird der Ruf nach mehr Transparenz laut. Das Rot-Grüne-Kabinett in Düsseldorf hat erst kürzlich die Wiedereinführung der Krankenstandserfassung beschlossen. Im Norden macht nicht nur die CDU Druck. Auch Wolfgang Dudda von den Piraten forderte in einer Parlamentsdebatte Auskunft über den „exorbitant hohen Krankenstand“ bei Lehrern. Nur so sei ein modernes Gesundheitsmanagement möglich. „Das würde viel Geld sparen und auch dafür sorgen, dass quasi das teure Steuergeld nicht in Krankenbetten liegt, sondern tatsächlich am Lehrerpult steht“, so der Pirat.

Selbst im Ministerium denkt man um. Die neue Ministerin Britta Ernst „will Zahlen und Fakten“, berichtet ihr Sprecher. Und überhaupt: Man sei bereits aktiv geworden – und zwar weit über dienst- und arbeitsrechtliche Normen hinaus. So sei ein Schwerpunkt des Instituts für Qualitätsentwicklung (IQSH) mit Prävention und Personalentwicklung definiert worden. Auch der schulpsychologische Dienst konzentriere sich bei der Beratung der Lehrkräfte auf den Erhalt der Gesundheit. Dafür – so teilt das Ministerium mit – wurden eigens 15 zusätzlich Planstellen geschaffen. Und wie immer gibt es Arbeitsgruppen: Personalräte, Behindertenvertreter, Schulaufsicht und arbeitsmedizinischer Dienst denken gemeinsam über neue Maßnahmen nach, wie man die Lehrergesundheit verbessern kann. Die leidet nämlich nicht nur wegen des hohen Durchschnittsalters der Pauker, sondern auch wegen der hohen Arbeitsbelastung durch unerzogene oder verhaltensauffällige Kinder, überkritische und ehrgeizige Helikopter-Eltern sowie vieler Reformvorhaben. Die Folge: Weniger belastbare Pädagogen werden zu Burn-out-Fällen.

Dass trotz dieser miesen Rahmenbedingungen die Zahl der Lehrer zurückgeht, die vorzeitig den Dienst quittiert, liegt nach Meinung aller Experten allerdings nicht am Gesundheitsmanagement des Ministeriums. Vielmehr haben gesetzliche Neuregelungen, wonach bei vorzeitigem Ausscheiden die Pension merkbar gekürzt wird, den Trend zum frühen Feierabend ausgebremst. Inzwischen hält immerhin jeder sechste Pädagoge bis zur offiziellen Pensionsgrenze durch.

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